Dr. Lothar Schrod. Foto: Maik Reuss
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Dr. Lothar Schrod, Chefarzt am Kinderklinikum in Frankfurt-Höchst.

Interview

Corona-Pandemie: Frankfurter Chefarzt mit deutlichen Worten – „Falsch, Kitas und Schulen zu schließen“

  • vonSylvia Amanda Menzdorf
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Der Chefarzt und Kinder- und Jugendmediziner Dr. Lothar Schrod vom Höchster Kinderklinikum über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Kinder.

Frankfurt – Dr. Lothar Schrod ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Frankfurt-Höchst. Er behandelt die kleinsten der an Covid-19 Erkrankten, also Säuglinge und Kinder.

Aber er warnt davor, wegen des Lockdowns und der Kontaktbeschränkungen bereits von einer "verlorenen Generation" zu sprechen.

Wir sind seit zwölf Monaten in der Pandemie - Ende nicht absehbar. Was sehen Sie davon in Ihrer Klinik?

In der Kinderklinik sehen wir insgesamt nicht besonders viele Covid-19-Erkrankungen. Was wir beobachten: Die Mehrheit der kleinen Patienten, die mit einer Corona-Infektion kommen, ist jünger als ein Jahr. Auch sehr junge Säuglinge sind dabei. Die Ansteckung geht von den Eltern zu den Kindern. Wir wissen, dass Kinder oft infiziert, aber symptomfrei sind. Einzelne erkranken aber so schwer, dass sie auf der Intensivstation behandelt werden müssen. Zwei Kinder mit komplexem hyperinflammatorischen (entzündlichem, die Red.) Syndrom behandeln wir hier gerade.

Corona: Gravierenden Auswirkungen auf Kinder – Elternhaus entscheidender denn je

Keine Kita, keine Schule, kein Vereinssport, kein Treffen mit Freunden - wie halten Kinder diese seit Wochen andauernden Beschränkungen aus?

Das ist für Kinder fraglos eine große Belastung, auf die sie niemand vorbereitet hat. Die Intensität der Belastung wird stark beeinflusst von äußeren Gegebenheiten: gut oder weniger gut angepasste Lernangebote der Schule, Art und Umfang der familiären Unterstützung und schließlich auch der Wohnsituation.

Könnten Sie das bitte konkretisieren?

Wenn, nur als Beispiel, zu Hause lediglich ein digitales Endgerät verfügbar ist, mit dem dann vielleicht noch ein Elternteil im Homeoffice arbeitet, sind schon die Voraussetzungen fürs Lernen zu Hause schlechter, als wenn das Kind ein eigenes Gerät hat. Wenn Eltern da sind, die ihrem Kind zu Hause ähnliche Strukturen geben, wie es sonst nur die Schule tut, ist das eine unschätzbare Hilfestellung. Diese Kinder werden besser durch die Krise kommen als solche, die keine oder kaum Unterstützung erfahren. Wenn dann noch räumlich beengte Wohnverhältnisse dazu kommen, wird es oft noch problematischer.

Mit welchen Konsequenzen?

Die Auswirkungen können vielfältig sein. Eine generelle Prognose ist kaum möglich. Das ganze Ausmaß der Auswirkungen wird sich erst viel später zeigen. Was wir wissen: Kinder befinden sich in einem andauernden Lernprozess. Sie trainieren tagtäglich Verhaltensweisen, die oft auf Dauer wirksam sind. Kinder, die jetzt die Erfahrung machen, dass sie für ihre Eltern, zumal wenn diese m Homeoffice arbeiten, vor allem ein Stressfaktor sind und deshalb mit der Playstation ruhig gestellt werden, lernen sie das als adäquates Verhalten. Darin sehen wir Kinderärzte eine gewisse Gefährdung, da machen wir uns Gedanken über Dinge wie Bewegungsmangel und dessen gesundheitliche Folgen, auch über Internetsucht.

