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Traditionsgeschäft macht nach 124 Jahre dicht: Besitzer von Stadt enttäuscht

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Von: Sabine Schramek

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Peter Hogrebe (75) ist enttäuscht von der Stadt Frankfurt. Nach 124-jährigem Bestehen wird sein Schirmgeschäft hinter der Katharinenkirche im Juni schließen.
Peter Hogrebe (75) ist enttäuscht von der Stadt Frankfurt. Nach 124-jährigem Bestehen wird sein Schirmgeschäft hinter der Katharinenkirche im Juni schließen. © Sauda

Die Stadt Frankfurt zieht einen Bauzaun um die St. Katharinenkirche. Weil die Kunden deshalb ausbleiben, schließt ein Traditionsgeschäft – nach 124 Jahren.

Frankfurt – Hessens letztes Schirm-Fachgeschäft muss ein Jahr vor seinem 125. Jubiläum schießen. Die Stadt hat ohne Ankündigung einen Bauzaun um die St. Katharinenkirche so breit aufgestellt, dass Schirm Klippel unsichtbar geworden ist.

Peter Hogrebe (75) ist enttäuscht und fassungslos, obwohl er sonst die Ruhe weg und jede Menge Charme hat. "Nächstes Jahr wollten wir hier das 125. Jubiläum feiern und dann noch ein paar Jahre weitermachen", sagt der Mann, der alles über Regenschirme und Gehstöcke weiß und vom mini-Knirps bis zu edelsten handgefertigten Regenschirmen ein gigantisches Sortiment hat.

Frankfurt: Bauzaun um St. Katharinenkirche schreckt Schirm Klippel-Kunden ab

Mit Griffen aus Leder, Holz oder transparentem Kunststoff, mit Löwenkopf, Totenkopf oder in Astform. Kunterbunt, gerüscht oder aus Spitze. Mit Tupfen, Streifen, Blumen, mit Smileys, Wolken, durchsichtig oder uni. "Das wäre so schön gewesen, aber jetzt geht das nicht mehr. Mitte Juni machen wir zu."

Seit die St. Katharinenkirche umzäunt ist, sieht man die kleinen Läden an der Katharinenpforte kaum noch, der Weg ist gerade mal 1,5 Meter breit. "Es gab keine Info von unserem Vermieter, der ABG und keine von der Stadt, auf deren Grund die Kirche steht. Zwei Tage vorher kam ein Schreiben, dass die Kirche eingerüstet wird. Wir standen vor vollendeten Tatsachen, der Umsatz ist seither um die Hälfte gesunken. Da kann man das Geld auch in den Main werfen", erzählt er frustriert.

Frankfurt: Schirm-Geschäft schließt nach 124 Jahren seine Pforten

Dabei ist Schirm Klippel das einzige Fachgeschäft für Schirme in Hessen und hat im Keller sogar eine Reparaturwerkstatt. "Das Geschäft hat zwei Weltkriege überlebt und zwei Jahre Corona. Vor Corona hatten wir noch fünf Mitarbeiter, zwei sind aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden." Jetzt beraten und reparieren er, seine Frau Helga Spritz-Hogrebe und zwei Mitarbeiter die Kunden, sofern sie sich hinter die Baustelle zwängen.

Seit 124 Jahren ist das Fachgeschäft familiär geführt. Ursprünglich in der Töngesgasse, wo es im 2. Weltkrieg ausgebombt wurde und es 1945 "eine bessere Hütte" war. "Dort, wo jetzt das Parkhaus steht, mit einem großen Schirm auf dem Dach vom damaligen Inhaber geschmückt. 'Das Geschäft mit dem Schirmsche auf dem Türmsche' haben es die Leute genannt", erzählt Hohgrebe.

St. Katharinenkirche in Frankfurt: Laden-Mieter wurden nicht über Bauzaun informiert

Seit 1951 ist der kleine Laden an die Katharinenpforte umgezogen, 1966 hat ihn Hogrebes Vater übernommen. Seit der Bauzaun steht, blieben Kunden aus, die aus dem Taunus oder aus Gießen kommen. "In zwei Wochen wird die ehemalige Sportarena abgerissen, dann geht gar nichts mehr", so der freundliche Mann.

Er versteht nicht, warum die Mieter der Ladengeschäfte nicht informiert wurden. "Den anderen geht es wie uns. Keiner wusste irgendetwas", bestätigt seine Frau. "Timberland ist gerade erst eingezogen und genauso sauer, wie wir. Auch die Gewerbeberaterin der Wirtschaftsförderung hatte keine Ahnung von der Einrüstung. Es wäre doch ein Leichtes gewesen, sich mit uns zusammenzusetzen und gemeinsam eine verträgliche Lösung zu finden", ist Hogrebe sicher. "Einerseits ruft die Stadt nach Einzelhandel und Fachleuten, andererseits macht sie alles, um ihm Steine in den Weg zu legen", wettert er.

Schirm Klippel: IHK Frankfurt setzt sich nicht für Interessen des Einzelhandels ein

Auch die IHK kümmere sich nicht um die Fachgeschäfte, sondern halte lieber "Empfänge mit Kaviar und Champagner, statt mit uns zu reden." Und: "Auch die legen sich nicht mit der Stadt für den Einzelhandel an", ist er sicher. Als "blinden Aktionismus" beschreibt eine Kundin aus dem Taunus auch die Verkehrspolitik. "Man kommt ja kaum noch in die Stadt. Nicht jeder radelt von weit her hierhin. Ich überlege mir ernsthaft, ob ich überhaupt noch nach Frankfurt komme. Überall Stau, keine Parkplätze und alle tollen kleinen Läden verschwinden. Das ist bitter", sagt sie und kauft zwei edle Schirme für sich und ihren Mann.

"Wenn Ladenbesitzer und Kunden mal gefragt würden, was sie wollen und brauchen, würden die Politiker staunen, statt sich darüber zu wundern, dass die Innenstadt unattraktiv geworden ist", sagt sie. "Es ist ein Jammer, dass bald niemand mehr Regenschirme und Gehstöcke repariert, dass es keine geduldige Fachberatung mehr gibt."

Hogrebe nickt traurig. "Der Laden ist mein Lebensinhalt und er lief gut. Die Leute schätzen gute Dienstleistung. Die Stadt macht es einfach kaputt, ohne darüber nachzudenken, was sie dabei für uns und die Kunden anrichtet." (Sabine Schramek)

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