In den letzten 25 Jahren wurden etwa 50 000 Stellen im Pflegebereich gestrichen.
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Das Coronavirus bringt in den Altenheimen in Frankfurt „den Pflegenotstand ans Licht“ (Symbolbild).

Altenhilfe-Leiter im Interview

Corona in Frankfurter Altenheimen: Lage angespannt – Fälle von Depression nehmen zu

  • vonKatja Gußmann
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Corona bringt auch in den Altenheimen in Frankfurt viele Probleme. Caritas Altenhilfe-Leiter Gerhard Eiselen über Besuchsverbote, Schnelltests und viele Herausforderungen.

Corona-Schnelltests auf Bestellung, keine Besuchseinschränkungen mehr und 10 000 Tablets versprechen hessische Politiker für Pflegeheime. Doch bis die Oma ihren Enkel im Videochat grüßt und Tochter oder Sohn im eigenen Zimmer in die Augen schaut, müssen Heimleitung und Pflegekräfte einen anstrengenden Organisationsparcours bewältigen. Der immer weniger Zeit für die eigentliche Aufgabe lässt: die Pflege - nicht nur des Körpers, auch der Seele.

Gerhard Eiselen ist bei der Caritas Frankfurt Abteilungsleiter der Alten- und Krankenhilfe und unter anderem für die drei vollstationären Pflegeeinrichtungen des Trägers zuständig mit insgesamt 200 Plätzen. Auf seinem Schreibtisch landen die Bestimmungen der Behörden genauso wie die Bitten und Anfragen von Personal - sowie der Bewohner und ihrer Angehörigen. Er kennt den Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit in Pflegeheimen.

Corona in Frankfurt: Schutz der Bewohner in Altenheimen an erster Stelle

Seit Ende September liegt die Entscheidung über Besuchskonzepte in Pflegeheimen bei den Trägern der Einrichtungen. Haben Sie jetzt den schwarzen Peter bei der Wahl zwischen Pest und Cholera - Heime öffnen und das Covid-Risiko steigt, oder Besuche limitieren und die Vereinsamung der Bewohner nimmt zu?

Das ist unser Dilemma. Zu Beginn der Pandemie hat Corona eine Vollbremsung verursacht. Wir mussten Ende März alles runterfahren. Es war schnell klar, dass die alten Menschen stark betroffen sind, mit schwersten, teils tödlichen Krankheitsverläufen. Das war angsteinflößend. Wir haben daraus abgeleitet, dass der Schutz der Bewohner vor einer Virus-Übertragung an erster Stelle steht. Da waren wir im Einklang mit dem, was auch politisch Konsens war.

Mit der Lockerung der Besuchsverbote im Anschluss an den Lockdown blieben viele Heime deutlich restriktiver, als sie nach Gesetzeslage hätten sein müssen. Auch die der Caritas - warum?

Das ist richtig. Wir tragen schließlich die Verantwortung, wenn es zu einem Coronaausbruch im Heim kommt - nicht die Politiker, die die Regelungen lockern. Unsere Mitarbeitenden, Bewohner und Angehörigen tragen unsere Vorgaben zum Glück in den allermeisten Fällen mit. Aber wir standen und stehen vor dem Problem, dass es leider Angehörige gibt, die sich nicht an die Besuchs- und Hygieneregeln halten und damit die anderen Bewohner gefährden. Da wird die Oma oder der Opa abgeholt und zur Geburtstagsfeier des Enkels mitgenommen. Abholungen waren ja grundsätzlich möglich, aber wir sahen uns gezwungen, dringend davon abzuraten - wegen solcher Fälle. Unsere Bewohner und Bewohnerinnen haben ein Recht darauf, dass wir Sachwalter ihrer gesundheitlichen Unversehrtheit sind. Das ist auch das, was uns die Bewohnervertretungen bestätigt haben. Die alten, teils sehr kranken Menschen, haben für sich schnell entschieden, dass sie geschützt werden wollen. Sie hatten und haben Angst.

