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„Ich bekomme keine Hilfen vom Staat“: Taxifahrer bangen um ihre Existenz

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Von: Thomas J. Schmidt

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Dicht an dicht stehen die Taxis am Hauptbahnhof. Die Fahrer spüren die Folgen der Pandemie und der damit einhergehenden sinkenden Zahl von Reisenden schmerzhaft im Geldbeutel.
Dicht an dicht stehen die Taxis am Hauptbahnhof. Die Fahrer spüren die Folgen der Pandemie und der damit einhergehenden sinkenden Zahl von Reisenden schmerzhaft im Geldbeutel. © Thomas Schmidt

Aufgrund der Corona-Pandemie gab es Umsatzeinbrüche bis zu 80 Prozent in der Taxibranche in Frankfurt.

Frankfurt – Zwei Taxifahrer stehen bei einem Schwätzchen zusammen. Zeit haben sie genug, denn nur sehr langsam bewegt sich etwas in der langen Schlange der Droschken, die vor dem Hauptbahnhof auf Kundschaft warten. Einige Fahrer haben die Rückenlehne heruntergeklappt und schlafen ein wenig, andere putzen ihre Scheiben von innen oder telefonieren. Die beiden, die ins Gespräch vertieft sind, sind Einzelunternehmer. Also keine angestellten Fahrer, sondern Ein-Mann-AGs, die mit ihrem Taxi ihren Lebensunterhalt verdienen. Und das ist derzeit sehr schwer.

„Um 80 Prozent ist mein Umsatz zurückgegangen“, sagt der eine der beiden. Er will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, sein Kollege auch nicht. Dieser scherzt müde: „Mir fehlen 100.000 Euro auf die erste Million, meinem Kollegen hier 150 000. Ich bin reicher.“ Der andere ist dagegen nicht zum Scherzen aufgelegt. „Ich weiß nicht, wie die anderen das machen. Ich bekomme keine Hilfen vom Staat.“ Derzeit lebe er von Ersparnissen, sagt er, und die seien bald aufgebraucht, nach fast zwei Jahren Corona. Die Taxifahrer gehören zu den Verlierern der Pandemie.

Frankfurt – Taxifahrer mit großem Auftragseinbruch: „Weniger als 50 Prozent“

Das bestätigt Thomas Schmidt, der die Vermittlungszentralen Taxi 68 und 20304 betreibt: „Die Umsätze und das Auftragsvolumen belaufen sich auf rund 50 Prozent dessen, was wir vor Corona hatten“, sagt er. Schmidt leistet für die rund 170 Fahrzeuge – ein Zehntel der in Frankfurt verkehrenden Taxis – die Fahrvermittlung. Und sagt: „Wir erleben derzeit wieder eine Talfahrt aufgrund der verschärften Kontaktbeschränkungen wegen Omikron. Also: Weniger als 50 Prozent.“

Am schlimmsten sei es während des ersten Lockdowns 2020 gewesen, als nur noch etwa 20 Prozent der sonst üblichen Fahrtenmengen vermittelt wurden. Aber auch im Jahr 2020 sei es schwierig gewesen, „zeitweise unter 50 Prozent“. Nun, nach der leichten Erholung im Laufe diesen Jahres, sei die Vermittlungsquote erneut auf das Vorjahresniveau gesunken. „Die Fraport AG meldet, dass sie das Niveau von 2019 frühestens 2025 wieder erreichen. So lange müssen wir die Zähne zusammenbeißen“, urteilt Schmidt. Dabei schätzt er, dass die Zahl der Geschäftsreisenden durchaus dauerhaft abnehmen könnte: „Die Firmen haben die Vorteile der Online-Konferenzen erkannt. Das werden sie nicht so schnell aufgeben.“ Und entsprechend die Flugzeuge und damit auch Taxis leerer werden.

Geschäftsreisende fehlen dauerhaft: „Wir leben von dem, was am Flughafen passiert“

Für Hans-Peter Kratz, Vorsitzender der Taxi-Vereinigung Frankfurt, ist das bedrohlich. „Wir leben von dem, was am Flughafen passiert, bei der Messe Frankfurt, in den Hotels, in den Fernzügen. Und das liegt noch immer alles darnieder.“ Er schätzt den Umsatzeinbruch auf rund 80 Prozent. Zwar helfe der Staat und es gebe günstige Kredite: „Aber das kann doch kein Dauerzustand sein. Jetzt kommt noch der Mindestlohn von zwölf Euro, den ein Unternehmer seinen Fahrern zahlen muss – ob die nun stehen oder fahren.“ Kratz kritisiert, dass sich in der Politik niemand darum sorge, wie das umgesetzt werden soll. „Das ist so, als wenn ich zu Ihnen sagen würde: ’Geh’ in den Hof und springe sechs Meter hoch. Das musst du, denn es steht so im Gesetz.’ Wenn Sie es aber nicht können?“

Der Gesetzgeber könnte dem Gewerbe helfen anstatt es zu bedrängen, findet auch Thomas Schmidt. „Das Personenbeförderungsgesetzes ist geändert worden, insofern können wir jetzt Festpreise aufrufen beispielsweise für die Fahrt zum Flughafen. Das ist ein kleines Bonbon, das sicher Kunden bringen kann.“ Allerdings setze dies voraus, dass die Taxitarife aktualisiert werden. Doch dies sei nicht in Sicht, weil eine kommunale Angelegenheit.

Uber gegen Taxi: Ubers schaden Taxifahrern

Angesichts der vielen Probleme des Gewerbes kann man sich wundern, dass die Zahl der Taxis in Frankfurt noch immer unverändert bei 1712 liegt – und noch keine Firmen insolvent wurden. Kratz sagt: „Wir sind kein normaler Markt. Wir sind Teil des Öffentlichen Nahverkehrs. Nur ohne die Subventionen.“ Selbst wenn ein Taxiunternehmen aufgäbe, gebe es eine lange Warteliste von Interessenten, die eine aus ihrer Sicht lukrative Konzession erwerben und dafür zahlen wollen.

Ein Ärgernis für die Taxifahrer sind auch die Mietwagendroschken. Sie brauchen keine Konzession, müssen sich lediglich registrieren lassen, ohne zahlenmäßige Beschränkung. Ein Mietwagenfahrer könnte als Einzelunternehmer zu Hause warten, bis ihm eine Fahrt vermittelt wird. „Der Unterschied zum Taxi ist, dass er nicht auf der Straße auf Kundschaft warten kann, sondern in der Betriebsstätte“, so Kratz. „Obwohl sich längst nicht alle daran halten.“ In Berlin gebe es das Phänomen des Uber-Staus: Ein Mietwagenchauffeur fährt möglichst langsam, damit er auf dem Rückweg möglichst lange unterwegs ist und eventuell noch ein Zusatzgeschäft durch die Vermittlung weiterer Fahrten machen kann. Ein Uber-Sprecher dementiert: „Unsere Software wirft solche Fahrer aus der Vermittlung.“

Frankfurt: Zahl der Mietwagen steigt weiter

Verantwortlich für die Vermittlung der Fahrten sind der US-Konzern Uber und Free Now, eine Tochter von BMW und Daimler. Jetzt ist ein dritter Player eingestiegen in den lukrativen Markt der Fahrtvermittlung, die Firma Bolt. Das estnische Unternehmen hat auch E-Scooter in Frankfurt stehen. Jetzt wurde das Mobilitätskonzept erweitert. Über eine App können die Kunden auch ein Taxi oder eben einen Mietwagen buchen. Das kostet im einen Fall 7,5 und im anderen Fall 15 Prozent des Umsatzes. Hinzu kommen Schnäppchenpreise. Kratz lässt sich davon nicht beeindrucken. „Die müssen das durchhalten, und auch die Fahrer müssen das mitmachen.“

2016 gab es 313 gemeldete Mietwagen in Frankfurt. Über die Jahre ist deren Zahl enorm gestiegen, zuletzt, 2020 und 2021, von 702 auf 1068. Jedoch kann das Ordnungsamt nicht sagen, wie viele Fahrzeuge tatsächlich unterwegs sind, wie viele also gar keine Mietwagen mehr betreiben. Für Kratz jedoch ist nur entscheidend, „wie viele Mietwagen unterwegs sind, um uns das Geschäft wegzunehmen“. Die Bedingungen für die Fahrer, schätzt er, werden schlechter, wenn die Vermittler sich gegenseitig das Geschäft wegschnappen wollen und darum die Preise senken. Deswegen sieht Kratz den Fahrtvermittler der Mietwagendroschken nicht als das größte Problem für seine Branche an. (Thomas J. Schmidt)

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