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Frankfurt: Im Ernstfall hat nur ein Prozent der Frankfurter einen Platz im Bunker

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Von: Julia Lorenz, Thomas J. Schmidt

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Am Höchster Bahnhof gibt es einen Hochbunker und unter der Erde auch einen Tiefbunker mit einem separaten Eingang. Der Hochbunker ist vor zwei Jahren von der teilstädtischen Konversions-Grundstücksentwicklungsgesellschaft für eine zukünftige zivile Nutzung gekauft worden.
Am Bahnhof Höchst gibt es einen Hochbunker und unter der Erde auch einen Tiefbunker mit einem separaten Eingang. Der Hochbunker ist vor zwei Jahren von der teilstädtischen Konversions-Grundstücksentwicklungsgesellschaft für eine zukünftige zivile Nutzung gekauft worden. © Holger Vonhof

Naturkatastrophen und der Ukraine-Krieg haben das Augenmerk wieder stärker auf den Zivilschutz gelenkt. So ist die Stadt Frankfurt auf den Ernstfall vorbereitet.

Frankfurt – Schutzräume für den Zivilschutz gibt es derzeit in Frankfurt nicht. Und selbst ein Alarmieren per Sirene wäre kaum möglich. Die Schweiz macht es vor: Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Bunker pro Einwohner wie in unserem Nachbarland. Im Ernstfall könnten in den Schutzräumen und -anlagen mehr als 95 Prozent der Schweizer untergebracht werden. In Deutschland ist die Situation eine andere – auch in Frankfurt am Main.

„Frankfurt verfügt derzeit über keine, für den Zweck des Zivilschutzes gewidmeten und nutzbaren Schutzräume“, heißt es in einem Magistratsbericht. Offiziell gebe es zwar noch vier Anlagen in der Zivilschutzbindung – an der Gallusanlage (2950 Schutzplätze), in der Albusstraße (1921 Schutzplätze), am Bahnhof Höchst (1582 Schutzplätze) und am Hauptbahnhof Süd (1395 Schutzplätze).

Allerdings könne nicht beurteilt werden, ob die Anlagen im Ernstfall überhaupt genutzt werden könnten, denn sie würden seit Jahren nicht mehr gewartet werden und müssten zunächst „mit unbekanntem Aufwand“ instand gesetzt werden. Könnten die Bunker genutzt werden, böten sie Schutz für etwa ein Prozent der Frankfurter Stadtbevölkerung, sprich: für etwa 7500 Menschen.

Zivilschutz in Frankfurt: Früher gab es 27 Schutzanlagen – und dann glaubten alle, Schutz sei nicht mehr nötig

Der Magistratsbericht geht auf einen CDU-Antrag zurück, der den Magistrat angesichts der zunehmenden Gefahr von Naturkatastrophen und angesichts des Kriegs in der Ukraine auffordert, zu prüfen, wie der Zivil- und Bevölkerungsschutz in der Stadt aufgestellt und organisiert ist. Es sei wichtig, die Bevölkerung schnell und zuverlässig zu warnen, auf detaillierte Notfallpläne zurückgreifen zu können und ausreichend Schutzräume bereitzuhalten.

Das Problem: Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre hatte man geglaubt, Zivilschutz sei nicht mehr nötig. Eine Bedrohungslage ward nicht mehr gesehen.

In der Folge wurden, auch aus Kostengründen, die Schutzanlagen und Bunker aufgegeben. Früher gab es in Frankfurt nach Angaben des Magistrats insgesamt 27 Zivilschutzanlagen mit einer Gesamtkapazität von rund 30.000 Schutzplätzen; 23 davon sind bereits rückabgewickelt und an den Eigentümer, überwiegend die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), zurückgegeben worden.

Frankfurt: Warn-Apps haben beim Zivilschutz Sirenen ersetzt

Es wurden aber nicht nur die Schutzräume abgeschafft, auch die Sirenen, die früher im Krieg vor Luftangriffen warnten, wurden abgebaut. Fortan setzte man lieber auf mobile Lautsprecherwagen sowie Durchsagen im Radio und Fernsehen. Mittlerweile setzt man zudem verstärkt auf Warn-Apps wie Nina oder Katwarn.

