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Einige Anwohner im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim klagen über ein vibrierendes Brummen. Das nehmen jedoch nicht alle wahr. 

Der Lärm, den nicht jeder hört

Mysteriöse Lärmbelästigung in Frankfurt: Vibrierendes Brummen treibt Anwohner in den Wahnsinn 

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Mehrere Anwohner im Stadtteil Bergen-Enkheim in Frankfurt klagen über ein vibrierendes Brummen, das sie wahnsinnig macht.

  • Im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim klagen mehrere Anwohner über ein vibrierendes Brummen
  • Dieses wird aber nicht von allen wahrgenommen
  • Für die Betroffenen stellt das Geräusch jedoch eine massive Belästigung dar

Bergen-Enkheim - Gleich vorneweg: Einen handfesten Beweis dafür, dass Bergen-Enkheim ein Problem mit tieffrequentem Schall hat, gibt es bisher nicht. Der Nachweis ist schwierig. Das ist Teil dieser Geschichte. Wenn jedoch betroffene Bergen-Enkheimer davon erzählen, wie sie das nervtötende Geräusch erleben, ähneln diese Beschreibungen denen aus Studien über den Lärm, dessen Tonhöhe so tief ist, dass ihn die meisten Menschen gar nicht hören können.

Nicolas Pradel aber hört „das Brummen“. „Es ist ein rhythmisches Brummen“, sagt er. Wenn er es imitiert, macht er ein tiefes O-Geräusch und lässt es im Sekundentakt auf- und abschwellen. Es sei aber nicht nur ein Geräusch, besonders wenn er im Bett liegt und versucht einzuschlafen, empfinde er das Brummen als Vibration. Davon kann er sich auch nicht ablenken, in dem er auf sich seinen Atem konzentriert. Den er hört, weil er wegen des Brummens mit Ohrstöpseln schläft. 

Lärm in Frankfurt: Brummen in Bergen-Enkheim - Anwohner sind genervt

Ähnlich wie Pradel beschreibt es auch Fabian Kluge-Eilitz. Beide wohnen in Bergen. Marijke van Oene wohnt in Enkheim und hört das Brummen auch. „Manchmal habe dazu auch so einen Druck in den Ohren, wie im Flugzeug“, sagt sie.

So die Beschreibungen der Anwohner. Zum Vergleich: In einer Stellungnahme des Robert-Koch-Instituts heißt es: „Der Übergang vom 'Hören' zum 'Fühlen' ist fließend. Tieffrequente Schallimmissionen werden häufig als Ohrendruck, Vibrationen oder Unsicherheitsgefühl beschrieben.“

Lärm in Frankfurt: Anwohner in Bergen-Enkheim leiden unter vibrierendem Brummen

Die Drei erleben „das Brummen“ nicht in gleicher Weise. Kluge-Eilitz hört weniger, wenn das Fenster geschlossen ist, spürt dafür dann die Vibration stärker. Bei Pradel ändert sich mit offenem oder geschlossenem Fenster nichts. Was allen gemeinsam ist: Sie schlafen schlechter, sind weniger ausgeruht und das Brummen hatte eine Zeitlang das Zeug, sie in den Wahnsinn zu treiben.

Pradel begann im September 2017 das Brummen zu hören, Startschuss für eine Tortur. „Ich konnte ein halbes Jahr kaum schlafen.“ Ein Drei-Tages-Rhythmus habe sich über sein Schlafverhalten gelegt. „In der ersten Nacht konnte ich gar nicht schlafen, in der zweiten kaum. In der dritten Nacht war ich so fertig, dass ich durchschlief.“ Dann begann der Zyklus von vorn. Noch heute schläft er kaum eine Nacht durch. Nur im Urlaub, wenn er nicht in Bergen-Enkheim ist.

Brummen in Bergen-Enkheim: Lärm bedeutet Qual für viele Anwohner

Pradel ist IT-Manager im Industriepark Höchst, 57-Jahre alt und gehört eher zum reflektierten Typ Mensch. Wenn er von einer seiner Theorien zum Brummen erzählt, relativiert er sie oft. Er sei kein Experte. „Das habe ich nur im Internet gelesen“, sagt er dann. Erzählt er vom Herbst 2017, beschreibt er sich selbst dagegen wie einen Wahnsinnigen.

„Ich habe jeden Tag aufgeschrieben, wie stark ich das Brummen höre.“ Auch Windrichtungen hat er notiert. Nachts zwischen zwei und drei Uhr fuhr er einmal durch Stadtteil, legte sich auf die Straße, um zu spüren, wo er überall die Vibrationen wahrnimmt. „Es war in ganz Bergen-Enkheim.“ Auch weil seine Frau das Brummen nicht hörte, auch seine Kinder nicht und niemand, mit dem er damals sprach. „Ich dachte, ich bin irre geworden“, erzählt Pradel. Dieses Verhalten beendete er erst, als ihm seine Frau sagte, er solle sich nicht so viel mit dem Brummen auseinandersetzen, das mache es nur schlimmer. Seither lenkt er sich mit Musik ab.

Brummen in Bergen-Enkheim in Frankfurt: Nur wenige können tieffrequente Geräusche hören

Warum manche Menschen tieffrequente Geräusche hören und andere nicht, ist nicht gänzlich erforscht. Es scheint aber nur ein kleiner Teil der Bevölkerung besonders sensibel für die Frequenzen zwischen acht und hundert Hertz zu sein, also knapp unterhalb des für Menschen üblichen Hörbereichs. „Eine der wenigen Aussagen dazu findet man bei Leventhall, der diesen Anteil mit 2,5 Prozent beziffert“, heißt es in einer Studie, die das Bundesumweltamt 2013 in Auftrag gab.

Die Studie sollte herausfinden, wie und ob der Lärmschutz in Deutschland wegen tieffrequenten Schall reformiert werden kann. Bisher orientieren sich Richtwerte für Lärmbelästigungen an der üblichen menschlichen Hörempfindlichkeit. Diese Methode „wird vielfach als ungeeignet angesehen, um tieffrequente Geräusche in ihrer Belästigung richtig einschätzen zu können“, heißt es in der Studie.

Bergen-Enkheim: Brummen in Frankfurter Stadtteil

Dass den Lärm so wenige Menschen hören, stellt auch das Frankfurter Umweltamt vor eine Herausforderung. Im vergangenen Sommer ging sie einer Beschwerde nach. Das Amt teilt mit: „Bei Ortsterminen im August 2019 konnte durch das Umweltamt kein Geräusch wahrgenommen werden. Eine Messung fand bisher nicht statt.“ Das will das Amt nun nachholen. Aber: „Die Ortung der Quelle oder behördliche Abhilfe ergeben sich hieraus vermutlich nicht“, schreibt das Amt. Dabei wünschen sich die drei Betroffenen vor allem, endlich zu wissen, woher das Geräusch kommt. 

Von Friedrich Reinhardt

Nicht nur das tieffrequente Geräusch stellt für viele Anwohner in Bergen-Enkheim ein Problem dar, sondern auch das vermehrte Auftreten von Ratten. Die Stadt will nun helfen.

Der Mangel an Läden im Stadtkern stellte auch lange Zeit ein Problem dar. 

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