Wo der Mensch zurzeit nicht sein darf, erobert sich die Natur den Raum zurück. Die Prognosen der Gastro-Verbände sind entsprechend düster. Manche fordern wenigstens Außenbewirtung mit Heizpilzen.
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Wo der Mensch zurzeit nicht sein darf, erobert sich die Natur den Raum zurück. Die Prognosen der Gastro-Verbände sind auch für Frankfurt entsprechend düster. Manche fordern wenigstens Außenbewirtung mit Heizpilzen.

Corona-Pandemie

Frankfurter Geschäftswelt mit düsterer Prognose: „Jeder dritte Laden muss schließen“

  • vonKatja Sturm
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Birgt die Pandemie Chancen für verödende Innenstädte? Noch gibt es mehr Leere als Lehren. Auch in Frankfurt.

Frankfurt - Eine lebendige Innenstadt, in der Wohnungen, Geschäfte, Gastronomie und Kulturangebote sich mischen und Parkanlagen für Grün sorgen: Diese Utopie, die Boris Tomic, der frühere Lokalchef der FNP und heutige Chefredakteur des Fachmagazins "Food Service", sich für die Zukunft in Frankfurt wünschen würde, erscheint in Zeiten der Coronavirus-Krise schwerer erreichbar denn je. Bei einer Diskussionsrunde der Montagsgesellschaft zum Thema "Gastronomie und Hotellerie als Motoren der Stadtentwicklung: Die Krise als Chance oder finaler Shutdown?", zu der auch der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) und Klaus Beine vom Wirtschaftsrat Hessen geladen waren, machte der Journalist deutlich, wie schlecht es der Branche und dem Einzelhandel wegen der Einschränkungen durch die Pandemie geht.

Corona-Krise in Frankfurt: Versprochene Hilfen kommen (zu) spät

Die City-Hotels seien nur zu 20 Prozent ausgelastet. Das Takeaway-Geschäft kompensiere maximal 15 bis 25 Prozent der verlorenen Umsätze im Gastrobereich. Laut einer Studie des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes stehen 80 Prozent der Restaurants bis Mitte des Jahres vor der Insolvenz. Die versprochenen Hilfen sind noch nicht angekommen, "extreme Softwareprobleme" hemmten die Abwicklung.

Der Handelsverband prognostiziere, dass von den Geschäften in der Innenstadt 23 Prozent im ersten Halbjahr 2021 "die Grätsche machen" und im zweiten weitere 28 Prozent folgen. "Jeder dritte Laden wird nicht mehr existieren. Die Pandemie wird die Innenstädte massiv verändern", so Tomic. Die Verödung hat angefangen.

Die Gastronomen versuchen sich mit kreativen Lösungen selbst zu helfen. Von Varianten des Drive-through-Modells mit Bringdienst per Rollerblades bis zum Verkauf von Boxen, die auch dem ungelernten Koch ein Gala-Dinner möglich machen, reicht die Palette. Auf Dauer könnten sie so aber nicht durchhalten, so Tomic. Viele von ihnen hätten vorher mit Investitionen die eigenen Betriebe zu "sicheren Orten" gemacht.

Frankfurt: Außengastronomie auch im Winter?

Klaus Beine sagte, man hätte bei den Schließungen differenzieren müssen. Außengastronomie, Heizpilze und Masken ermöglichten auch im Winter die Öffnung der Lokale. Man sei dort wahrscheinlich sicherer, meinte Tomic, als im eigenen Heim mit 15 Leuten und Essen vom Lieferdienst. Mietstundungen und die Aussetzung von Insolvenzantragspflichten würden die Probleme nur verschieben. Letztere, so Beine, müssten über das Ende des Lockdowns hinaus verlängert werden, um den Betrieben Gelegenheit zur Erholung zu geben.

Die Stadt selbst könne die vorgegebenen Regeln nur verschärfen und nicht mildern, betonte Feldmann. Die Not habe aber auch Dinge vorangetrieben, von denen sich profitieren lasse, wie die vermehrte Außengastronomie. Mit dem gerade vorgestellten "Frankfurt-Plan" könnten Impulse für eine Belebung der Innenstadt gesetzt werden. Als Beispiele nannte das Stadtoberhaupt Gutschein- und nächtliche Verkaufsaktionen oder Pop-up-Stores. "In leeren Fensterhöhlen muss Leben sein", so Feldmann.

Beine wandte ein, dass die Interimsbelegungen den Vermietern keine Einnahmen bringen und die Stadt einspringen solle. Tomic kritisierte die Maßnahmen als "zu kurz" gedacht. Man müsse langfristige Konzepte angehen.

Frankfurt: Peek & Cloppenburg will Etagen zum Wohnen anbieten

Beine plädierte dafür, es Einkäufern so bequem wie möglich zu machen, die Autos nicht aus der City zu verbannen und mehr Parkraum zu schaffen. Feldmann erinnerte daran, dass einst eine Straßenbahn auf der Zeil fuhr. Man müsse sich fragen, "was haben die Frankfurter früher akzeptiert", und dies als Modell für die Zukunft denken. In diese gelte es zu investieren. Die Regierung solle ihre Kreditlinien ausreizen. Vom 25-Milliarden-Euro-Programm des Bundes seien erst zwei Milliarden abgerufen worden, sagte Tomic.

Eine aktuelle Nachricht zum Thema Innenstadt: Das Modehaus Peek & Cloppenburg soll erwägen, in all seinen Filialen das Angebot auf maximal zwei Etagen zu beschränken und den Rest des Gebäudes als Wohnfläche zu verkaufen. Es wäre ein erster Schritt zu einer neuen Mischung auch auf der Zeil. (Katja Sturm)

 Wie lange geht der Corona-Lockdown noch? Frankfurts Geschäftsleute befürchten das Schlimmste.

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