Von Anfang an mit dabei: Angelika Berg leitete von 2003 bis 2018 das Interdisziplinäre Zentrum für Palliativmedizin Markus Krankenhauses, das aus dem Evangelischen Hospital an der Rechneigrabenstraße hervorgeht. FOTO: hamerski
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Von Anfang an mit dabei: Angelika Berg leitete von 2003 bis 2018 das Interdisziplinäre Zentrum für Palliativmedizin Markus Krankenhauses, das aus dem Evangelischen Hospital an der Rechneigrabenstraße hervorgeht.

Vorreiter

Frankfurt: Begleiter auf dem letzten Weg

  • Judith Dietermann
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Seit 25 Jahren werden im Markus-Krankenhaus in Ginnheim Patienten palliativ behandelt

Es gibt Tage, die man nicht vergisst. Für Dr. Angelika Berg ist das ein Tag im November 1996. An das genaue Datum kann sich die Ärztin zwar nicht mehr erinnern, das sei jedoch zweitrangig, sagt sie. Viel wichtiger sei, was sie fühlt, wenn sie daran denkt. An den Tag, an dem im "Evangelischen Hospital für palliative Medizin" in der Rechneigrabenstraße der erste Patient aufgenommen wurde. "Es war ein sehr bewegender Moment, nicht nur das gesamte Team, auch der Patient hatten Tränen in den Augen. Man sah ihm an, wie froh er war, dass er bei uns ist", sagt Berg.

25 Jahre später sitzt sie in einem der Sessel im Wohnzimmer des "Interdisziplinären Zentrums für Palliativmedizin" am Markus-Krankenhaus. Das ist ein Ort, an dem die Angehörigen sich zurückziehen können, an dem sie sich Zuhause fühlen können, obwohl sie in einem Krankenhaus sind. "Hätte mir jemand vor 25 Jahren gesagt, dass ich heute hier sitze, in einem anerkannten Zentrum, in dem Menschen mit einer unheilbaren Krankheit ganzheitlich auf ihrem letzten Lebensabschnitt betreut und behandelt werden, ich hätte es wohl nur schwer geglaubt", sagt die Ärztin, die die Leitung des Zentrums vor drei Jahren an ihre Nachfolgerin Dr. Sabine Mousset übergeben hat.

Kritiker mussten überzeugt werden

Die Ursprünge dieses Erfolges liegen in der Eröffnung des Hospitals in der Rechneigrabenstraße. In einer Zeit, in der viele Menschen dachten, Palliativstationen seien nicht nötig. "Schließlich gebe es doch eine Sterbebegleitung in Krankenhäusern. Wir wurden für unseren Schritt damals belächelt", erinnert sich Angelika Berg. Was daran lag, dass die Palliativmedizin ein sehr junges, ein noch unbekanntes Fach war. Es gab keine Lehrbücher, keine Fortbildungen.

Erste Einrichtung in Hessen

In England war die Medizin 1996 bereits einen Schritt weiter. Dank Cicely Saunders, Pionierin der Palliativmedizin, die 1967 in London ein Hospiz gründete. Und den Gründern des Hospitals in Frankfurt, das erste seiner Art in Hessen, als Vorbild diente. "Wir wollten uns dem ganzen Menschen widmen und nicht nur einem Organ", sagt Angelika Berg, die 1995 dazu stieß. Als junge Anästhesistin hatte sie in ihrer Facharztausbildung Gründungsmitglied Prof. Ulrich Gottstein kennengelernt. Er bezeichnete in seiner Rede zum 15-jährigen Bestehen des Hospitals Angelika Berg, die 2003 die Leitung von Axel Elsner übernahm, als "Engel der Palliativmedizin in Frankfurt". Als eine Frau mit "nie ermüdendem Engagement, mit hoher Kompetenz und Menschlichkeit".

Und Ideen. Denn die, sagt Berg, brauche man bei solch einem Projekt. Sowie ein Management, das diese erkennt und den Weg mitgeht. "Das hatten wir zum Glück immer. Von Anfang an", sagt sie. 20 Betten hatte das Hospital in der Rechneigrabenstraße, angeschlossen war es von Beginn an das Markus-Krankenhaus. 2009 folgte schließlich der Umzug dorthin. Auf eine eigene Station, die fast nur durch den Boden und die Desinfektionsspender an ein Krankenhaus erinnert. Ansonsten versprüht sie eine Wärme, wie ein Mantel, den die Palliativmedizin um die Patienten legt. Die übrigens nicht auf die Station kommen um zu sterben. Im Gegenteil. 70 Prozent werden von ihnen nach Hause oder in ein Heim entlassen und dort weiter betreut. Durch mobile Angebote.

Der Patient sei letztlich der Bestimmer, er entscheide über das letzte Stück seines Weges. "Wir sind nur seine Begleiter, wir unterstützen bei einem guten Leben bis in den Tod", sagt die Ärztin. Von dem Leben loszulassen, das einem bislang so viel Sicherheit gab, das sei für viele Patienten die größte Schwierigkeit. "Ich habe es nicht gelernt krank zu sein", habe ein Mann einmal zu ihr gesagt. "Damit hat er wohl recht gehabt. Aber man kann lernen, damit umzugehen. Und dabei helfen wir", sagt Berg, die auch nach 25 Jahren nur so vor Energie sprüht.

Und vor Ideen. Eine Wohngemeinschaft für jüngere, unheilbare kranke Menschen, analog einer Demenz-AG, wünscht sich Berg. Sowie einen kleinen Bereich auf der Palliativstation als Hospiz einzurichten. "Es gibt noch so viele Möglichkeiten, man muss sie nur anpacken", sagt sie.

judith dietermann

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