Der Frankfurter Kinderarzt Dr. Burkhard Voigt hält nichts davon, dass Kinder schon mit einem Schnupfen nicht mehr in die Kita dürfen.
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Der Frankfurter Kinderarzt Dr. Burkhard Voigt hält nichts davon, dass Kinder schon mit einem Schnupfen nicht mehr in die Kita dürfen.

Coronavirus

Corona-Panik und „Attestitis" in der Kita: „Sie schicken jeden weg“

  • Julia Lorenz
    vonJulia Lorenz
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Wegen der Corona-Pandemie reicht in mancher Kindertagesstätte schon ein kleiner Schnupfen, um die Knirpse nach Hause zu schicken. Kinderarzt Dr. Burkhard Voigt über „Attestitis“, Infekte und das Leben mit der Angst.

  • Kitas sind nach dem Corona-Lockdown wieder offen.
  • Die Angst vor dem Virus ist jedoch weiterhin präsent.
  • Schon mit Husten oder Schnupfen werden Kinder wieder nach Hause geschickt.

Herr Dr. Voigt, die Krippen und Kindergärten haben nach dem Corona-Lockdown wieder ganz normal geöffnet. Und schon geht's los: Die Kinder husten und schniefen wieder.

Das ist richtig. Während des Lockdowns waren die Kinder alle zu Hause in Isolation und konnten sich wenig anstecken. Jetzt haben wir eine Situation wie immer nach den Ferien: Sobald die Gemeinschaftseinrichtungen wieder öffnen, kommen auch die Erkältungskrankheiten.

Wie ist denn die Situation momentan in Ihrer Praxis?

Die Zahl der Patienten nimmt definitiv wieder zu. Im Wartezimmer sitzen mehr Kinder mit Schnupfnasen. Das Hauptproblem ist allerdings die aktuelle "Attestitis". Das ist offensichtlich ein neues Krankheitsbild. Jeder muss dem Kindergarten oder der Krippe ein Attest vorlegen.

Frankfurt: Corona-Angst in Kitas - Die neue Krankheit heißt „Attestitis“

Nun ist es aber so, dass Rotznasen zwar nicht zu den typischen Corona-Symptomen zählen und auch nicht in den Hygieneempfehlungen des Landes für Kitas auftauchen, Kinder dennoch in manch Einrichtung schon mit einer laufenden Nase nach Hause geschickt werden. Was halten Sie davon?

Gar nichts. Das macht überhaupt keinen Sinn. Corona zeichnet sich nicht durch Schnupfen aus. Die bekannten Symptome sind Husten - und zwar kein leichter - und Fieber, sowie in einigen Fällen der Verlust des Geschmacksinns. Aber eine Covid-19-Infektion kann auch völlig symptomlos verlaufen. Deshalb gibt es keine Sicherheit, egal wie viele Atteste ich schreibe, mal ganz davon abgesehen, dass diese Arbeiten nicht von den Krankenkassen vergütet werden. Aber letztlich geht es hier doch um etwas ganz anderes.

Und was?

Die Erzieher und Erzieherinnen wollen eine Sicherheit, die es nicht gibt. Denn selbst wenn ein Kind auf das Coronavirus getestet wird und der Abstrich negativ ist, beweist das nichts. Das ist nur eine Momentaufnahme, schon am nächsten Tag kann sich das Kind irgendwo angesteckt haben. Aber was passiert denn aktuell? Erstens, die Kitas schicken jeden weg, der nur einfache Erkältungssymptome zeigt, also Schnupfen oder Husten. Auch das Geschwisterkind muss dann zu Hause bleiben. Hierdurch entsteht ein nicht nur großer volkswirtschaftlicher Schaden. Allein in meiner Praxis sitzen täglich zehn bis zwölf Kinder, die eine "Gesundschreibung" brauchen. Bei 6500 Kinderärzten in Deutschland macht das 65 000 Elternteile, die an diesem Tag nicht zur Arbeit gehen können.

Und zweitens?

In manchen Kindertagesstätten befinden sich durch die fälschlich nach Hause geschickten Kinder immer weniger Kinder, so dass häufig Gruppen zusammengelegt werden. Und genau das darf eigentlich nicht passieren. Denn dadurch kann sich das Virus im Fall der Fälle prima verbreiten. Zudem müsste die ganze Kita bei nur einer infizierten Person komplett geschlossen werden. Anstatt die Kinder mit Schnupfen nach Hause zu schicken, wäre es viel wichtiger, die Gruppen strikt zu trennen.