Kinder unter Druck wegen Corona – „Erfolgserlebnisse sind die beste Motivation.“

Wie viel Beschränkung in ihrem unmittelbaren Lebensbereich können Kinder aushalten?

Dazu gibt es kaum belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse. Bekannt ist aber, dass Kinder seelische Belastungen häufig somatisieren. Sie reagieren mit körperlichen Beschwerden wie Schwindel oder Synkopen. Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung sind unter hohem Druck, weil sie mit ihrer motorischen Unruhe und Impulsivität zum Stressfaktor für ihre Umgebung werden und das auch wahrnehmen. Das Aushalten wird dann gegenseitig schwerer.

Welche Kinder schaffen es besser?

Viel besser schaffen es Kinder mit hoher intrinsischer Motivation. Mit dem in ihrer eigenen Person liegenden Interesse und ihrer Neugier sind sie hochmotiviert, von sich selbst aus etwas zu tun, etwa konzentriert zu lernen. Wieviel Kinder auszuhalten vermögen, kennen wir aus Kriegsschilderungen. Kinder zu stärken ist, ist das Wesentliche und unter nahezu allen Umständen möglich. Stärken bedeutet immer positive Verstärkung. Erfolgserlebnisse sind die beste Motivation.

Für Erfolgserlebnisse der Kinder sind Kita und Schule wichtig. Die aber sind geschlossen, seit Wochen...

Man hat sie wegen hoher Infektionszahlen geschlossen. Das halte ich für falsch. Die Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie empfiehlt, dass auch bei hohen Inzidenzen die Gemeinschaftseinrichtungen für Kinder und Jugendliche geöffnet bleiben können, wenn die bekannten Hygieneregeln eingehalten werden. Es hat sich gezeigt, dass Händewaschen, Maske tragen und ausgiebiges Lüften sehr effektive Instrumente im Infektionsschutz sind. Kitas und Schulen sollten nicht nur wegen des Bildungsauftrags offen gehalten werden, sondern auch weil sie enorm wichtig sind für die Entwicklung der Kinder, für ihre soziale Teilhabe und mitunter sogar für ihren Schutz durch die vorhandene Sozialkontrolle.

Wie viel Gefahr von mit Corona infizierten Kindern wirklich ausgeht

Tragen Kinder nicht Infektionen heraus aus Kita und Schule in ihre Familien?

Die bisherigen Datenanalysen ergeben dafür keine belastbaren Hinweise. Die Analyse des Infektionsgeschehens im Umfeld von Kitas und Schulen weist allerdings auf eine Reihe von Möglichkeiten eines verbesserten Infektionsschutzes hin. Kitas und Schulen in diesem Sinne sicherer zu machen, ist die Anforderung. Die komplette Schließung der Einrichtung kann immer nur allerletztes Mittel sein.

Wenn etwa Mutationen auftreten?

Ob durch das Auftreten mutierter Virusvarianten aus Großbritannien, Brasilien, Nigeria und Südafrika in Zukunft auch in Deutschland die Gefahr einer höheren Ansteckungsrate besteht und welche Konsequenzen sich daraus für Kita- und Schulbetrieb ergeben könnten, ist aktuell noch nicht abschließend beurteilbar.

Eine Perspektive haben, Sicherheit spüren – Das brauchen während Corona auch Kinder

Brauchen Kinder das, was Erwachsene jetzt oft für sich einfordern: eine Perspektive in der Krise?

Das ist altersabhängig sehr unterschiedlich. Für kleinere Kinder ist es vor allem wichtig, dass Eltern ihnen einen festen Rahmen geben mit Regeln, die verbindlich sind. Dass Kinder zeitliche Perspektiven völlig anders erleben als Erwachsene, weiß jeder, der schon einmal mit Kindern in den Urlaub gefahren ist. Schon nach kürzester Zeit kommt die Frage: Wann sind wir da? Die Erwachsenen sind dann diejenigen, die spielerisch kindgerechte Perspektiven geben. Das gilt auch jetzt in der Pandemie. Regeln einzuhalten, hilft übrigens auch älteren Kindern, so gut wie möglich durch die Krise zu kommen. Regeln schaffen Sicherheit.

