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Preissteigerung für ärmere Familien „eine Katastrophe“ – Stadt startet Aktionsplan für Kinder

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Von: Sarah Bernhard

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Immer mehr hungrige Kinder: Fatima Bouchbal teilt Essen aus in der Arche in Griesheim. Die Nachfrage ist seit einigen Wochen enorm, weil bei vielen Familien das Geld für Nahrungsmittel knapp wird. 100 zusätzliche Essensrationen pro Tag ordert die Arche aktuell. FOTOs: Maik reuss
Immer mehr hungrige Kinder: Fatima Bouchbal teilt Essen aus in der Arche in Griesheim. Die Nachfrage ist seit einigen Wochen enorm, weil bei vielen Familien das Geld für Nahrungsmittel knapp wird. 100 zusätzliche Essensrationen pro Tag ordert die Arche aktuell. FOTOs: Maik reuss © Maik Reuß

Corona, Krieg und Inflation treffen auch in Frankfurt vor allem ärmere Familien. Die Stadt will mit einem Millionen-Programm helfen.

Frankfurt -"Kann ich noch eins haben?", fragt der Junge mit der dunklen Stoppelhaarfrisur. "Klar, mit Huhn oder vegetarisch?", antwortet Fatima Bouchbal lächelnd. "Mit Huhn", sagt der Junge, als ob das völlig klar wäre, während er strahlend den vorletzten Wrap mit Fleischbeilage entgegennimmt. In der Arche an der Berthold-Otto-Grundschule in Griesheim ist Essenszeit, überall sitzen Kinder, die den mit Salat, Kraut, Fleisch oder Falafel gefüllten Teigfladen aus der Alufolie wickeln.

"Die Kinder essen mittlerweile mehrfach am Tag und auch mehr, weil sie zu Hause nicht mehr so viel haben", sagt Daniel Schröder. Er leitet die vier Archen im Frankfurter Stadtgebiet, offene Einrichtungen, die rund 400 Kinder, die aus sozioökonomisch schwachen Familien kommen, kostenlos betreuen und unterstützen. Insgesamt etwa 100 Essen mehr bestellen die Archen seit einigen Wochen - pro Tag.

Frankfurt: Steigende Preise sind für sozialschwache Familien "eine Katastrophe"

Die aktuellen Preissteigerungen bei Energie und Lebensmitteln träfen Familien, die sowieso schon wenig haben, besonders hart - genauso, wie auch die vorherigen Krisen genau diese Familien besonders hart getroffen hätten. "Die Eltern der Kinder hier sind die, die während Corona in Kurzarbeit mussten, weil sie als Taxifahrer, Kantinenmitarbeiterinnen oder Reinigungskräfte arbeiten", sagt Schröder. Schon bevor alles teurer wurde, hätten viele von ihnen kurz vor dem finanziellen Kollaps gestanden.

So auch Aman Yohannes, der froh ist, dass sein 13-jähriger Sohn zur Arche gehen kann. "Er isst zwei bis drei Mal in der Woche hier", sagt der alleinerziehende Vater. Trotz seines festen Jobs als Sicherheitsmitarbeiter seien die steigenden Preise "eine Katastrophe". Kürzlich habe er eine Nachzahlungsforderung für Strom in Höhe von knapp 380 Euro bekommen. "Wie soll ich das mit 1600 Euro netto schaffen?" Gleichzeitig wurden ihm die monatlichen Abschlagszahlungen um 32 Euro erhöht. Und allein der Käse, den er immer im Supermarkt kaufe, koste statt 1,70 Euro jetzt 2,50 Euro. Manchmal esse er selbst nur ein Butterbrot zum Frühstück.

Frankfurt: Corona-Pandemie hinterlässt riesige Bildungslücken bei Kindern

Zur finanziellen Unsicherheit komme eine emotionale, sagt Schröder. "Viele unserer Familien sind vor dem Krieg geflohen. Nach Europa, weil sie dachten, dass es hier sicher ist. Und jetzt ist hier ebenfalls Krieg." Die Menschen wüssten nicht mehr, was sie von der Zukunft erwarten können. Und ob sie überhaupt etwas erwarten können. "Aber Menschen brauchen Hoffnung, um weiterzumachen."