In Frankfurt gibt es heutzutage nur noch Sirenen an zwei Standorten - und zwar rund um die Industrieparks in Höchst und Fechenheim. Das war auch beim bundesweiten Warntag 2020 deutlich geworden. Da war es ziemlich ruhig in der Stadt geblieben. Zudem hatte es Probleme mit den Warnungen per Smartphone gegeben.

Künftig soll es in Frankfurt, wo für diese Tage Starkregen mit möglichen Überschwemmungen angekündigt war, mehr Sirenen geben. Seit der Flutkatastrophe im Ahrtal hat ein Umdenken stattgefunden. Die Branddirektion arbeitet deshalb an einem Warnkonzept, das 152 Sirenen-Standorte vorsieht. Fraglich ist bisher aber noch, wo die Anlagen installiert werden – und vor allem wann.

Mehr Schutz für Frankfurter Bevölkerung: Feuerwehr soll für Katastropheneinsätze gestärkt werden

„Die Umsetzung des Konzeptes wird immer schwieriger, weil man keine Fachfirmen findet“, sagt der Sprecher von Sicherheitsdezernentin Annette Rinn (FDP), Stefan von Wangenheim. Zudem koste das alles viel Geld. „Es kann noch Jahre dauern, bis die neuen Sirenen installiert sind.“

Immerhin: Die Feuerwehr soll mehr Personal bekommen, um für den Katastrophenfall besser gewappnet zu sein. Dabei handelt es sich zunächst um eine Stelle im Bereich Bevölkerungsschutz. Das geht aus einem Magistratsbericht hervor, der jüngst veröffentlicht wurde. Darin heißt es: „Die aktuellen Krisenlagen (Flüchtlingslage 2015, Corona-Lage ab 2020, Beginn des Krieges in der Ukraine ab Februar 2022) zeigen, dass das Krisenmanagement der Stadt und die Strukturen im Bereich der Gefahrenabwehr bis an ihre Grenzen und teilweise darüber hinaus belastet wurden beziehungsweise werden.“

Der Zivil- und Bevölkerungsschutz müsse daher reaktiviert, an den heutigen Anforderungen ausgerichtet und neu aufgebaut werden, es bestehe erheblicher organisatorischer und personeller Nachsteuerungsbedarf. Die Mittel für die zusätzliche Stelle sollen allerdings erst im nächsten Haushalt bereitgestellt werden.

Zivilschutz in Frankfurt: Im Ernstfall müssen auch die Krankenhäuser vorbereitet sein

Für den Ernstfall muss aber nicht nur die Stadt gewappnet sein, auch die Kliniken müssen bereit sein. Deshalb haben etwa das Klinikum Höchst und die Uniklinik vorgesorgt. Dort ist je ein Basispaket gelagert, das für die Versorgung von 100 Traumapatienten für eine Woche ausreicht. Beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) ist ein Bevorratungssatz eingelagert.

Damit könnte im Katastrophenfall ein Behandlungsplatz ausgestattet werden, auf dem 25 bis 50 Patienten pro Stunde versorgt würden. Ferner ist der Rettungshubschrauber Christoph 2, der bei der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) stationiert ist, mit einer Materialreserve für 50 Patienten pro Stunde ausgestattet.

Diese kann bei einem Massenanfall von Verletzten, im Fachjargon "MANV" genannt, genutzt werden. Sprich: Wenn eine große Zahl von Menschen gleichzeitig versorgt werden muss – wie nach einer sintflutartigen Überschwemmung, einem Bombenanschlag oder einem Flugzeugabsturz. (Julia Lorenz, Thomas J. Schmidt)

Erst vor kurzem wurde bekannt, dass eine alte Bunkeranlage in Frankfurt-Riederwald umgebaut werden soll: Dort soll ein Platz für Kultur entstehen.

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