Ernst Schwarz (li.) begrüßt Ziad Jamal, der in seinem Imbiss Falafel und syrische Spezialitäten verkauft.
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Ernst Schwarz (li.) begrüßt Ziad Jamal, der in seinem Imbiss Falafel und syrische Spezialitäten verkauft.

Berger Straße

Frankfurt: Mit der Berger geht’s steil bergauf

  • Matthias Bittner
    vonMatthias Bittner
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So schnell ändern sich die Zeiten: Standen im März dieses Jahres noch elf Geschäfte in der unteren Berger Straße leer, sind nur drei Monate später wieder fast alle Flächen belegt oder werden für neue Nutzungen umgebaut.

Ein völlig anderes Bild als noch vor einem Vierteljahr bietet sich Passanten, die die Berger Straße auf dem Abschnitt zwischen Höhenstraße und Bethmannpark hinunterflanieren. Leere oder zugeklebte Schaufenster sind verschwunden, beim Bummeln können die prallen Auslagen neuer Geschäfte betrachtet oder den Angestellten in zahlreichen neuen Imbissen beim Zubereiten der Speisen zugeschaut werden. Wieder mehr Leben ist also auf der Gass’ zu finden.

Aufbruchstimmung herrscht vor allem deshalb, weil sich endlich ein Ende für den lange Zeit leerstehenden ehemaligen Penny-Markt im Haus Nummer 93/95 ankündigt. Die Drogeriemarkt-Kette dm eröffnet darin eine Filiale. Dies bestätigt Oliver Lotz von der Agentur Arthen Kommunikation, die die Öffentlichkeitsarbeit für das Unternehmen mit Hauptsitz in Karlsruhe erledigt. „Für dieses Jahr steht zwar noch kein Eröffnungsdatum im Kalender, aber das wird meist sehr kurzfristig eingetragen“, weiß Lotz. Der Umbau der Ladenfläche jedenfalls läuft auf Hochtouren. Neugierige Passanten können das durch die offenstehende Eingangstür sehen.

Damit hat sich also bestätigt, was die Spatzen im Viertel schon seit längerer Zeit von den Dächern pfiffen. „Das ist eine supergute Nachricht. Eine Drogerie gibt es im unteren Teil nicht, und dm ist ein Magnet“, freut sich Ernst Schwarz, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Untere Berger Straße (IGUB) und ergänzt: „Bald ist der hässliche Leerstand, wenn man von der Höhenstraße in die Berger einbiegt, Geschichte.“

Das stimmt. Nicht mehr wiederzuerkennen wird das Entree zur unteren Berger Straße aber wohl erst sein, wenn das Bauvorhaben der ABG Frankfurt Holding abgeschlossen ist. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft errichtet an der Höhenstraße/Ecke Berger Straße einen modernen Neubau mit 19 geförderten Wohnungen. Im Erdgeschoss des Komplexes sind Flächen für drei Geschäfte vorgesehen. Nach Angaben von ABG-Geschäftsführer Frank Junker soll das vier Millionen Euro teure Projekt Mitte 2017 realisiert sein, der Baustart ist für den Spätherbst geplant.

Mit den Bauarbeiten seien zwar einige Einschränkungen verbunden, betont IGUB-Sprecher Christian Schwarz. „Dafür haben wir dann aber einen schönen Eingang an dieser Stelle.“ Das alte Backsteinhaus, das dem Neubau weichen muss, hat seine besten Zeiten schon hinter sich. Die positive Entwicklung der Berger in den vergangenen drei Monaten kommentiert Christian Schwarz fast philosophisch: „Alles hat seine Jahreszeit – triste Aussichten im Frühling, volle Blüte im Sommer.“ Die Straße blühe derzeit glücklicherweise regelrecht auf.

Das trifft den Kern. Aber dass es so schnell gehen würde, hatte kaum einer zu hoffen gewagt. Standen im März noch elf Gewerbeflächen auf dem Abschnitt zwischen Höhenstraße und Bethmannpark leer, sind es jetzt nur noch drei. Das zuletzt immer wieder kritisierte Ungleichgewicht beim Branchenmix – von 132 im März genutzten Gewerbeflächen waren 83 von Einzelhändlern belegt, 29 wurden als Restaurants, Kneipen oder Imbisse geführt – setzt sich bei den Neueröffnungen aber nahtlos fort. Mit „Schick & Schock“ in der Berger Straße 12 und „Licy’s Kindermoden“ im Haus Nummer 61 sind nur zwei der neuen Geschäfte klassische Einzelhändler. Immerhin kann sich das neue Gastronomieangebot sehen lassen. „Einiges gab es in dieser Form noch nicht auf der Berger. Das passt einfach hierher und tut der Straße gut“, sagt Ernst Schwarz.

Vor allem das Konzept von „Ciro il lattaio“, zu deutsch: Ciro der Milchmann, überzeugt den IGUB-Vorsitzenden. In dem Geschäft für italienische Spezialitäten an der Berger/Ecke Schleiermacherstraße wird Büffelmozzarella frisch hergestellt. Passanten können Vincenzo Vitura durch ein Fenster dabei zuschauen, wie er den italienischen Frischkäse formt. Die Hauptarbeit übernimmt zwar eine Maschine, die Geschäftsinhaber Ciriaco Cavalo in Italien gekauft hat. Auch die Büffelmilch wird eigens aus Italien importiert – nur so sei der Büffelmozzarella auch einhundertprozentig echt. Der Laden in der Berger ist das jüngste Baby der „Isoletta“-Familie, die bereits ein Restaurant im Westend, eins in Sachsenhausen und eins in Neu-Isenburg betreibt.