Weil die fehlt, würden einige Eltern die Probleme, die über den aktuellen Tag hinausgehen, erst gar nicht mehr in Angriff nehmen. Zum Beispiel, dass die Corona-Pandemie bei vielen Kindern riesige Bildungslücken hinterlassen hat. "In einem unserer Camps hatten wir eine Achtklässlerin, die die Grundrechenarten nicht mehr konnte. Und mehrere Grundschüler, die ihr Deutsch vergessen hatten, weil sie daheim nur die Sprache des elterlichen Heimatlandes gesprochen haben", sagt Schröder. Eine Mutter habe nach einem Jahr Corona zu ihm gesagt: Wir haben uns für Frieden und gegen Homeschooling entschieden. "Ich glaube nicht, dass diese Mutter Schule nicht wichtig findet", sagt Schröder. "Sie konnte sich darum nur nicht auch noch kümmern." Die Kinder, oft selbst verunsichert und desillusioniert, bleiben auf sich alleine gestellt.

Arche-Chef: Not in Frankfurt könnte dramatisch zunehmen

Welche Auswirkungen das haben wird, deute sich bereits an, sagt Sozialdezernentin Elke Voitl (Grüne). "Die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Auffälligkeiten wie zum Beispiel Essstörungen steigt." Dazu komme ein Phänomen, das "Absentismus" genannt wird: Obwohl die Schulen wieder geöffnet sind, bleiben Kinder und Jugendliche zu Hause oder tun sich schwer, sich wieder zu integrieren, weil sie Ängste entwickelt haben oder weil ihnen schlicht und einfach die Kraft fehlt.

Den Kindern sinnvoll zu helfen sei schwierig, sagt Schröder. Betreuungseinrichtungen wie den Archen fehlten Kapazitäten und Mittel, allein die zusätzlichen Essensrationen kosten 1600 Euro pro Monat. Auch die Schulen, besonders die in Brennpunkten, seien hoffnungslos unterfinanziert. "Ich habe Angst, dass die Not dramatisch zunehmen wird und es am Ende die Kinder ausbaden müssen." Von den Langzeitfolgen ganz zu schweigen: "Wenn verschiedene Bevölkerungsteile zu lange in unterschiedlichen Verhältnissen leben, wird die Unzufriedenheit irgendwann in Gewalt umschlagen. Der soziale Frieden ist in Gefahr." Auch Sozialdezernentin Elke Voitl sieht in den mangelnden Teilhabechancen ein Problem. Sie hofft deshalb auf die Kindergrundsicherung, die die Bundesparteien im Koalitionsvertrag verankert haben.

Stadt Frankfurt investiert Millionen-Betrag in Corona-Aktionsplan für Kinder

Doch auch Frankfurt bleibe nicht untätig. Übers Bildungsdezernat läuft die Initiative "Frankfurt zaubert", die Kindern unter anderem Freizeit- und Sportangebote macht. Zudem investiert die Stadt vier Millionen Euro in den sogenannten Corona-Aktionsplan, der auch Angebote für Kinder und Jugendliche enthalten soll. Die Konzepte dafür sollen nicht im Amt erarbeitet und den Vereinen und Einrichtungen übergestülpt werden, sondern von diesen selbst kommen, um das Geld genau da einzusetzen, wo es gebraucht werde.

"Kinder und Jugendliche waren diejenigen, die in der Pandemie mit den höchsten Preis bezahlt haben, um die Erwachsenenwelt zu schützen. Deshalb ist es gut und richtig, dass wir schauen, was sie jetzt brauchen, um zurück ins soziale Leben und Miteinander zu kommen", sagt Voitl. Die ersten aus dem Corona-Topf geförderten Projekte sind für den Herbst geplant. (Sarah Bernhard mit tim)

Experten prognosztizieren für Frankfurt einen sorgenvollen Corona-Sommer.

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