Die entfernte Nachfahrin Ilse Friederike Werner, Petra Thomsen (OBR 1), Stadtteilhistorikerin Antje Arold-Hahn und Stadträtin Ina Hartwig. FOTO: Michael faust
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Die entfernte Nachfahrin Ilse Friederike Werner, Petra Thomsen (OBR 1), Stadtteilhistorikerin Antje Arold-Hahn und Stadträtin Ina Hartwig.

Historie

Frankfurt: Das Gretchen wird nun bewacht – Gedenkstein eingeweiht

  • VonGernot Gottwals
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Für das Vorbild von Goethes „Gretchen“ wird im Sommerhoffpark ein Gedenkstein eingeweiht.

Gutleutviertel – Unter welchen Umständen Susanna Margaretha Brandt auf dem "Friedhof für ertränkte Hexen, Kindermörder oder Enthauptete" des Gutleuthofes nach ihrer Hinrichtung am 10. Januar 1772 begraben wurde, ist heute schwer vorstellbar. Zwar wurde die junge Frau als "Gretchen" in Goethes Faust unsterblich. "Doch ein christliches Begräbnis wurde ihr nach der Kindstötung sicher nicht zuteil", erklärt die Stadtteilhistorikerin Antje Arold-Hahn.

Gestern schien es, als wollte man das nachholen. Jedenfalls sah der Gedenkstein, der gestern von der Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) und Vertretern des Ortsbeirates 1 (Altstadt, Bahnhofsviertel, Europaviertel, Gallus, Gutleutviertel, Innenstadt) im Südwesten des Sommerhoffparks eingeweiht wurde, am Ende fast so aus wie ein richtiger Grabstein mit Blumen, Trauerschleifen und christlichen Abschiedsworten: "Gericht Gottes, dir habe ich mich übergeben ... Ihr heiligen Scharen, lagert euch umher, mich zu bewachen ..."

Vorbild von Goethes „Gretchen“ war eine der letzten hingerichteten Kindsmörderinnen

"Diese Worte aus Goethes Faust I habe ich eigens ausgewählt", sagte Ilse Friederike Werner, eine Nachfahrin. Sie stammt aus der Linie des Elias Brandt, einem Cousin des "Gretchen", damals in den Fall involviert. Aus den ausgewählten Worten wird ersichtlich, dass Goethes durch Dr. Faust verführtes "Gretchen" nach der Verurteilung für ihre Schreckenstat angesichts höchster Not wieder zur Religion zurückfindet.

"Susanna Margaretha Brandt war eine der letzten Frauen, die in Frankfurt als Kindsmörderin hingerichtet wurden", sagte Ina Hartwig. Doch von "Bosheit" könne in ihrer Zwangslage keine Rede sein. Auch Frauendezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) sieht die Dienstmagd in einer ausweglosen Situation, da sie alleinstehend und nach außerehelichem Geschlechtsverkehr ungewollt schwanger war, was für sie soziale und gesellschaftliche Stigmatisierung und vor allem wirtschaftliche Not bedeutete. Mit dem Text der Inschrift "Susanna Margaretha Brandt, 1772 als ,Kindsmörderin' verurteilt ..." verweist die Inschrift somit auf die historische Rechtslage und das literarische Nachwirken. Doch im Gegensatz zur Hauptwache als Hinrichtungsstätte war der Schandfriedhof nur wenigen Frankfurtern bekannt. Das änderte sich vor drei Jahren mit den stadtteilhistorischen Forschungen von Arold-Hahn, Angelika Schreiber und Harry Haarstark.

Die Entwicklung der Kindstötung: Langer Weg

Auf Anregung des Ortsbeirats 1 wurde der Gedenkstein aus Odenwälder Quarz nahe des kartographisch nicht genau verzeichneten Kirchhofes aufgestellt. 2500 Euro steuerte der Ortsbeirat bei, weitere 3000 Euro das Kulturdezernat. Der Stein soll noch um einen QR-Code ergänzt werden.

In ihrem gerade erschienen Buch "Das Frankfurter Gretchen. Uneheliche Schwangerschaft von der Frühzeit bis heute" (zu beziehen über das Nachbarschaftsbüro Gutleutviertel, gutleut@frankfurt-sozialestadt.de) spannt Arold-Hahn den Bogen bis zur Gegenwart, verlegt die Geschehnisse des historischen und literarischen Gretchens von 1771 in die Jahre 1871, 1971 und 2021. Aus dem Kindsmord wird eine mit zwei Jahren Gefängnis bestrafte Kindstötung, eine illegale und schließlich innerhalb von zwölf Wochen zwar rechtswidrige, jedoch straffreie Abtreibung .

Am Ende sieht auch Werner die soziale Not und Verzweiflung der Susanna Margaretha Brandt - selbst wenn sie sich bei ihrer Verführung durch einen Wandergesellen "blauäugig" verhalten habe: "Dass das damals durch keine Institution aufgefangen werden konnte, ist traurig und beschämend." (Gernot Gottwals)

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