+

Verkehr 

Corona-Krise macht die Luft sauberer – Diesel-Fahrverbote drohen dennoch

  • schließen

Die NO2-Belastung in Frankfurt sinkt in zweiter Märzhälfte auch wegen der Corona-Krise um 40 Prozent. Was die Konsequenzen sind, ist unklar. 

Frankfurt -"Nordend wird (stundenweise) zu Norderney", überschreibt Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) seine gestrige Pressemitteilung. Der Stickstoffdioxid-Wert (NO2-Wert) an der Messstation Friedberger Landstraße habe im ersten Quartal 2020 bei durchschnittlich 36,7 Mikrogramm pro Kubikmeter gelegen. Das sei sowohl der niedrigste Wert seit Beginn der Messungen 1997 als auch der erste Quartalswert, der jemals unter dem EU-weiten Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter gelegen habe.

 Zudem sei die Belastung an mehreren Tagen "in den frühen Morgenstunden auf nur noch fünf Kubikmeter pro Stunde gefallen, was sonst nur noch in Reinluftgebieten wie der Insel Norderney vorzufinden ist", schreibt Oesterling weiter.

Er rechne deshalb nicht damit, dass der Jahresgrenzwert, der Basis für den Luftreinhalteplan ist, dieses Jahr überschritten werde. "Damit dürfte das Thema Fahrverbote zumindest für die Friedberger Landstraße vom Tisch sein."

Frankfurt: Corona-Krise zählt nicht bei Diesel-Fahrverboten

Zwar ist die Rechnung des Verkehrsdezernenten richtig. Seine Schlussfolgerung allerdings ist falsch. Denn über den Luftreinhalteplan, und damit die Umsetzung von Fahrverboten, entscheiden die Kommune und das Land Hessen gemeinsam. Das Hessische Umweltministerium hat aber bereits vergangene Woche bekanntgegeben, dass die Auswirkungen "auf Grundlage des Verkehrs, wie er sich im Regelfall darstellt", berechnet werden.

Das heißt ganz klar: Ohne die Monate, in denen Corona das Verkehrsaufkommen gesenkt hat. Da helfen weder Quartals- noch Norderney-Werte. Schon gar nicht in den frühen Morgenstunden, wenn sowieso niemand Auto fährt.

Luft besser geworden in Frankfurt: Heilig will nicht „Hurra“  sagen

Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) muss über die Norderney-Parallele erst einmal lachen, wird aber schnell wieder ernst. "Ich werde sicher nicht sagen: Hurra, Corona macht aus dem Nordend Norderney. Denn Hand aufs Herz: Wir haben gerade alle keinen Grund zu jubeln." Sie folgt der Argumentation des Ministeriums und geht davon aus, dass die Corona-Zeiten herausgerechnet werden.

Und dann gibt sie Oesterling und seiner Norderney-These doch noch ein bisschen recht - aus einem völlig anderen Grund: dem Wetter. Dazu muss man wissen, dass das Wetter in der zweiten Märzhälfte 2020 sehr Stickstoffdioxid-unfreundlich war: Nach einer Woche mit recht hohen Messwerten schlug am 19. März - wohlgemerkt drei Tage vor Beginn des Kontaktverbots - das Wetter um (siehe Grafik oben): Erst sorgten Regen und Wind zwei Tage lang für saubere Luft, dann folgte ein Hochdruckgebiet mit sehr kalter, klarer Luft aus Nordskandinavien und mäßigem Wind, das die Werte weniger hoch steigen ließ. "Das ist zumindest in etwa die gleiche Wetterlage wie auf Norderney", sagt Heilig.

Frankfurt: Weniger Flugverkehr dank Corona, weniger Feinstaub

Doch was ist nun mit dem Zusammenhang zwischen Verkehr und NO2-Belastung? Das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) hat das Wetter aus den Messdaten herausgerechnet. Und kommt zu dem Ergebnis: Durch das niedrigere Verkehrsaufkommen ist die Belastung in der zweiten Märzhälfte hessenweit um 40 Prozent im Vergleich zur ersten gefallen. Zwar sage einem bereits der gesunde Menschenverstand, dass weniger Autos weniger Luftverschmutzung bedeuten, sagt Heilig. "Aber dieses Ergebnis führt uns nochmal vor Augen, wie dringend wir den Automobilverkehr reduzieren müssen."

Auch auf die Belastung durch Flugverkehr hatten die Schutzmaßnahmen Auswirkungen. Hier ist nicht die Menge an NO2, sondern an Ultrafeinstaub ausschlaggebend. An der Messstation in Raunheim, die laut HLNUG unter den aktuellen Windverhältnissen im Einflussbereich des Flugbetriebs liegt, würden derzeit ebenfalls 40 Prozent niedrigere Feinstaub-Konzentrationen gemessen als sonst. 

Von Sarah Bernhard

Auf andere Bereiche der Umwelt hat die Corona-Krise negative Auswirkungen: Am Feldberg im Taunus hinterlassen Besucher immer mehr eklige Taschentücher

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare