Hochhäuser in Frankfurt
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Frankfurt könnte als Finanzort als Sieger vom Brexit herausgehen.

Banking

Geht die Stadt Frankfurt als Sieger aus dem Brexit hervor?

  • VonSarah Bernhard
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Noch liegt Frankfurt bei den Verlagerungen durch den Brexit im Mittelfeld. Mittelfristig könnte sich das allerdings ändern.

Frankfurt – Zwei Sprichworte kursieren in der internationalen Finanzbranche über die Mainmetropole. „Nach Frankfurt zieht man nicht, man wird geschickt“, lautet das eine. „Man weint zweimal, wenn man nach Frankfurt geschickt wird: Einmal, wenn man ankommt, und einmal, wenn man wieder gehen darf.“ Dennoch könnte die Stadt am Ende am meisten vom Brexit profitieren – weit vor anderen Finanzplätzen wie Dublin, Paris oder Luxemburg, vielleicht sogar als Doppelspitze zusammen mit London. Das legt zumindest eine Studie der englischen Denkfabrik „New Financial“ nahe, die vor Kurzem veröffentlicht wurde.

„Die hohe Konzentration von großen Namen wie Citi, Deutsche Bank, Goldman Sachs, JP Morgan (...) weist darauf hin, dass der Finanzplatz Frankfurt vom Umfang der Verlagerungen her mittelfristig am stärksten profitieren wird“, heißt es dort. Wer sich die Namen genauer anschaut, erkennt schnell: Es sind die großen Namen im Bankensektor.

Brexit: 63 Firmen zog es von London nach Frankfurt am Main

Tatsächlich sind 36 der 63 Unternehmen (knapp 60 Prozent), die seit dem Brexit-Referendum 2016 Geld, Mitarbeiter oder Strukturen von London nach Frankfurt verlegt haben, Banken; mehr als drei Viertel von ihnen haben hier zudem ihren europäischen Hauptstandort. „Banken sind, anders als zum Beispiel Versicherungen, gerne da, wo die Aufsicht sitzt“, sagt ein Sprecher der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance. Einer der wichtigsten Standortvorteile für Frankfurt sei also die Europäische Zentralbank (EZB). Da diese seit ihrer Gründung 1998 in Frankfurt sitzt, hatten viele Großbanken bereits vor dem Brexit hier ihren wichtigsten Standort, etwa JP Morgan, Goldman Sachs oder Morgan Stanley. Eine Ausnahme ist die Bank of America (BofA), die Dublin als Hauptstandort gewählt hat. „Es war kein Schönheitswettbewerb“, sagt deren Sprecher. Im Gegenteil: Das Hauptquartier liege ebenfalls schon seit Jahrzehnten in der irischen Hauptstadt. Doch auch die Frankfurter Dependance werde ausgebaut: Die Bank zieht gerade vom Main Tower in größere Räume im Marienturm um.

Die Aufstockung der Frankfurter Mitarbeiter zieht sich durch die Bankenlandschaft: Bei Goldman Sachs, die ihre Europazentrale ebenfalls im Marienturm haben, ist die Mitarbeiterzahl seit dem Brexit auf 350 gewachsen, Platz sei aber für 700 Menschen, sagt Pressesprecher Maximilian Bicker. JP Morgan macht keine Angaben zur Anzahl der neuen Mitarbeiter in Frankfurt, bestätigt aber, dass es sie gibt. Bei der Citi Group sollen es laut New Financial 150 gewesen sein, bei UBS bis zu 200. Die englische Bank Standard Chartered, die als eine von vier Banken im FTSE 100, dem englischen Pendant zum DAX, gelistet ist, hat ihren Mitarbeiterstab in Frankfurt von 90 auf mehr als 200 Mitarbeiter ausgebaut.

Frankfurt: Nach Brexit rund 3600 neue Arbeitsplätze, doch Anteil von Bankern nimmt ab

Insgesamt, das hat eine Auswertung der Wirtschaftsförderung Frankfurt ergeben, wurden seit dem Brexit-Referendum 2016 rund 3600 neue Arbeitsplätze im Finanzsektor geschaffen. Allerdings: Der Anteil der Banker an der arbeitenden Bevölkerung insgesamt hat seitdem nicht zu-, sondern abgenommen. Machten sie 2016 noch 14,1 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus, waren es im Jahr 2020 nur noch 13 Prozent. Eine Studie der Hessischen Landesbank rechnet damit, dass bis zum Jahr 2022 noch einmal rund 2000 Jobs dazukommen werden. Dann werde die Konsolidierung der Branche, die unter anderem zu immer mehr Filialschließungen führt, Frankfurt aber ebenfalls erreicht haben, so dass der Zuwachs an anderer Stelle wieder vollständig aufgezehrt werde.

Platz 4 bei der Zahl der verlegten Firmensitze, moderate Steigerung der Arbeitsplätze – wie kommt New Financial dann zu seiner positiven Zukunftsprognose? Der springende Punkt ist die Höhe der transferierten Vermögenswerte: Die Deutsche Bundesbank schätzt, dass mittlerweile rund 675 Milliarden Euro von London nach Frankfurt geflossen sind, bis Ende 2022 sollen es 1000 Milliarden – eine Billion – sein. Deutlich mehr als in alle anderen europäischen Finanzplätze. „Und langfristig folgen die Arbeitsplätze den Vermögenswerten“, sagt der Sprecher der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance. „Wir erwarten also alle, dass noch mehr kommt.“ Egal also, ob es den Londoner Bankern passt oder ob sie weinen: Im Rennen um den neuen europäischen Hauptfinanzplatz wird Frankfurt bald ganz weit vorne liegen. (Sarah Bernhard)

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