Allein geht ein junger Mann nach der Ausgangssperre über den leeren Platz an der Hauptwache. Die Polizisten in ihrem Einsatzwagen werden ihn gleich kontrollieren. Fotos: Monika Müller, Sabine Schramek/dpa
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Allein geht ein junger Mann nach der Ausgangssperre über den leeren Platz an der Hauptwache. Die Polizisten in ihrem Einsatzwagen werden ihn gleich kontrollieren.

Corona in Frankfurt

Bundesweite Ausgangssperre: Hält sich Frankfurt an die neuen Regeln?

  • vonSabine Schramek
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Seit dem Wochenende gilt die bundesweite Ausgangssperre. Ab 22 Uhr darf nur noch raus, wer im Dienst ist, alleine joggt oder mit seinem Hund Gassi geht. Macht Frankfurt dabei mit?

Frankfurt – Dass 11 Grad Celsius nicht unbedingt zum Partymachen im Freien einladen, ist eine Sache. Wenn aber der Mond dick und hell am Himmel scheint, treffen sich abends dennoch gerne Leute draußen, um die Arbeitswoche ausklingen zu lassen. Wenn nachts nur noch in Orange gekleidete Männer auf der Deutschherrenbrücke werkeln und das einzig Lebendige zu sein scheinen, ist an der EZB etwas bisher Unbekanntes passiert.

Im Schatten der Osthafenbrücke direkt am menschenleeren Skaterpark stehen zwei Polizeiwagen dunkel und ohne Blaulicht. Sie sind kaum zu sehen, ebenso wie die Beamten. „Um 21 Uhr waren noch etwa 50 Leute hier“, sagt einer von ihnen und blickt in den sonst so belebten Park. „Es gab vor 22 Uhr ein paar wenige Alkoholverstöße. Das war’s. Die Leute waren um 22 Uhr weg. Frankfurter scheinen die nächtliche Ausgangssperre einzusehen.“ Nur ein Fahrzeug vom Technischen Hilfswerk ist noch da und leuchtet die weite Fläche aus, auf der kein Geräusch zu hören ist.

Ausgangssperre in Frankfurt: Beliebte Partyziele plötzlich leergefegt

Nach 22 Uhr sitzen noch einige wenige Menschen in Bussen und Bahnen. In der Stadt sind vereinzelt kleine Grüppchen unterwegs, die sofort hinter Hausecken verschwinden, wenn sich ein Polizeiauto nähert. Essenslieferanten auf Fahrrädern sind noch unterwegs, Taxis stehen in langen Reihen an ihren Plätzen. Autos mit Kennzeichen, die meist nicht aus Frankfurt sind, beleben mit ihren Scheinwerfern dunkle Straßen. Der Affentorplatz in Alt-Sachsenhausen ist ebenso stockdunkel wie die engen Gassen. Selbst in der „Döner-Kurve“ haben nur noch wenige Imbisse Licht an und liefern Pizza und Döner.

Höhenstraße, Nordend: Erster Abend mit Ausgangssperren in Frankfurt

Zwei Rettungswagen kümmern sich um einen Mann, der zusammengebrochen ist. Ansonsten leuchten nur noch Lichter aus Wohnungen. Die Konstablerwache ist leer, die Hauptwache, die Freßgass‘ und der Opernplatz. Kein Lachen ist zu hören. Stadtpolizei und Landespolizei drehen in ihren Wagen Runden. Sie sprechen die wenigen vereinzelten Fußgänger in der Innenstadt an, die Gassi gehen und weisen sie freundlich auf die Sperrstunde hin. Die meisten nicken und gehen schnell weiter. Eine junge Frau ist mit ihren Chihuahua unterwegs mit einer Mitbewohnerin. „Der muss halt raus. Er kennt es nicht anders, aber alleine traue ich mich nicht. Wer weiß, wer jetzt noch unterwegs ist. Es ist so dunkel und leer“, sagt sie.

Frankfurt Hauptbahnhof: Strenge Polizeikontrollen und Lautsprecherdurchsagen

Im Bahnhofsviertel in Frankfurt wird das Polizeiaufgebot hochgefahren. Noch stehen Straßenprostituierte an den Häuserecken auf der Kaiserstraße. Teure Autos mit rumänischen und bulgarischen Kennzeichen fahren auf und ab. Vor den Nachteinrichtungen der Drogen- und Obdachlosenhilfe drängen sich die, die kein Zuhause haben. Manche kauern zusammengesunken an Hauswänden, andere streiten sich. Sie werden still, wenn Einsatzwagen vorbeifahren. Immer wieder werden Autos angehalten und kontrolliert. Per Lautsprecher werden Durchsagen gemacht, die auf die Ausgangssperre verweisen.

Es sind Dutzende Polizeifahrzeuge unterwegs. Die Menschen verschwinden. Um Mitternacht sind auf der Kaiserstraße nur noch einige in Decken gerollte schlafende Obdachlose zu sehen. Vor den Kiosken und Lokalen in der Münchener Straße steht seit 22 Uhr niemand mehr. Die Taunusstraße ist wie leer gefegt. Das Bahnhofsviertel ist zur mulmigen Geisterstadt mutiert. Müll, der im Wind durch die Straßen weht und ein paar Taxis sind das Einzige, was übrig ist. Das Elend und die Not sind trotzdem spürbar und sichtbar. Auch, wenn kaum eine Menschenseele mehr draußen ist.

Nach Mitternacht geht das Nachtleben eigentlich erst richtig los. Es findet nicht statt. Keine Partys, leere Bahnen, leere Hauptverkehrsstraßen. Nicht einmal der Drive-In von McDonald's hat offen. Tankstellen leuchten, haben offen und sind trotzdem verwaist. Es ist unheimlich. Das Einzige was fährt, sind komplett leere Busse und Straßenbahnen sowie Streifenwagen. Die Taxis stehen weiter an ihren Plätzen und warten. Vergeblich. Zumindest bis fünf Uhr früh. Erst dann ist die Ausgangssperre vorbei.

Die Kaiserstraße Frankfurt in der ersten Nacht der Ausgangssperre.

„Vielleicht wollen Leute ja früher als sonst weg, weil sie früher schlafen gehen“, hofft Taxifahrer Amir M. (47). „Es ist schlimm für uns. Statt weniger Nachtfahrten haben wir jetzt keine mehr. Hoffentlich gehen die Corona-Zahlen jetzt ganz schnell runter, sonst gehen noch mehr Existenzen zugrunde“, sagt er und eine Mischung aus Wut, Trauer, Verzweiflung und Hoffnung schwingt in seiner Stimme mit. „Ich habe drei kleine Kinder. Meine Frau hat einen kleinen Modeladen. Ich weiß nicht, wie wir über die Runden kommen sollen.“ Dass so manche Stadtteile, die vor Corona nächtliche Vergnügungsviertel waren, abends weitgehend menschenleer sind, ist mittlerweile trauriger Alltag. Seit dem Wochenende gleicht Frankfurt nachts einer Geisterstadt. Keine Menschen, keine Lichter. (Sabine Schramek)

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