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Dem Coronavirus per Telefon und Computer auf der Spur: Katrin Steul und Antje Sauer (vorne).

Suche nach Infektionsketten

„Extreme Belastung“: Corona-Kontaktverfolger in Frankfurt unter massivem Arbeitsdruck

  • vonBrigitte Degelmann
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Beim Corona-Tracker-Team im Gesundheitsamt Frankfurt läuft alles zusammen. Nach sieben Monaten ist die Arbeitsbelastung überaus massiv.

  • In Frankfurt steigen die Corona-Fallzahlen wieder stark an.
  • Dutzende Mitarbeiter des Gesundheitsamtes arbeiten im Tracker-Team und versuchen, die Kontakte von Infizierten nachzuverfolgen.
  • Die Arbeit sei nur durch „massiven persönlichen Einsatz seit sieben Monaten“ zu bewältigen, so eine Mitarbeiterin.

Frankfurt – Wenn Gabriele Dyckmans in diesen Wochen abends heimfährt, dann will sie oft nur noch eines: Ruhe. „Ich komme nach Hause und bin leer“, sagt sie. „Da will ich nicht mal mehr gefragt werden, wie mein Tag war.“ Gabriele Dyckmans leitet im Frankfurter Gesundheitsamt den Bereich „Frühe Hilfen“ für Familien und Alleinerziehende in schwierigen Lebenslagen – und sie hilft dabei, die Kontakte von Corona-Infizierten nachzuverfolgen. Das Ziel: Infektionsketten erkennen und unterbrechen, um die Pandemie damit einzudämmen.

Deshalb hängt Gabriele Dyckmans nun während ihrer Arbeitstage stundenlang am Telefon, auf der Spur des Coronavirus. Wie Dutzende weitere Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, die in sogenannten Tracker-Teams mitwirken. Seit Mittwoch nimmt die Behörde auch die Hilfe der Bundeswehr in Anspruch, um trotz der explodierenden Infektionszahlen den Überblick zu behalten.

Corona-Kontaktverfolgung in Frankfurt: Stundenlanges Telefonieren

Auf dem Papier klingt die Nachverfolgung der Kontakte nicht allzu kompliziert. Vor allem eine Frage steht dabei im Mittelpunkt: Mit welchen Personen hatte ein Infizierter in den 48 Stunden, bevor die Infektion festgestellt wurde, näheren Kontakt? Zum Beispiel bei einem Gespräch, das länger als 15 Minuten dauerte, mit einem Abstand von weniger als zwei Metern? Genau das ist ein Kriterium für eine sogenannte Kontaktperson ersten Grades, die dann ebenso für 14 Tage in Quarantäne muss wie diejenigen, mit denen ein Infizierter in einem Haushalt lebt.

In der Praxis ist diese Kontaktnachverfolgung dagegen alles andere als einfach, sagt Katrin Steul. Normalerweise ist sie im Gesundheitsamt für die Hygiene in medizinischen Einrichtungen und Umweltmedizin zuständig. Nun kümmert sie sich vor allem um das Corona-Ausbruchsmanagement in mehreren Bereichen, unter anderem in Kitas und Schulen. Und versucht dabei wie Gabriele Dyckmans und die anderen Mitarbeiter, ihr eigentliches Aufgabengebiet nicht zu vernachlässigen. Eine „extreme Belastung“ sei das, sagt sie, die nur durch „massiven persönlichen Einsatz seit sieben Monaten“ zu bewältigen sei.

