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Professor René Gottschalk bekommt bundesweite Aufmerksamkeit wegen seiner jüngsten Veröffentlichungen im Publikationsorgan der Landesärztekammer Hessen

Pandemie

Corona in Frankfurt: "Wir nehmen Covid-19 als ernste Situation wahr"

Frankfurts Gesundheitsamtschef Gottschalk hat mit seiner ehemaligen Stellvertreterin eine Studie veröffentlicht. Die beiden Autoren stellen ihre bislang gemachten Erfahrungen mit Corona-Infektionen und deren Folgen dar.

Frankfurt - Professor Dr. med. René Gottschalk ist gerade ein vielbeachteter Experte. Weniger, weil das von ihm geleitete Frankfurter Gesundheitsamt momentan alle Hände voll zu tun hat mit der Kontaktnachverfolgung Corona positiv Getesteter und des Managements der Richtung „Alarmstufe Rot“ gestiegenen Infektionszahlen in der Stadt. Gottschalk bekommt bundesweite Aufmerksamkeit wegen seiner jüngsten Veröffentlichungen im Publikationsorgan der Landesärztekammer Hessen namens „Hessisches Ärzteblatt“. Dort präsentieren er und Co-Autorin Professor Dr. med. Ursel Heudorf, bis 2019 Gottschalks Stellvertreterin und nun im Ruhestand, Kurven, Zahlen und Säulendiagramme.

Mit „Die Covid-19-Pandemie in Frankfurt am Main: Was sagen die Daten?“ ist das Gemeinschaftswerk überschrieben. Die beiden Autoren stellen ihre bislang gemachten Erfahrungen mit Corona-Infektionen und deren Folgen dar. Trockene Kost fürs Fachpublikum, könnte man meinen. Weitaus spannender liest sich der anschließende Beitrag „Die Covid-19-Pandemie - bisherige Erkenntnisse und Empfehlungen für das weitere Vorgehen“.

Frankfurt: Gesundheitsamts-Chef Gottschalk veröffentlicht mit Kollegin Studie

Dass die Veröffentlichung kurz nach Erscheinen landauf landab Schlagzeilen machte in Tageszeitungen, auf Nachrichtenportalen und schließlich in sozialen Netzwerken viral ging, dürfte mindestens drei Gründe haben: die Kritik der Autoren an den politischen Entscheidungsträgern, ihre Feststellung, dass die Pandemie in Frankfurt zu keiner Übersterblichkeit geführt habe und schließlich der zu Verkürzung und Polarisierung einladende Vergleich der an Covid-19 Verstorbenen mit jenen, die der Influenza oder Hitzewellen zurückliegender Sommer zum Opfer fielen.

Gottschalk und Heudorf fordern zuerst einmal „dringend eine breite öffentliche Diskussion zu den Zielen und Mitteln der Pandemie-Bekämpfung“. Sie sehen „Erfahrungen früherer Pandemien“ nicht ausreichend berücksichtigt. „Ein Problem hierbei war (und ist), dass überwiegend virologische Fachexpertise zur Beratung genutzt wurde, um die Maßnahmen zu beschließen; Fachärzte für Öffentliches Gesundheitswesen, die für solche Situationen eine lange aufwendige Weiterbildung absolvieren müssen, waren nur selten involviert.“

Gottschalk und Heudorf sind beide keine Virologen. Heudorf war Fachärztin für Allergologie, Umweltmedizin und öffentliches Gesundheitswesen. Gottschalk, doppelt promoviert, war zuerst als Ingenieur für Biomedizintechnik tätig, studierte später Medizin, wurde Internist und Infektiologe und gilt als Seuchenschutz-Experte. Heudorfs und Gottschalks Kritik, Politiker berücksichtigten bei der Konzeption von Corona-Maßnahmen zu sehr den Rat von Virologen und zu wenig das, was Fachärzte für öffentliches Gesundheitswesen zu sagen hätten, mag man als Reaktion sich zu gering beachtet Fühlender lesen. In ihrer Publikation betonen beide: Das Bundesland Hessen sei in dieser Hinsicht eine „positive Ausnahme“. Könnte heißen: Wiesbaden spricht mit uns, Berlin leider nicht. Könnte. Kritik an der Bundesregierung formulieren die Autoren aber mit keinem Wort. Was sie fordern, und zwar „dringend“, ist eine „breite öffentliche Diskussion zu den Zielen der Pandemie-Bekämpfung“. Revolutionär oder brisant ist das nicht.