Frankfurt: Lernen mit Corona-Angst umzugehen - Auswirkungen des Lockdowns auf Kinder

Gibt es Ihrer Ansicht nach noch mehr sinnvolle Maßnahmen?

Sinnvoll wäre ein besserer Umgang mit der Angst. Wir müssen mit Corona leben und auch mit der Angst davor. Jeder hat Angst, auch ich. Aber Angst hilft nicht weiter und schafft keine konstruktiven Lösungen. Man muss lernen mit der Angst umzugehen. Zurzeit ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich einem Infizierten gegenübertrete in etwa 1:30 000.

Das ist eher unwahrscheinlich.

Eben. Außerdem halte ich den Mund-Nasen-Schutz für eine sinnvolle Maßnahme. Natürlich können die kleinen Kinder diesen nicht tragen. Aber Kinder sind laut etlichen Studien auch nicht ansteckender als Erwachsene.

Kinder sind von Anfang an aber ziemlich streng behandelt worden. Sie wurden quasi als Geisel benutzt.

Das war falsch. Dass man die Gemeinschaftseinrichtung am Anfang des Lockdowns zunächst zugemacht hat, mag richtig gewesen sein, da man noch nicht so viel über die Ausbreitung wusste. Aber die Kinder selbst sind nicht die Gefährdeten oder spezielle Gefährder. Gefährdet sind die Großeltern. Um Isolation zu vermeiden, wäre es also gut andere Wege des Kontakts einzuschlagen. Das heißt: Die Großeltern müssen lernen mit Skype oder anderen Medien umzugehen, das sollten sie auch jetzt noch, finde ich. Ich denke, die Älteren muss man schützen, aber ohne die Kinder einzusperren.

Haben Sie denn schon Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen durch den Lockdown beobachten können?

Ja, das ist ganz spannend. Normalerweise fremdelt ein Kind mit sechs Monaten. Ich habe beobachtet, dass sich das Fremdeln bei einigen Kindern nach hinten verschoben hat. Das ist keine wissenschaftliche Beobachtung, nur etwas was ich wahrgenommen habe. Ich gehe davon aus, dass das am verdeckten Gesicht durch den Mundschutz liegt. Auf jeden Fall geschieht etwas mit den Kindern, eine Wertung hat das erstmal nicht.

Frankfurt: Corona-Auswirkungen auf Kinder und Eltern - Belastungs- und Überlastungssymptome

Und gibt es noch mehr Beobachtungen?

Viele Kinder hatten durchaus das ein oder andere Kilo mehr auf der Waage als vorher. Und Kinder zwischen acht und zwölf Jahre waren ziemlich genervt. Bei den Eltern habe ich aber noch mehr gesehen als bei den Kindern.

Und was?

Vor allem die Mütter haben durchaus Belastungs- und Überlastungssymptome gezeigt. Sie waren viel ungeduldiger mit ihren Kindern als sonst.

Es dauert nicht mehr lange, dann sind der Herbst und Winter mit all den Erkältungskrankheiten da. Die Eltern haben jetzt schon Angst, dass ihre Kinder dann wieder gar nicht mehr in die Kita gehen können. Was müsste jetzt passieren?

Der hessische Sozialminister muss endlich eine ganz klare Ansage an die Träger der Kindertagesstätten, aber auch an die Gesundheitsämter machen, wann wer nach Hause geschickt wird und vor allem, dass Atteste nicht gegen Coronainfektionen helfen können. Es muss einheitliche Vorgaben geben, wir vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte haben hierzu einen Vorschlag auch an das hessische Sozialministerium gesandt. Ansonsten wird es für die Kinder- und Jugendärzte, deren Wartezimmer aus allen Nähten platzen werden, aber auch für die Eltern eine Katastrophe.

Frankfurt: Corona-Angst in Kita - Auf diese Symptome sollte geachtet werden

Richtig, Urlaubstage und "Kinderkranktage" sind in vielen Familien längst aufgebraucht.

Und der Vierjährige kann ja nicht allein zu Hause bleiben. Da muss wirklich schnell eine Lösung gefunden werden. Die Träger müssen eine sichere Versorgung der Kinder gewährleisten. Das funktioniert aber nicht, wenn Schnupfnasen weggeschickt werden.

Mit welchen Symptomen sollte man Ihrer Meinung nach die Kinder denn zu Hause lassen?

Wie immer: Fieber, Durchfall oder mit einem Ausschlag, den man nicht einordnen kann. Dann bleibt man zu Hause. Das war schon immer so und daran sollte sich auch nichts ändern.

Alle aktuellen Informationen zum Thema Corona in Hessen gibt es in unserem News-Ticker.

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