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Dringende Fälle werden natürlich operiert: Chefarzt Arun Kumarasamy und sein Team helfen in der interventionellen Radiologie am Sachsenhäuser Krankenhaus in Frankfurt minimalinvasiv bei Thrombosen, Gerinnseln und Verschlüssen.

Corona-Krise

Diese Krankenhaus-Abteilung behandelt nur noch Notfälle – und das hat einen Grund

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Manchmal sind es Wadenkrämpfe, manchmal Wunden, die nicht heilen. Chefarzt Arun Kumarasamy und sein Team helfen in der interventionellen Radiologie am Krankenhaus Sachsenhausen minimalinvasiv bei Thrombosen, Gerinnseln und Verschlüssen.

  • Im Krankenhaus Sachsenhausen läuft wegen der Corona-Krise vieles anders
  • Die Abteilung interventionelle Radiologie kümmert sich um Thrombosen und Gerinnsel
  • Die Klinik in Frankfurt behandelt wegen Corona zurzeit jedoch nur die ganz dringenden Fälle

Frankfurt - Wer jetzt, in Corona-Zeiten zum Sachsenhäuser Krankenhaus in Frankfurt kommt, erlebt es anders als sonst. Große Schilder weisen an der Schranke bereits Rettungsfahrzeuge auf Veränderung hin. „RTW bitte Hinweise zu Grippesymptomen in der Ambulanz beachten!“, steht darauf. Am Eingang heißt es Schwarz auf Rot: „Stop! Absolutes Besuchsverbot“ und „Höflichkeit geht auch ohne Händedruck. Wir schenken Ihnen ein Lächeln“. Auf den leeren Gängen sieht man Ärzte und Pflegekräfte mit Masken und Handschuhen, die zu ihren Patienten eilen und freundlich mit ihnen sprechen. Dringende Fälle werden natürlich behandelt. Der Respekt vor Covid-19 ist groß. Früher offene Gänge sind jetzt sichere Schleusen.

Auf dem Tisch liegen blutige Tupfer, lange hauchdünne Stahldrähte und ebenso dünne Schläuche mit Ballons. Daneben liegt Norbert B. (74) komplett steril abgedeckt bis auf kleine Stelle an der Leiste. „Es tut nicht sehr weh“, sagt der Mann mit Mundschutz unter blauen Augen zu dem Ärzteteam. Chefarzt Arun Kumarasamy nickt und sagt. „So soll es sein“. Sein Blick fällt auf zwei große Bildschirme. „Wie ein Wadenkrampf, aber einer, der auszuhalten ist“, erklärt der Patient. Kumarasamy arbeitet sich durch die Leiste mit einem Ballonkatheter an Gefäße heran. Millimeter für Millimeter wandert der Feindraht Richtung Gefäßverschlüsse.

Krankenhaus in Frankfurt-Sachsenhausen: Winziger Ballon dehnt die Gefäße

Der Patient konnte kaum noch laufen, im Fuß war kein Puls zu spüren. „Wenn das anhält, droht eine Amputation“, sagt der Facharzt der interventionellen Radiologie. N. hat 1,5 Stunden lang gebraucht, um über den Eisernen Steg in Frankfurt zu gehen. Kumarasamy und sein Team brauchen zweieinhalb Stunden, um alle Verschlüsse wieder aufzusprengen.

Mit zwölf Bar Druck dehnt der winzige Ballon die Gefäße. Auf den Bildschirmen sieht man, wie Blut wieder in Zehen fließt. Erst langsam, dann schneller. Kumarasamy und Oberarzt Oliver Ruprecht diskutieren leise die Blutströme und mögliche Risiken, während das hochmoderne Röntgengerät Stück für Stück am linken Bein des Patienten Bilder in Echtzeit zeigt. Betäubt ist der Patient nur an der Leiste, durch die die Ärzte hoch konzentriert ihre Werkzeuge schieben. Sie überprüfen, ob es Blutgerinnsel gibt, indem sie welches durch Tupfer laufenlassen. „An der Oberfläche würde man Klumpen sehen“, so Ruprecht. 

Frankfurt: Operationen im Krankenhaus Sachsenhausen trotz Corona

Fachhelferinnen reichen Kochsalz und Kontrastmittel, öffnen sterile Tüten mit weiteren Drähten, die so dünn aussehen wie Spinnwebenfäden. Da mehrere nah aneinander liegende Gefäße verstopft sind, arbeiten die Ärzte mit zwei parallelen Drähten. „Kissing Balloon“ nennt sich das. „Sich küssende Ballons“, damit nicht verklemmt werden kann. Der Patient atmet tief, während die Ballons die Gefäße mit drei Mal mehr Druck als Autoreifen dehnen. „Sie können bald wieder hüpfen wie ein junges Pferd“, sagt Kumarasamy zu seinem Patienten und nickt zufrieden. 

Der Puls am Fuß pocht wieder, die Zehen sind nicht mehr weiß. „Das gibt mir viel Lebensqualität zurück“, sagt N. und würde die Ärzte am liebsten umarmen. Das geht nicht. Die Schleuse, durch die die Drähte durch die Blutbahnen geleitet wurden, muss entfernt, die Punktionsstelle an der Leiste abgedrückt werden. Danach gibt es einen straffen Druckverband. N. kommt für zwei bis drei Nächte auf Station.

Frankfurt: Krankenhaus Sachsenhausen während Corona – „Wer kein Notfall ist, muss warten“

Während des Eingriffs denken die Mediziner nicht an Corona. Seit dem Lockdown hat sich in der Klinik in Frankfurt-Sachsenhausen einiges geändert. „Vor Corona hatten wir drei bis vier Patienten am Tag. Jetzt ein bis zwei, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Wer kein Notfall ist, muss warten“, so der Chefarzt. Die meisten Patienten sind Risikopatienten, viele haben Diabetes oder hängen an der Dialyse. Früher war die Tür im Gang offen, jetzt ist sie nur durch Personal zu öffnen. Ein Schild mit roter Schrift warnt: „Achtung Infektionsbereich!“

„Wir sind vorbereitet“, so Kumarasamy. Auch auf der eigenen Station mit sechs Betten. „Während der Untersuchung und Behandlung müssen Patienten Mundschutz tragen. Und wir überall auf dem Gelände.“ Das neunköpfige Team der interventionellen Radiologie macht sich Gedanken. „Angst habe ich nicht, aber einen Riesenrespekt“, so der Chefarzt. „Die Lungenbilder sind heftig, und die Zahl der Todesopfer wie in Italien ist erschreckend.“ Er sorgt sich wegen seiner Eltern, die er mitversorgt. „Sie sind isoliert.“ Die Mitarbeiterinnen des Teams haben Angst, dass sie sich anstecken könnten. „Wir passen bei allem auf, was wir anfassen“, sagen sie. Während der Arbeit und danach.

Niemand aus dem Team trifft sich noch mit Freunden. Wer Kinder hat, schon gar nicht. Das Sachsenhäuser Krankenhaus in Frankfurt ist still. Keine Besucher, kein Gewusel auf den Gängen, Patienten treffen sich nicht im grünen Innenhof mit ihren Familien. Wer unterwegs ist, trägt Mundschutz. Immer. Kumarasamy und seine Mitarbeiter auch. "Wir wollen sicher sein. Für unsere Patienten und für uns selbst. Corona ist unsichtbar und alles, was man tun kann, sich selbst und andere zu schützen, tun wir."

Von Sabine Schramek

Schon seit mehreren Wochen herrscht in den meisten Krankenhäusern in Frankfurt wegen Corona ein striktes Besuchsverbot. Im Bürgerhospital Frankfurt gibt es ein Corona-Testzentrum. Der Andrang ist groß. Die Kliniken in Hessen und Frankfurt haben trotz Corona für alle Patienten geöffnet. Aus Angst vor Coronavirus scheuen aber viele Menschen aktuell den Weg ins Krankenhaus.

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