Noch sitzen Gäste im Helium an der Sandgasse in Frankfurt, doch die Kellnerin räumt bereits zusammen.
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Noch sitzen Gäste im Helium an der Sandgasse in Frankfurt, doch die Kellnerin räumt bereits zusammen.

Verschärfte Corona-Maßnahmen

Alkoholverbot und Sperrstunde in Frankfurt: Genervte Gäste, resignierende Wirte - Eine erste Bilanz

  • vonSabine Schramek
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Das erste Wochenende mit Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen und Sperrstunde hat in Frankfurt Traurigkeit und Resignation zur Folge. Die Atmosphäre in den Ausgehvierteln erinnert an die Zeit des Corona-Lockdowns.

Frankfurt - Wenn auf dem Opernplatz und in der Freßgass nur wenige Lokale am Wochenende gut besucht sind, ist entweder sehr schlechtes Wetter oder Sperrstunde. Denn Frankfurt ist nun ein Corona-Risikogebiet. Freitag und Samstag leuchtet schon um 21.30 Uhr kein Licht mehr im Café Rosso, die Pop-Up-Restaurants stehen leer. Auch die Pizza- und Pommesbuden auf dem Opernplatz sind zu. „Wenn wir keine Veranstaltung haben, schließen wir früh“, sagt eine Kellnerin und zuckt mit den Schultern. Auf der Freßgass sind nur wenige Bars voll. Im „L‘Avenue“, „Envy“ und „Central Park“ fließen Champagner und Cocktails.

Sperrstunde ab 23 Uhr: Dann heißt es Überzeugungsarbeit leisten

„Nicht mehr lange“, sagt einer der Inhaber des „Envy“, der namentlich nicht genannt werden möchte. Er blickt auf seine ausgelassen angetrunkenen Gäste und weiß, dass sie um 23 Uhr weg sein müssen. Die Überzeugungsarbeit fällt schwer. Viele der Gäste haben es noch nicht mitbekommen, dass es eine Sperrstunde in Frankfurt gibt. Mit Geduld und energisch freundlichen Worten kassieren die Kellner ab und schicken die murrenden Gäste raus.

Im Café Hauptwache ist die letzte Runde um 22 Uhr. „Sonst schaffen wir das nicht“. Der Kellner befindet die Regelung als „hart“. Er fürchtet „soziale Probleme. Wenn die Leute jetzt wieder stark eingeschränkt werden, wird es schwierig.“ Sauer sind späte Gäste, die eine Pizza in der „Paninoteca“ essen wollen. Elegant gekleidet stehen sie vor verschlossenen Türen, während die Bar „Helium“ und die „Bar Celona“ noch voll sind. „Wo kriegen wir denn jetzt was zu essen“, fragt das Paar entrüstet. „Nirgends“, sagt der Wirt. „Wenn das Amt sagt, dass wir zu machen müssen, machen wir zu. Sonst müssen wir Strafe bezahlen. Man hätte das Reisen verbieten sollen. Das hätte uns allen viel Leid erspart“, sagt er und schließt um 22.30 Uhr die Tür ab. In den Bars in Frankfurt wird abkassiert. Stühle werden laut knallend gestapelt, um es den Gästen im Helium sanft beizubringen, dass Schluss ist. Kerzen auf Tischen werden abgeräumt, Kellnerinnen fegen zwischen den Tischen den Boden.

Sperrstunde in Frankfurt: Die Leute sind sauer

Die Leute sind sauer. „Das ist ja ein Provinzkaff“, schimpft eine angetrunkene Frau. Sie steht mit ihren Freunden ratlos vor der Tür und weiß nicht wohin. Auf dem Stoltzeplatz stehen nur noch leere Stühle vor der „Bar Celona“, neben dem „Helium“ wird diskutiert, wo man hingehen solle. „Im Bahnhofsviertel geht bestimmt was“, reden sich die jungen Gäste ein.

Dort allerdings geht auch nichts mehr. Alle Lokale sind zu, selbst der legendäre Frankfurter Kiosk „YokYok“ hat geschlossen. Das Viertel ist gespenstisch und erinnert an die Zeit, als nur systemrelevante Läden offen haben durften. Herab gelassene Rollläden, geschlossene Türen, vergeblich wartende Taxis zeichnen das Bild. Auf den Straßen stehen, liegen und sitzen Junkies, Dealer, Obdachlose und Straßenprostituierte. Wer sich ins Frankfurter Bahnhofsviertel nach 23 Uhr verirrt, dreht schnell ab. „Das sieht ja furchtbar aus“, sagen zwei junge Männer, bereits am Kaisersack entscheiden, wieder zum Bahnhof zu gehen. „Da kann man sich ja nicht rein trauen“, sind sie sich einig und fahren nach Alt-Sachsenhausen.

Die Große Rittergasse in Sachsenhausen ist nach 23 Uhr verwaist.

Verschärfte Corona-Regeln in Frankfurt - Das Ordnungsamt kontrolliert

Auch dort ohne Erfolg. Die Lichter sind aus. Es ist menschenleer in den Gassen. Kein Licht ist an. Nur die Gaslaternen funkeln. „Am Freitag war um Punkt 23 Uhr das Ordnungsamt da und hat mit Taschenlampen in die Fenster geleuchtet“, sagt Frank Reichenbach. Er ist Mitarbeiter vom „Oberbayern“, „Froschkönig“, „Eisernen Hahn“, „Frau Rauscher“ und dem „Erdnüsschen“ im Viertel. „Es ist total schlimm. Die Gäste haben Angst wegen der Corona-Panikmache und kommen erst gar nicht. Die meisten hier verlassen erst um 20 Uhr oder 21 Uhr das Haus, um Essen und Trinken zu gehen, weil sie lange arbeiten. Jetzt leidet die Gastronomie wieder, die sich langsam wieder berappelt hat.“ Unsicherheit gibt es auch bei den Kiosken. In der Paradiesgasse hängt ein Schild, auf dem steht: „Ab 23 Uhr kein Alkohol!“. „Die Stadtpolizei hat gesagt, dass wir dann keinen mehr verkaufen dürfen“, so der Mitarbeiter. Direkt um die Ecke ist ein weiter Kiosk. Er verkauft auch nach 23 Uhr Alkohol. „Wir dürfen die Flaschen nicht öffnen und die Leute vor der Tür nicht trinken. Verkaufen dürfen wir. Wir sind Einzelhandel“, sagt der Betreiber. Es lohnt sich kaum. Um 23.30 Uhr ist niemand mehr in den Gassen in Frankfurt-Sachsenhausen unterwegs. (Sabine Schramek)

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, in einer früheren Version dieses Artikels hatten wir geschrieben, dass Frank Reichenbach „Mitbetreiber“ sei, er ist stattdessen „Mitarbeiter“. Der Fehler wurde korrigiert, wir bitten, dies zu entschuldigen.

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