Gerhard Eiselen

Corona in Altenheimen in Frankfurt: Fälle von Depression nehmen zu

Das klingt nach mündigen Bewohnern, viele von ihnen sind aber dement. Und gerade für sie ist es folgenreich, monatelang ohne Besuch, ohne Umarmung zu leben. Wir wirkt sich das auf die mentale Gesundheit aus?

Seit dem ersten Lockdown bekommen wir die Rückmeldung aus allen drei Häusern, dass die Fälle von Depression zunehmen. Wir ermöglichen bereits in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt Kontakte über bestehende Regelungen hinaus. Derzeit erarbeiten wir ein langfristig angelegtes Besuchskonzept und beziehen Vertreter der Bewohner und Angehörigen ein. Sie geben uns viele gute Anregungen. Hier geht es um Besuchszeiten, wie man die Anmeldung erleichtert, und weitere organisatorische Fragen.

Haben Sie auch Tablets bekommen für Videotelefonie der Bewohner mit den Angehörigen? Und was nutzen Sie, wenn im Haus kein WLAN zur Verfügung steht?

Ja, wir haben schon im ersten Lockdown Videotelefonie ermöglicht. Das war nicht so erfolgreich wie erhofft. Und es bindet Arbeitszeit der Pflegekräfte. Wir sind am WLAN-Ausbau dran, wir wissen, dass das künftig Standard ist.

Corona in Frankfurt: Altenheime vor großen Problemen

Ein großer Faktor im Heimleben ist das Beschäftigungsprogramm, das mit der Pandemie fast auf null heruntergefahren wurde. Langeweile ist die Folge, die Raum für Ängste und Depressionen schafft. Warum muss das so sein?

Das ist ein ganz großes Problem. Wir haben einen erheblichen Anteil der Beschäftigungsangebote über Ehrenamtliche abgesichert, weil das, was uns dafür aus den Pflegeversicherungsmöglichkeiten zur Verfügung steht, wirklich marginal ist. Das sind Zehntel-Stellenanteile, das kann den Bedarf nicht decken. Und die Ehrenamtlichen kommen derzeit nicht in die Heime. Die Pflegekräfte versuchen, einiges aufzufangen, aber es fehlt die Zeit. Zumal im Moment das Pflegepersonal in organisatorische Dinge eingebunden werden muss - wie die Testungen und Besuchsorganisation. Ich schätze, dass fast 50 Prozent der Arbeitszeit momentan Coronamaßnahmen gilt.

Zum Konzept unserer Heime gehört die Sicherung und Förderung sozialer Kontakte der Bewohner untereinander, da gibt es Freundschaften, ja sogar Liebesbeziehungen. Jetzt sind die Bewohner auf ihre kleinen Gruppen beschränkt. Zeitweise musste aus Infektionsschutzgründen sogar einzeln auf den Zimmern gegessen werden.

Corona-Lage in Altenheimen in Frankfurt: Corona bringt Probleme ans Licht

Für einen Heimplatz in ihren Häusern zahlt ein Bewohner rund 3000 Euro im Monat aus eigener Tasche zusätzlich zu dem Betrag, den die Pflegeversicherung beisteuert. Da sollte man doch meinen, dass darin die Sorge für die psychische Gesundheit enthalten sein müsste?

Betonung auf "müsste". Sehr richtig. Wenn ein Heimplatz viel Geld kostet, ist die Erwartungshaltung hoch, das ist verständlich. Wir sehen jetzt die Leistungen, die über die Versicherung garantiert sind. Da ist wenig Betreuung drin. Corona bringt ans Licht, dass die Pflegeversicherung nur eine Grundabsicherung ist. Das ist vielen Menschen nicht klar, ehe sie selbst oder Verwandte Leistungsempfänger werden. Wir müssten das ganz große Rad drehen und der Pflegeversicherung abverlangen, dass sie mehr beinhaltet als die Grundversorgung. Das ist schon seit vielen Jahren ein Thema. Ich bin nicht betrübt, wenn aufgrund der jetzigen Situation diese Erkenntnis sich verbreitet.

Aber es braucht jetzt Lösungen. Schnelltests könnten zumindest für unbesorgten Besuch und damit mehr Abwechslung im Heim sorgen. Die Awo Nordhessen und der Frankfurter Verband haben bereits bestellt - 20 Tests pro Bewohner und Monat finanziert das Land Hessen. Was halten Sie davon?

Wir haben noch keine Tests bestellt. Zum einen suggerieren die Ergebnisse von Schnelltests bisweilen eine trügerische Sicherheit. Hier sollte man meiner Ansicht nach genau überlegen in welcher Situation solche Testungen sinnvoll sind. Zum anderen wird die Lieferung ohnehin erst für Mitte Dezember erwartet. Und ohne ein Konzept mit klarer Priorisierung - wen will ich wann aus welchem Anlass testen? - macht eine Bestellung meiner Meinung nach keinen Sinn. Ich habe die Kosten dafür durchgerechnet. Wenn wir Mitarbeiter und Bewohner einmal pro Woche testen wollten, bräuchten wir für alle drei Einrichtungen zusammen 2,7 Vollzeitkräfte zusätzlich, vorausgesetzt, wir kommen mit einer Testdauer von 15 Minuten hin. Die Kostenerstattung, die wir pro Test erhalten, deckt die Sachkosten, aber nicht die vollen Personalkosten dafür.

Corona in Altenheimen in Frankfurt: Die Arbeitssituation der Mitarbeiter

Wie schwierig es ist, Fachkräfte zu finden, darüber müssen wir nicht reden. Aber wie wirkt sich diese fordernde Arbeitssituation auf die Mitarbeiter aus?

Für uns arbeiten engagierte Menschen, die bis an ihre Leistungsgrenze gehen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Und anders, als man erwarten könnte, ist der Krankenstand niedrig, auf demselben Niveau wie im vergangenen Jahr. Das zeigt uns, dass sich alle verantwortlich fühlen. So sehr, dass die größte Angst unter unseren Beschäftigten nicht die eigene Ansteckung ist, sondern dass sie das Virus ins Haus tragen könnten.

In einem der Heime haben sich Bewohner und auch Mitarbeiter infiziert. Zwei Bewohner sind an bzw. mit dem Virus gestorben. Wie ist es gelungen, einen größeren Ausbruch zu verhindern?

Wir haben sofort nach Bekanntwerden der Infektion reagiert und das Gesundheitsamt informiert, das die Quarantäne in der betroffenen Wohngruppe verhängt hat. Der Kontakt zum Gesundheitsamt verläuft reibungslos und unser Hygienekonzept greift, so hatten wir die Lage zum Glück schnell unter Kontrolle. Schon vorher war das Haus wegen der Pandemie so organisiert, dass es keine Querkontakte zwischen Bewohnern und Mitarbeitern der verschiedenen Wohngruppen gab. Dennoch kam es zu weiteren Fällen, die aber größtenteils symptomlos verlaufen sind. Das Gesundheitsamt hat das Besuchsverbot über das ganze Haus verhängt. Das ist natürlich für die nicht betroffenen Bewohner sehr hart, die gerade erst die Lockerungen genießen konnten. Alle wurden auf Veranlassung des Gesundheitsamts getestet, die Mitarbeiter lassen sich alle zwei Wochen testen, so haben wir etwas mehr Sicherheit.

Wo sehen Sie sich in einem halben Jahr?

In einer relativ flüssigen Routine des Alltags, in einem gemeinsam getragenen Netzwerk mit den anderen freien Wohlfahrtsverbänden hier in Frankfurt. Wir verfolgen alle sehr klare Konzeptionen, an denen wir gemeinschaftlich arbeiten. Denn wir machen eine Lernkurve mit. Das heißt, wir passen unsere Organisation den sich wandelnden Anforderungen und neuen Erkenntnissen an. Was im ersten Lockdown richtig gewesen sein mag, passt jetzt nicht mehr. Und in einem Jahr hoffe ich, auf eine ganz schwierige Phase zurückzublicken aus der Warte eines gesicherten Impfstatus. (Katja Gußmann)

Anfang November wurden in Frankfurt 145 Senioren in Heimen positiv auf Corona getestet. Vier Bewohner sind inzwischen gestorben. Ein Arzt wird klären, ob mit oder wegen Corona.

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