Corona-Pandemie in Frankfurt: Gottschalk und Heudorf werden zu Social-Media-Stars

Was Gottschalk und Heudorf unversehens und binnen kurzem zu Social-Media-Stars hat werden lassen, sind Schlagzeilen wie „Amtsarzt vergleicht Corona mit Grippe und Hitzewellen“ („Bild“), „Gesundheitsamt zweifelt an aktueller Corona-Strategie“ (RTL), „Keine Übersterblichkeit durch Covid-19: Chef von Gesundheitsamt vergleicht Corona mit Grippe und Hitzewellen“ („Berliner Zeitung“). Auch Talkmaster Markus Lanz zitierte in seiner Sendung vom 1. Oktober genau so René Gottschalk, gleichsam als Kronzeugen für eine laut Lanz überzogene Corona-Politik bei Bund und Ländern.

Auch Corona-Skeptiker und Leugner haben den Frankfurter Gesundheitsamts-Chef für sich entdeckt. Auf einer Facebook-Plattform, die sich „Die Wahrheit“ nennt und allerlei Unwahrheiten über einen angeblich unmittelbar bevorstehenden zweiten Lockdown und die geplante Zwangsimpfung verbreitet, wird der Bericht der „Berliner Zeitung“ über Gottschalks Statements wie ein Evangelium der neuen Erkenntnis präsentiert. „Keine Übersterblichkeit durch Covid-19“ ist offenbar der ideale Lockstoff für solche Herrschaften.

34 900 Mal auf Facebook und Twitter wurde der Artikel der Berliner Zeitung geliked, geteilt - das zählte der Branchendienst zu Medienthemen „Meedia“ zusammen und kommentiert „so viele wie kein anderer journalistischer Artikel des Tages im deutschsprachigen Raum“.

Frankfurt: Vergleich von Corona mit Grippe und Sommerhitze

Ein großer Teil dieses Erfolgs, der in Anbetracht der Resonanz bei Skeptikern, Leugner und Verschwörungsfreunden nicht ungetrübt ist, entspringt sicherlich dem Vergleich von Corona mit Grippe und Sommerhitze. Diesen Vergleich hat Gottschalk gezogen und zitiert, in seinem knochentrockenen Statistik-Artikel "Die Covid-19-Pandemie in Frankfurt am Main. Was sagen die Daten?" Er führt dort aus: "Im Gegensatz zu erkennbar höheren Sterbezahlen während der Influenza-Zeiten 2017 und 2018 sowie während der Hitzeperiode im Juli 2018" gebe es keine Auffälligkeiten in der Sterbestatistik 2020.

Damit legt er aber nicht nahe, was nun Corona-Leugner so sehnsüchtig herauslesen: dass das Virus harmlos und politisches Vehikel für was auch immer sei. In seinem zweiten Aufsatz in der gleichen Ausgabe des Hessischen Ärzteblattes schreiben Gottschalk und Heudorf klipp und klar: "Um nicht missverstanden zu werden: Wir nehmen Covid-19 durchaus als eine ernst zu nehmende Situation wahr." Er und Heudorf kommen schließlich zu Empfehlungen, die längst als breiter gesellschaftlicher Konsens und Standard sind: "Einhaltung des Abstandgebotes und, wo dies nicht möglich ist, das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung", "häufiger Aufenthalt im Freien", und "in Schulen, Kitas oder ähnlichen Einrichtungen sind die Regeln guter Hygiene zu beachten."

Der Kern der Kritik von Gottschalk und Heudorf richtet sich auf die Teststrategie und die den Gesundheitsämtern aufgebürdete Arbeitslast. Die Autoren fragen aber, ob die Nachverfolgung sämtlicher Infektionsketten immer sinnvoll sei, denn dies führe zu "einer völligen Auflösung der gängigen Arbeitsabläufe in den Gesundheitsämtern, die ihre vielfältigen präventiven Aufgaben nicht mehr wahrnehmen können". Darüber sollte man in der Tat diskutieren. red

Ab dem 9. Oktober gelten in Frankfurt drastische Corona-Regeln.

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