In der Flüchtlingsunterkunft auf dem Alten Flugplatz in Frankfurt-Bonames wohnen 64 Familien.
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In der Flüchtlingsunterkunft auf dem Alten Flugplatz in Frankfurt-Bonames wohnen 64 Familien.

Nach Protest in Flüchtlingsheim

Frankfurt-Bonames: Mindestens 45 Flüchtlinge an Krätze erkrankt

  • vonFriedrich Reinhardt
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Das Gesundheitsamt kontrollierte die Flüchtlingsunterkunft am Alten Flugplatz in Frankfurt-Bonames. Danach hat das Diakonische Werk personelle Konsequenzen angekündigt.

Frankfurt – Als die Zahl am Donnerstag bekannt wurde, waren selbst einige Mitarbeiter der Flüchtlingsunterkunft auf dem Alten Flugplatz entsetzt. Mindestens 45 Bewohner aus sieben Familien sind laut Gesundheitsamt an Krätze erkrankt. Sie werden gerade oder wurden bereits behandelt. Bei drei weiteren Familien besteht ein Verdacht auf eine Infektion. Insgesamt wohnen 333 Menschen in der Unterkunft, davon sind 189 Kinder.

Krätze ist eine ansteckende Hautkrankheit, bei der sich winzige Milben unter die Haut graben und dort ihre Eier ablegen. "Wenn so viele Familien betroffen sind, ist etwas schief gelaufen", sagt Kalinock. Darum kündigte die Diakonie noch am selben Tag "personelle Konsequenzen" an. Ab Juli werde eine neue Leitung übernehmen, sagt Kalinock. Bis dahin leitet sie die Einrichtung. Sie hatte die Unterkunft 2016 mit aufgebaut.

Frankfurt: Verbreitungsrisiko offenbar nicht erkannt

Diese personellen Konsequenzen hat am Donnerstag Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) gefordert. Sie halte es für nicht hinnehmbar, dass die Diakonie die bekannten Fälle nicht dem Gesundheitsamt meldete und das Verbreitungsrisiko offenbar nicht erkannt habe. Das räumt auch Kalinock ein. "Von meinen Mitarbeitern erwarte ich als Bereichsleiterin, dass in so einem Fall ab dem zweiten Krankheitsfall an das Gesundheitsamt gemeldet wird."

Bekannt wurden die Krankheitsfälle durch Proteste der Bewohner am 10. Juni. Sie demonstrierten gegen die Wohnbedingungen in der Unterkunft. Unter anderem wegen der Krätzeerkrankungen, respektloser Mitarbeiter und unzureichender Kochmöglichkeiten. In der Folge kam es am Montag zu einem Gespräch zwischen Bewohnern, Vertretern der Stadt und der Diakonie. Dort berichteten Geflüchteten von der hohen Zahl der an Krätze Erkrankten. Das Sozialdezernat schaltete daraufhin das Gesundheitsamt ein. Mittwochabend wurden die 64 in der Unterkunft lebenden Familien dann untersucht.

Ende 2018 sei der Diakonie der erste Krätze-Fall bekanntgeworden, sagt Manuela Skotnik, Sprecherin der Sozialdezernentin. Der Stadt habe die Diakonie nach den Protesten mitgeteilt, dass die Familie genesen sei und im Dezember 2019 wieder erkrankte. " Es ist nicht so, dass die Diakonie nicht reagiert hätte", sagt Kalinock. Nach den ersten Fällen hätte sie Informationsbroschüren besorgt und übersetzen lassen. Aus dem Sozialdezernat heißt es, dass die Bewohner über die Krankheit gut informiert seien.

Flüchtlinge in Frankfurt-Bonames: Mosaik eines Erklärungsversuchs

Auf die Frage, was genau schiefgelaufen ist, damit sich die Krankheit so stark in der Einrichtung verbreiten konnte, nennt Kalinock verschiedene Mosaikteile einer Erklärung. Neben der Krätze gebe es auch nicht-ansteckende Hautkrankheiten. Ein sechs Monate altes Baby sollte im Ende Mai im Krankenhaus versorgt werden, weil die Behandlung bei ihr nicht anschlug. "Das wurde aber wegen Corona abgesagt." Ein Fehler, wie man heute wisse. Das Kind werde nun mit "ein oder zwei anderen" stationär behandelt. Manche Familien hätten die Krankheit den Mitarbeitern nicht mitgeteilt, "aus Angst, geächtet zu werden."

Und: "Wie gut die Familien die Anweisungen der Ärzte befolgten, wissen wir nicht", sagt Kalinock. Wichtig bei einer Krankheit sei etwa, den Kontakt zu anderen zu meiden. Soma Raschid, Mutter von vier Kindern und Bewohnerin der Unterkunft sagt, dass es in der engen Unterkunft praktisch unmöglich sei, Kontakt zu anderen zu verhindern. Alle 64 Familien mit teils 8 Personen leben in dem Heim in Zwei-Raum-Wohnungen. 

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