+
Glücklich über die verordnete Schließung ist Sibylle Folles, Inhaberin des Kurzwarengeschäfts W. Wächtershäuser in der Töngesgasse, natürlich nicht. Sie ist aber optimistisch, dass ihr Laden das verschmerzen wird. In den vergangenen Tagen herrschte dort noch mal Hochbetrieb. Viele deckten sich mit Strickwaren ein, um die Zeit zu Hause sinnvoll nutzen zu können.

„Wir Händler brauchen Solidarität“

Kleine Betriebe, große Probleme: Was die Ladenschließungen für kleine Läden bedeuten

  • schließen

Viele Läden in Frankfurt schließen bis zum 19. April. Vor allem für die kleinen Betriebe bringt das Schwierigkeiten mit sich.

Frankfurt -Für die kleinen Geschäfte wird es eng, die größeren werden die ab heute verordnete Durststrecke irgendwie überstehen. So lautet die Prognose der meisten Frankfurter Händler zu den Ladenschließungen bis 19. April. Sibylle Folles von "W. Wächtershäuser" Kurzwaren auf der Töngesgasse in der Innenstadt zählt zu jenen, die noch halbwegs zuversichtlich in die ungewisse Zukunft blicken. Natürlich habe auch sie sich bereits um Kurzarbeit für ihre Angestellten gekümmert. Wenn sie künftig nur noch kürzer arbeiten können, übernimmt die Arbeitsagentur 60 Prozent des ausgefallenen Nettolohns. Zum Glück, sagt Folles, werde der Verdienstausfall keine ihrer Mitarbeiterinnen existenziell bedrohen.

Strickwaren für die einsamen Tage

Bis gestern lief das Geschäft mit Näh- und Stricksachen sogar besonders gut. "Die meisten decken sich jetzt ein, damit sie in den nächsten Wochen etwas zu tun haben." Außerdem werde der Onlineshop die Verluste etwas abfedern. Und Folles hat noch einen Vorteil gegenüber vielen anderen: Sie ist ihre eigene Vermieterin. "Die nächsten acht Wochen werden uns nicht umbringen", sagt sie und blickt schon voraus auf die Zeit, wenn der Corona-Spuk vorbei sein wird. "Unsere große Stammkundschaft wird uns die Treue halten."

Darauf zählt Franz Steul ebenso. Auch der Inhaber von Spiel- und Haushaltswaren Meder, einem Traditionsgeschäft am Bornheimer Uhrtürmchen, hat das vom Bundestag am vergangenen Freitag in Eile verabschiedete Kurzarbeit-Gesetz für seine umgerechnet zwölf Vollzeitkräfte bereits genutzt.

Gestern brummte der Laden ohnehin noch, Eltern deckten sich für ihre Kinder mit Spielen ein. Die nächsten fünf Wochen wollen möglichst unterhaltsam überstanden sein. Damit Nachschub greifbar ist, hat Steul eine Idee: Man wird bei ihm Spielwaren telefonisch bestellen können, er und seine Leute liefern dann bis vor die Haustür. "Wir werden gut durchkommen", erwartet Spielwarenhändler Steul - und fügt denn doch noch ein wenig dräuend hinzu: "Aber wer weiß, wie lange das andauert."

Schon die kommenden fünf Wochen werden für viele hart, sagt Joachim Stoll, Vorstand des Einzelhandelsverbandes Hessen-Süd (siehe Interview). "Aber keiner wird das jetzt öffentlich zugeben, sonst drehen ihm die Banken gleich morgen den Geldhahn zu und kündigt der Vermieter."

Der Besitzer eines kleinen Geschäfts gab gestern denn auch nur unter der Bedingung Auskunft, dass weder sein Warensortiment noch sein Standort in der Zeitung veröffentlich werden darf. Mitte April werden seine Rücklagen aufgebraucht sein. Wie er danach die laufenden Kosten bezahlen, geschweige denn die Familie ernähren soll, weiß er nicht. "Wenn das Finanzamt die Steuerrückzahlungen beschleunigt, wäre das immerhin ein kleiner Puffer", sagt der Frankfurter Geschäftsmann. Dass er Ende April wieder aufmachen kann, daran glaubt er noch nicht. "Wenn ich dann irgendwann in tiefen Schulden stecke, hilft mir auch kein günstiger Kredit mehr. Wie soll ich den je zurückzahlen?"

Sibylle Folles hofft auf die Vernunft der Menschen - und ist gerade deswegen nicht nur optimistisch. "Wenn die Leute jetzt nicht endlich verstehen, dass sie Abstand halten müssen, greift die Regierung vielleicht zu noch härteren Maßnahmen", fürchtet sie. Ihre Kunden gestern jedenfalls verhielten sich angemessen. Sie gingen auf Distanz. "Wir kleinen Geschäfte sind nicht das Problem", sagt Folles mit Hinweis auf die großen Supermärkte, in denen nahe Begegnungen an Theken und Kassen ja nun kaum zu verhindern sind.

Angst vor härteren Maßnahmen

Für den Ladenbesitzer, der anonym bleiben will, steht jetzt alles auf dem Spiel: "Wenn unsere Opfer umsonst gewesen sein werden, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder machen wir alles wieder auf und beten, oder wir fahren alles runter. Beides wäre der Supergau - für uns."

Interview mit Joachim Stoll, Vorstand des Einzelhandelsverbandes Hessen-Süd

Joachim Stoll ist im Vorstand des Einzelhandelsverbandes Hessen-Süd. Redakteur Mark Obert sprach mit dem Inhaber eines Lederwaren-Geschäfts über die Corona-Krise.

Joachim Stoll

Herr Stoll, wie blicken Sie in die ungewisse Zukunft?

Unsere Lederwaren verkaufen wir auch online. Das hilft bisher - ist aber keine Garantie. Manche Waren wie zurzeit Schulranzen gehen noch gut, andere gar nicht. Unser Koffer-Verkauf ist auf fünf Prozent gesunken. Keiner plant jetzt noch eine Reise. Mal schauen, ob dann auch noch das Oster-Geschäft ausfällt. Für meine Mitarbeiter werden wir Kurzarbeit beantragen.

Geht das so schnell, wie vom Gesetzgeber versprochen?

Wir haben zum Glück einen guten Steuerberater, der kennt sich aus. Jetzt in der Krise wird sich zeigen, wer hilfreich ist und wer nicht. Ein Kollege von mir merkt gerade, dass er in der jetzigen Situation keinen kompetenten Ansprechpartner hat.

Worauf müssen Sie hoffen?

Wir Händler brauchen Solidarität. Zwei Beispiele: Steuer-Vorauszahlungen müssen ausgesetzt werden, Vermieter müssen sich kooperativ zeigen - vorausgesetzt natürlich, die können sich ihrerseits einen zwischenzeitlichen Mietstopp leisten.

Fühlen Sie sich von der Politik ausreichend informiert?

Zurzeit kämpfen wir schon täglich um klare Informationen. Wir ahnen ja vielleicht noch gar nicht, mit welchen Zeiträumen wir rechnen müssen. Die Lage ändert sich stündlich, und es gibt ja keine Erfahrungen, auf die wir zurückgreifen können. Das merken wir jetzt: Wir haben zwar befürchtet, was da auf uns zukommt, aber überrascht sind wir jetzt dennoch.

Ihre Prognose?

Vier Wochen halten die meisten durch. Dann wird's heftig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare