Polizisten kontrollieren eine Gruppe von Drogenabhängigen im Frankfurter Bahnhofsviertel. 	foto: boris roessler/dpa
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Polizisten kontrollieren eine Gruppe von Drogenabhängigen im Frankfurter Bahnhofsviertel. foto: boris roessler/dpa

Bahnhofsviertel

Drogensüchtige erobern die Straßen – Corona verschärft die Situation in Frankfurt

  • Thomas J. Schmidt
    vonThomas J. Schmidt
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Im Bahnhofsviertel wird es immer dramatischer - auch weil Corona die Drogenhilfe ausbremst. Polizeipräsident Gerhard Bereswill zeichnet ein düsteres Bild.

  • Die Zahl der Drogenabhängigen auf den Straßen in Frankfurt ist durch die Corona-Pandemie deutlich gestiegen
  • Die Situation im Frankfurter Bahnhofsviertel hat sich durch Corona dramatisch verschärft
  • Die Polizei erhöht ihre Präsenz im Bahnhofsviertel und nimmt die Drogenhilfe in die Pflicht

Frankfurt - Corona hat erhebliche Konsequenzen für das Bahnhofsviertel in Frankfurt. Die Zahl der Drogenabhängigen auf der Straße habe sich verdoppelt, an manchen Stellen sogar verfünffacht. Dies sagte Polizeipräsident Gerhard Bereswill gestern in der Sitzung des Rechtsausschusses des Stadtparlaments. Bereswill war als Gastredner geladen. Sein Vortrag und die anschließende Fragerunde nahmen gut drei Stunden ein. Ausschussvorsitzende Ursula Busch (SPD) begann nach zweieinhalb Stunden zu drängen und bat die Ausschussmitglieder, ihre Fragen zu komprimieren.

Bereswill hatte zu vier Themen gesprochen: Bahnhofsviertel, die Corona-Kontrollen, die Situation im Günthersburgpark und die Zusammenlegung der kleinen Reviere Fechenheim und Bergen-Enkheim sowie Nordend und Westend. Die Zusammenlegung war bislang ein Erfolg, berichtete er. Der Günthersburgpark sei schon einige Male geräumt worden, als dort nächtliche Gäste Party gemacht haben. Die Corona-Kontrollen seien schwierig und - das Hauptthema seines Vortrages - die Situation im Frankfurter Bahnhofsviertel dramatisch.

Drogenhilfe in Frankfurt kann nicht mehr alle Drogensüchtigen aufnehmen

Bereswill zufolge fallen die Drogensüchtigen jetzt viel mehr auf als früher, weil die Drogenhilfe nicht mehr alle aufnehmen könne. Die Corona-Vorschriften verböten dies. Hinzu komme, dass Pendler und Touristen fehlen, so dass jetzt fast nur noch Drogensüchtige auf den Straßen seien. Sie haben sich mangels sozialer Kontrolle ausgebreitet.

Die Polizei hat reagiert: "Seit 1. Juli sind wir mit 40 Prozent mehr Personal unterwegs", so der Polizeipräsident. "Die Zahl der Personenkontrollen belief sich seitdem auf 11 000, plus 40 Prozent." 4800 Durchsuchungen seien vorgenommen worden (plus 30 Prozent), 37 Kilogramm Drogen wurden beschlagnahmt und mit 1250 Strafverfahren acht Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum eingeleitet worden. "Es ist ein Kraftakt", so Bereswill.

Frankfurt: Drogensüchtige erobern die Straßen im Bahnhofsviertel

Er bemängelt neben Müll und Unrat im Bahnhofsviertel vor allem, dass nach all den Jahren noch immer keine Überwachungskameras an neuralgischen Stellen installiert wurden. Er betonte aber mehrfach, dass sowohl die Drogenhilfe als auch ein "Sozialraummanagement" nötig seien, die Polizei als Repressionsapparat nur einen kleinen Teil der Aufgaben lösen könne.

Lage im Frankfurter Bahnhofsviertel: Polizei hofft auf die Drogenhilfe

Die Polizei würde begrüßen, wenn die Drogenhilfe ganztags und am Wochenende geöffnet hätte. Viele der Drogensüchtigen, die jetzt auf dem Gehsteig lägen, hätten sich vor den Corona-Einschränkungen in Druckräumen aufgehalten.

Kerry Reddington von der Kommunalen Ausländervertretung klagte: "Die Geschäftsleute sind pleite! Auch viele Migranten! Der Magistrat ist schuld. Der Frankfurter Weg ist ein Irrweg." Dies fand den Widerspruch verschiedener Redner, darunter Martin Kliehm (Linke): "In den 90er Jahren gab es mehr als 100 Drogentote jedes Jahr, inzwischen sind es 25." Ursula Busch sagte noch, dass die Drogenhilfe 24 Stunden täglich geöffnet sein könnte, nur würde der Frankfurter Weg dann teurer.

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