Wer kann Kindern und Jugendlichen denn diese Sicherheit geben?

Es ist eine Herausforderung für Eltern, dafür bei allen übrigen Anforderungen die Kraft aufzubringen, den Alltag der Kinder zu strukturieren und auch der Eigeninitiative ihrer Kinder Raum zu geben. Wenn sie es dann noch schaffen, kleine Lichtpunkte am Horizont ihrer Kinder zu setzen, dann geht es denen relativ gut. Diese Krise ist ein Riesenexperiment: für die Familien, für die ganze Gesellschaft.

Wegen Corona bleibt gerade vieles auf der Strecke – Nicht nur für Kinder, auch für Erstsemester

Es ist derzeit oft von häuslicher Gewalt die Rede, der auch Kinder vermehrt ausgesetzt sein könnten. Teilen Sie diese Sorge?

Dabei geht es nicht allein um körperliche, sondern auch um psychische Gewalt. Deren Opfer sehen wir in der Klinik gar nicht. Was ich aber weiß: die seit 2008 bestehende Kinderschutzgruppe des Klinikums Höchst hat gerade mehr zu tun als je zuvor.

Bildungspolitiker sprechen schon von einer "verlorenen Generation". Ist das aus Ihrer Sicht gerechtfertigt?

Ich würde dringend dazu raten, vorsichtig mit solchen Etikettierungen umzugehen. Natürlich müssen die Schülerinnen und Schüler gerade manches Defizit hinnehmen. Ich kenne kein Kind, das Homeschooling toll findet, fast alle freuen sich auf die Schule. Es bleibt gerade manches auf der Strecke. Langfristig muss das aber keine große Rolle spielen. Ich glaube auch nicht, dass Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren sich selbst so wahrnehmen: als verlorene Generation. Für Studienanfänger ist es da schon schwieriger. Sie erleben gerade den Übergang an die Universität ohne jeglichen Kontakt zu Mitstudierenden. Das ist so sehr das Gegenteil dessen, was sie sich als ihre neue Normalität nach der Schule vorgestellt haben, dass sich sicherlich manche von ihnen betrogen fühlen.

Corona-Dauerkrise: Kinder nehmen Krisen anders wahr

Vor der Corona-Krise wurde die Klima-Krise täglich öffentlich diskutiert. Nehmen Kinder diesen Dauerkrisen-Modus wahr und was macht das mit ihnen?

Wenn Kinder das Gefühl haben, die Familie ist sicher, dann geht es ihnen gut. Erleben sie große Verunsicherungen, ökonomische Ängste der Eltern etwa durch Arbeitslosigkeit, belastet das Kinder enorm. So etwas wie Klima-Krise mögen sie zwar irgendwie mitbekommen, das ist aber für ihre Vorstellungswelt viel zu abstrakt. Schwere psychische Belastungen erleiden Kinder immer dann, wenn Verluste in ihrer unmittelbaren Umgebung drohen oder eintreten. Wenn sich Eltern trennen oder ein Elternteil verstirbt, ist das für viele Kinder viel schmerzhafter als der Verlust eines Geschwisters. Das sind die wirklich großen Krisen für Kinder. Krise ist, wenn ihre Sicherheiten im Alltag wegbrechen. Erst in der Adoleszenz, also als Heranwachsende setzen sie sich mit Phänomen wie der Klima-Krise auseinander.

Gestärkt aus der Corona-Krise herauskommen - ist das ein frommer Wunsch oder eine reale Chance auch für Kinder?

Wer als Kind schwere Krise durchlebt und übersteht, der macht Erfahrungen, die den Blick aufs Leben verändern und kann zu großer Reife gelangen. In einem solchen Fall führt es zu Stärkung. Die Krise pauschal zur Chance umzudeuten, erscheint mir dann aber doch zu schlicht. (Interview: Sylvia A. Menzdorf)

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