Tracker-Team in Frankfurt geht jeden Tag die gemeldeten Corona-Fälle durch

Täglich geht sie mit ihrem Tracker-Team die gemeldeten Corona-Infektionen durch. Da ist zum Beispiel jene Schule im Frankfurter Westen, die zwei infizierte Schülerinnen gemeldet hat. Die eine sei zuletzt am 25. September im Unterricht gewesen, Krankheitssymptome seien aber erst Anfang Oktober aufgetreten, stellt das Team fest: „Da muss man nur im privaten Umfeld gucken, nicht in der Schule.“

Im zweiten Fall hat man hingegen sieben mögliche Kontaktpersonen der ersten Kategorie ermittelt: vor allem die Mitschüler, die während des Unterrichts gewöhnlich in der Nähe des infizierten Mädchens sitzen. Nun müssen sie der Reihe nach abtelefoniert werden: Waren sie im fraglichen Zeitraum tatsächlich in der Schule? Wie eng waren die Kontakte? Schließlich, sagen Katrin Steul und Gabriele Dyckmans übereinstimmend, sei die Verhängung einer Quarantäne eine freiheitsberaubende Maßnahme, die nicht einfach so angeordnet werden könne: „Das muss ganz genau überprüft werden, ob das angezeigt ist oder nicht.“

Frankfurt: Corona-Kontaktnachverfolgung in Kitas gestaltet sich schwierig

In Schulklassen sei die Corona-Kontaktnachverfolgung noch relativ einfach. Schwieriger ist es in Kitas: Wie ermittelt man, welches Kind wann mit wem wie lange gespielt hat? Wer vielleicht den Lego-Baustein in die Hand genommen hat, den sich ein anderes Kind vorher in den Mund gesteckt hatte?

Manche Kitas setzten inzwischen auf Kontaktlisten, um gewappnet zu sein, sagt Antje Sauer, Inspektorin im Bereich Umwelthygiene, die zurzeit ebenfalls im Tracker-Team mitarbeitet: „Da beobachten Erzieherinnen, wer mit wem längere Zeit spielt, und notieren das.“ Liegen diese nicht vor, sprechen die Kontaktnachverfolger mit Erziehern und Eltern, um Klarheit zu gewinnen. Tests fünf bis sieben Tage nach der gemeldeten Corona-Infektion in den betreffenden Einrichtungen und Klassen sollen dann für Gewissheit sorgen.

Eine mühsame Detektivarbeit, die schon beim Herausfinden der richtigen Telefonnummern Tücken bergen kann. Denn manchmal, sagt Antje Sauer, seien die Kontaktdaten, die in den Schulen und Kitas hinterlegt seien, veraltet. Außerdem herrscht unter den möglichen Betroffenen oft große Aufregung. Einige fielen aus allen Wolken, erzählt Gabriele Dyckmans. Etwa jener Vater, der für die Herbstferien schon eine Reise für die ganze Familie gebucht hatte. Die stand auf der Kippe, weil der 17-jährige Sohn als Kontaktperson ersten Grades galt – was der Vater zunächst nicht akzeptieren wollte. Erst nach längerem Zureden habe er es eingesehen, und die Familie sei ohne den Sohn in die Ferien gestartet, erinnert sich Dyckmans.

Auch mit Corona-Verschwörungstheoretikern: Anstrengende Diskussionen in Frankfurt

Es sind gelegentlich anstrengende Diskussionen, die sie führen muss. Zum Beispiel dann, wenn Betroffenen zu verhandeln versuchen. Ob man die 14-tägige Corona-Quarantäne nicht verkürzen könne, etwa durch ein negatives Testergebnis? Doch mit diesem Ansinnen beißen sie auf Granit. „Da haben wir keine Handlungsspielräume“, sagt Gabriele Dyckmans. „Ich sage immer, dass es mir wirklich sehr leid tut, aber dass ich es nicht ändern kann. In der letzten Konsequenz wird es akzeptiert.“ Schließlich drohen bei Verstößen hohe Geldbußen.

Auch Impfkritiker und Verschwörungstheoretiker versuchen sie immer wieder in Debatten zu verwickeln. „Im April hatten die Menschen noch mehr Verständnis“, erinnert sich die Kontaktnachverfolgerin. Dennoch verlaufe die Mehrzahl der Telefonate freundlich. Und, sagt Gabriele Dyckmans lachend, bevor sie sich ans nächste Gespräch macht, „wir lernen Frankfurt auf diese Weise noch mal ganz anders kennen“. (Von Brigitte Degelmann)

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