Am Anfang jeder Immobilie liegt eine Baugrube. So auch hier an einer Baustelle in Frankfurt-Nieder-Erlenbach. Das ausgebaggerte Erdreich gilt in Hessen und vielen anderen Bundesländern sofort als "belastet" und muss ergo auf eine Erdaushub-Deponie. Doch viele sind inzwischen voll.
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Am Anfang jeder Immobilie liegt eine Baugrube. So auch hier an einer Baustelle in Frankfurt-Nieder-Erlenbach. Das ausgebaggerte Erdreich gilt in Hessen und vielen anderen Bundesländern sofort als „belastet“ und muss ergo auf eine Erdaushub-Deponie. Doch viele sind inzwischen voll.

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Bauen und Wohnen in Frankfurt wird 2021 noch teurer – der Grund überrascht

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
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Die Entsorgung von Erdreich könnte noch kostenintensiver werden, obwohl Wohnen in Frankfurt bereits jetzt teuer ist. Nun sind die Politiker gefragt.

  • Wohnen in Frankfurt droht noch teurer zu werden: Der Erdaushub macht Probleme.
  • Sechs bis sieben Prozent der Baukosten entfallen auf die Entsorgung von Erdreich.
  • Eine Lösung soll eine neue Mantelverordnung mit dem Bund bringen.

Frankfurt – Wohnen in Frankfurt dürfte im neuen Jahr noch teurer werden. Verursacht wird das auch durch ein bislang kaum wahrgenommenes Problem: Zur Neige gehende Kapazitäten von Erdaushub-Deponien treiben die Baupreise zusätzlich in die Höhe. Die Folge sind teils sehr weite, umweltverpestende Transportfahrten bis ins Ausland. Die Politik reagiert bisher kaum darauf. Denn bevor es beim Bauen in die Höhe geht, geht es erst einmal nach unten: Die Baugrube steht am Anfang. Das ist auch bei fast allen Projekten der Frankfurter Alea AG in ihrer 150-jährigen Firmengeschichte so gewesen. Doch just im Jubiläumsjahr 2020 ist der Aushub zum großen Problem für Bauunternehmer Thomas M. Reimann geworden. Denn die Erde aus dem Loch wird er kaum noch los: „Uns fehlt Deponieraum.“

Lastwagen aus Frankfurt müssen bis Mittelhessen fahren

Hierzulande muss Erdreich auf Deponien entsorgt werden. Doch deren Kapazitäten gehen zur Neige: Sie sank laut Hessens Umweltministerium in den fünf Jahren bis 2017 allein in Südhessen um 43 Prozent. Das trifft Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet besonders stark, weil hier wegen des starken Zuzugs sehr viel gebaut wird. Dennoch haben sich die örtlichen Politiker entschlossen, die größte öffentliche Deponie in der Region in Flörsheim-Wicker nicht zu vergrößern.

Für den Unternehmer Reimann bedeutet das, dass er seine Lastwagen bald noch weiter fahren lassen muss, um den Erdaushub loszuwerden. Schon heute akzeptieren nur noch wenige Deponien in Rhein-Main Lieferungen. Meist müssen die Lkw bis nach Mittelhessen fahren. Immer öfter rollen sie auch nach Thüringen oder sogar bis in die Niederlande. Bereits 40 Prozent der Entsorgungsfahrten reichen in Deutschland mehr als 50 Kilometer, ein Fünftel gar mehr als 100 Kilometer weit.

Wohnen in Frankfurt allein wegen Erdaushub um sechs Prozent teurer

Die Folgen spüren nicht nur Baufirmen und Investoren, sondern auch die künftigen Bewohner. So steigen die Aushubkosten noch stärker als schon die massiven jährlichen Sprünge von sechs bis zehn Prozent bei den Baustoffpreisen. Beim Bau einer Wohnanlage aktuell in Nieder-Erlenbach in der Straße „Am Eichbaum“ habe der Investor Ende 2018 noch mit 70 000 Euro Kosten für die Erdentsorgung kalkuliert, erklärt Reimann. Tatsächlich habe sie 107 000 Euro gekostet. Das seien sechs Prozent der reinen Baukosten und 172 Euro je Quadratmeter Wohnfläche. Das treibe somit die Wohnungskosten und auch die Mieten hinauf, erklärt Reimann.

Der Erdaushub-Tourismus belastet auch die Umwelt erheblich. Weil die 175 Laster der Alea AG den Erdaushub aus Nieder-Erlenbach in weit entfernte Deponien bringen mussten, waren sie 19 500 Kilometer unterwegs, verbrannten dabei rund 4000 Liter Lkw-Diesel und bliesen etwa 10,4 Tonnen CO2 in die Luft.

Das Problem ist so groß, weil der Bodenaushub mehr als die Hälfte aller Bauabfälle ausmacht. Die Bauabfälle wiederum stellen 55 Prozent der gesamten Abfallmenge in Deutschland. Allerdings ist just beim Aushub die Recyclingquote minimal: Sie liegt bei nur neun Prozent. „Da besteht dringender Handlungsbedarf“, appelliert Reimann.

Weiterhin hohes Bauaufkommen in Frankfurt und Umland als zusätzliche Last

Eine Lösung könnte eine neue Mantelverordnung bieten, die die Länder nach rund 15 Jahren Streit mit dem Bund im Herbst beschlossen haben. Der Bundestag muss noch zustimmen. Mit der Verordnung würde zumindest die Einstufung des Aushubs bundesweit vereinheitlicht, ein Teil des Boden-Tourismus entfiele. Bislang gelten in Hessen etwa Böden schon dann als leicht belastet, wenn sich Wurzeln darin finden, erklärt der Bauunternehmer. „Das ist doch Unsinn.“ In anderen Bundesländern gilt solcher Boden dagegen als unbelastet.

Solche Böden werden bisher in benachbarte Bundesländer gefahren. „Aber irgendwann nehmen die auch nicht mehr so viel an“, warnt Rainer von Borstel, Hauptgeschäftsführer des Verbandes baugewerblicher Unternehmer Hessen (VGH) in Frankfurt. „Das wird ein Problem für uns“, besonders in Frankfurt und dem Umland mit dem noch auf lange Sicht großen Bauaufkommen.

Bezahlbares Wohnen in Frankfurt „in weiter Ferne“

Von Borstel: „Das Land ist in der Pflicht, sich zu kümmern.“ Es müsse mehr Deponieraum geschaffen werden. Doch scheuten viele Politiker die Auseinandersetzungen mit der jeweils betroffenen Bevölkerung vor Ort, weiß der Verbandschef. Aber: „Es wird kein Weg an neuen Deponien vorbeiführen, und es bringt auch nichts, davor die Augen zu verschließen.“ Zugleich sei dringend mehr Recycling nötig, sagt von Borstel. Selbst das aber „geht die Politik nur halbherzig an“.

Auch das Ausbremsen des Aushub-Tourismus ist immer noch nicht beschlossen: Das Bundesland Bayern hat nun Bedenken angemeldet und möchte lieber eigene Regelungen behalten. Verbandschef von Borstel seufzt: „So wird das Bauen nicht günstiger.“ Ganz im Gegenteil, fürchtet Bauunternehmer Reimann: „Das lässt das Ziel bezahlbaren Wohnraums in immer weitere Ferne rücken.“ (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

Kommentar: Nur mehr Mut löst die Probleme

Ob in Frankfurt, Wiesbaden oder Berlin: Überall erklären Politiker, dass sie der Bevölkerung bezahlbarere Wohnungen bieten wollen. Doch das ist auch nach vielen Jahren noch immer nicht über den Status der Sonntagsreden hinausgekommen. Die Politik versagt bisher auf ganzer Linie.

Das Rezept ist einfach: Genug Bauland muss her und alles getan werden, damit Bauen so günstig wie möglich bleibt. Tatsächlich fördert die Politik das Gegenteil: Sie weist bei weitem nicht genug Flächen zum Bebauen aus und erhöht mit immer massiveren Vorgaben die Kosten. Beim Deponiemangel geht sie sogar schizophren vor: Praktisch saubere Böden, in denen Wurzeln nur noch verrotten müssen, gelten als belastet und müssen dann klimaschädlich durch die Republik gekarrt werden. Stoppt endlich diesen Wahnsinn!

Doch auch zahlreiche Bürger selbst sind Teil des Problems: Weil etwa Umweltfreunde nur blitzsauberen Erdaushub fordern. Weil Nachbarn das neue Baugebiet vor oder hinter ihrem eigenen Garten ablehnen. Dann müssen Politiker Mut beweisen und sich zutrauen, das Gesamtwohl aller über die jeweiligen Einzelinteressen zu stellen. Klar, das ist im Konkreten nicht bequem, aber nur so lässt sich das Beste für möglichst viele erreichen.

Daran kann auch jeder Bürger mitwirken. Wir alle können unbequeme, aber richtige Entscheidungen der Politik akzeptieren und gegen Kritiker verteidigen. Auch das kostet Mut, klar. Aber nur Mut löst Probleme. (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

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