Dass ein gestandener Geschäftsmann hinter dem „Ciro il lattaio“ steht, empfinden Ernst und Christian Schwarz als großes Plus. „Das deutet darauf hin, dass der Laden nicht gleich wieder schließt“, sind die beiden überzeugt.

Langjährige Erfahrung als selbstständiger Geschäftsmann bringt Ziad Jamal mit, der das „Falafel & mehr“ eröffnet hat. Allerdings muss er erst noch so richtig ankommen in Deutschland. Der gebürtige Syrer flüchtete vor einem halben Jahr aus seiner Heimat und fand bei Familienangehörigen in Frankfurt Unterschlupf. Kürzlich eröffnete er den Imbiss, in dem er Spezialitäten aus Syrien verkauft. „Ich habe mich informiert, die Berger Straße ist toll und sehr gut besucht. Und Falafel hat es hier noch nicht gegeben“, sagt der 50-Jährige, warum seine Wahl ausgerechnet auf die Einkaufsstraße im Nordend fiel.

Ebenfalls neu in der Straße sind „Yumas. Natural Mexican Food“, „Berger Streetfood“ und die Weinbar „Kleine Schnecke“ in den Räumen des ehemaligen „Dulce“. Zudem wird das ehemalige Eiscafé Venezia derzeit umgebaut, dort eröffnet wieder eine Gelateria. Mit dem neuen Angebot ist Ernst Schwarz sehr zufrieden. „Es sind keine Ein-Euro-Läden, die die Straße nicht weiterbringen. Qualität, Optik und Mischung stimmen. Ich hoffe, sie alle bleiben uns lange erhalten“, sagt er.

Denn natürlich weiß auch der IGUB-Vorsitzende, dass die teils exorbitant hohen Mietpreise für Gewerbeflächen – der Betreiber einer mittlerweile wieder geschlossene Salatbar bezahlte für 30 Quadratmeter eine Miete von monatlich 3100 Euro – ein riesengroßes Problem für Geschäftsleute sind. Die Spanne reicht von 18 Euro bis zu mehr als 100 Euro pro Quadratmeter. Carsten Burbach, Head of Retail des Immobiliendienstleisters CBRE, hält solche Spitzenmieten für überzogen. Als Obergrenze für 100 Quadratmeter große Ideal-Ladenflächen in der Straße würde er derzeit 60 Euro ansetzen. Der Effekt der Preisspirale: Immer mehr Kneipen drängten auf die Berger, weil gastronomische Betriebe mehr bezahlen könnten, bedauert Ernst Schwarz.

Deshalb müsse man im Auge behalten, dass sich Kneipen und Imbisse nicht noch mehr auf Kosten des Einzelhandels breit machten. „Das ist nämlich, was die Straße ausmacht – mit persönlicher Beratung punkten die Geschäfte hier.“ Christian Schwarz’ Vorschlag, um den Trend vielleicht umkehren zu können: Mehr auf die Immobilienbesitzer zugehen und sie bitten, bei Neuvermietungen dem Einzelhandel den Vorrang einzuräumen. Ein Versuch sei es zumindest wert.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sieht Ernst Schwarz die Pläne für die einstige Tomin-Videothek. Das Gebäude, das Immobilieninvestor Ardi Goldman verkauft hat, soll einem Apartmenthaus weichen. Im Erdgeschoss ist nach Angaben des IGUB-Vorsitzenden ein Restaurant oder eine Kneipe vorgesehen. Der auffällige Glasbau sei natürlich ein Hingucker, aber die Vermietung sei zuletzt schlecht gelaufen. „Da ist es manchmal besser, man macht gleich etwas ganz Neues.“

Auf Bewährtes jedenfalls hat der Eigentümer des Hauses Berger Straße 118 gesetzt. Darin hat die Bäckerei-Kette Eifler eine Filiale eröffnet. Somit hat das Bäckerhandwerk zumindest in dieser Form weiter Bestand in dem Gebäude. Bis Januar wurden die Ladenflächen noch von der Bäckerei Klein genutzt. Das Geschäft musste aber schließen, nachdem der Chef vor längerer Zeit schon gestorben ist und die Familie den Betrieb nicht mehr stemmen konnte.

Noch ein Bäcker sei zwar auch nicht unbedingt seine Wunschvorstellung gewesen, räumt Ernst Schwarz ein. Hätte er drei Wünsche frei, dann stünde eine neue Straßenbeleuchtung ganz oben auf seiner Liste. „Nachts ist es zu dunkel, das ist nicht einladend“, sagt er. Ansonsten sei er zufrieden mit dem Ist-Zustand: „Es soll so gemütlich und individuell bleiben, wie es jetzt ist. Große Ketten, die man in jeder anderen Stadt findet, passen hier nicht her. Wir setzen lieber auf Individualität.“

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