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Es ist einer der letzten schönen Herbsttage: Rund 15 junge Erwachsene haben sich auf dem Betriebshof Rebstock zum Bekleben des ausrangierten VGF-Gelenkbusses getroffen, um ihn zu kennzeichnen. foto: Enrico Sauda

Engagement

Frankfurt: DemokratieWagen nimmt Fahrt auf

  • vonSarah Bernhard
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Junge Erwachsene wollen die Frankfurter Bürger in einem Bus zum Diskutieren bringen. Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) und das Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AMKA) mussten nicht lange überredet werden. Zusammen fördern sie den Streit-Wagen mit einem fast sechsstelligen Betrag, der in dessen Umbau und erste Projekte fließt.

Frankfurt -Das Ei mit der Tulpe in der Hand wirft Blasen. Genau wie der kugelige Cowboy, der Typ, der statt eines Kopfes eine Pflanze hat und all die anderen weißen Figuren, die das Team um Dominik Herold und Yannik Roscher auf seinen Bus geklebt hat, und von denen jetzt noch die Schutzfolie runter muss. "Wir haben das günstigste Angebot genommen, deshalb kleben die Figuren besser an der Schutzfolie als am Bus", sagt Dominik. "War vielleicht an der falschen Stelle gespart."

Es ist einer der schöneren Herbsttage, rund 15 junge Erwachsene haben sich auf dem Betriebshof Rebstock zum Bekleben des ausrangierten VGF-Gelenkbusses getroffen, den der Verein "mehr als wählen" für 3000 Euro von der Hofheimer Firma Sippel gekauft hat. Er wurde bereits schwarz foliert, so dass man zwar von innen hinaus, aber von außen nicht mehr hineinschauen kann.

Ehrgeiziges Projekt

Mit dem Blasenproblem jedoch hatte niemand gerechnet. "Lass uns doch Spüli kaufen gehen", sagt Felix Kosok, der Chef-Designer des Projekts. Er hat sich während seines Studiums an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach Gedanken über den Zusammenhang von Demokratie und Design gemacht - und war damit der ideale Ansprechpartner für das ehrgeizige Projekt.

Denn der DemokratieWagen will genau das, was sein Name verspricht: Demokratie wagen. Nicht da, wo sie sowieso präsent ist. Sondern in den Stadtteilen, wo sich der Römer sehr weit weg anfühlen kann. "Wir wollen die Unterrepräsentierten hörbar machen", sagt Jannik. Indem der DemokratieWagen zu ihnen kommt und sie zum Diskutieren einlädt. "Eine Art rollendes Wohnzimmer", sagt Dominik. Und ein Wohnzimmer muss schließlich gemütlich sein und dabei noch gut aussehen.

Im vorderen Busteil soll es irgendwann eine Kaffeebar geben, im hinteren eine Lounge für Gesprächskreise. Doch auch den Charme des Busses, ein Symbol dafür, dass in einer Demokratie alles in Bewegung ist, will der Verein erhalten. Noch hat der Bus sowieso seine ganz normalen Sitze, Haltegriffe, Trennwände: Der Innenraum soll erst nach und nach umgebaut werden. Zudem ist das Team ja noch mit dem Außen beschäftigt. Mittlerweile ist jemand zum Supermarkt gefahren, um Spülmittel zu kaufen. Doch Anya Sukhova hat eine andere Idee: Wenn jemand ganz langsam die Folie abzieht und sie sofort mit einem Schaber hinterherfährt, entstehen viele Blasen gar nicht erst. "Langsamer! Ein bisschen langsamer noch", weist sie ihre Teamkollegin an. Anya ist eine von zehn Illustratoren, die Designer Felix für das Projekt begeistern konnte. Sie hat die Schrift für den Bus entworfen, eine Schrift, bei der die Endbögen der Buchstaben A und E über den Korpus hinausragen. "Die Zeichen harmonieren nicht miteinander und stehen damit für Streit", sagt Felix. "Sie stehen aber auch dafür, dass man sich in einer Demokratie füreinander öffnen muss."

Illustratoren entwarfen Figuren

Auch die Figuren auf dem Bus harmonieren nicht. Mal ist ein Körper gefüllt, mal besteht er nur aus Linien, mal ist der Arm robotermäßig, mal organisch. "Mir war schnell klar, dass ein einheitliches Branding nicht sinnvoll ist", sagt Felix. Weil das schon wieder viel zu festgefahren gewirkt hätte. Also entwarfen die Illustratoren Figuren - und würfelten deren Körperteile dann bunt durcheinander. "Ich hatte am Anfang Angst, dass die Figuren aussehen wie Frankenstein. Jetzt bin ich fast erstaunt, wie gut es geklappt hat", sagt Felix.

Bei der Organisation und der Finanzierung hatte die Truppe Glück: Schon früh wurde Stadtrat Claus Möbius (Grüne) auf "mehr als wählen" aufmerksam - und wurde ihr inoffizieller Berater. Weil er unter anderem Mitglied im Aufsichtsrat der Stadtwerke ist, stellte er außerdem den Kontakt zur In-der-City-Bus GmbH her, die den StreitWagen für wenig Geld gewartet und durch den Tüv gebracht hat. Auch die zwei Hauptsponsoren, das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) und das Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AMKA), mussten nicht lange überredet werden. Zusammen fördern sie den StreitWagen mit einem fast sechsstelligen Betrag, der in den Umbau und erste Projekte fließt. Ab dem kommenden Jahr soll es zunächst drei Nutzungsarten geben.

Über kontroverse Themen austauschen

Beim Projekt "StreitBus" des FGZ sollen sich Frankfurter an der Kaffeebar über kontroverse Themen austauschen - und am besten so richtig streiten. "In einer Demokratie ist Streit wichtig. Es geht darum, ihn wieder aufzuwerten, Widersprüche auszuhalten, die Sichtweise des Gegenübers zu verstehen, ohne die eigene aufzugeben", sagt Dominik. Er könnte sich gut vorstellen, dass sich auch mal ein Politiker mit an die StreitBar setzt, Planungsdezernent Mike Josef (SPD) etwa. "Ich habe die Hoffnung, dass die Anliegen der Bürger so in die Politik hinein transferiert werden." Das Projekt "StreitBus" ist zunächst auf vier Jahre angelegt. Um Demokratie, Beteiligung und Antirassismus soll es in einer achtteiligen Veranstaltungsreihe gehen, die das AMKA und die Bildungsstätte Anne Frank zusammen organisieren.

Außerdem hoffen Dominik und sein Team darauf, dass sich Interessierte melden, die eigene Ideen haben, wie sie den Bus nutzen könnten. Natürlich kostenlos. "Wir wollen keine politische Bildungsarbeit machen, das können andere besser als wir", sagt Yannik. Lieber wäre es ihnen, wenn ihr Bus ein Ort würde, "an dem man die Stadtpolitik konstruktiv kritisieren kann". Egal wer. Und egal wie.

Um den StreitWagen bekannter zu machen, wird er am 21. und 22. Oktober vor der Paulskirche vorgestellt. Bis dahin müssen nicht nur die Figuren blasenfrei halten, sondern auch noch die Dialoge geklebt werden, die sie miteinander führen. Und das Zeichen des vorerst letzten Sponsors aufgebracht werden. "Das Logo, das die Stadt uns geschickt hat, war zu filigran für den Druck", sagt Dominik. Er habe um ein anderes gebeten, die Stadt schickte ein noch filigraneres. "Das ist die größte Herausforderung des ganzen Projekts", sagt Dominik mit einem leicht verzweifelten Grinsen im Gesicht. Aber verschiedene Sichtweisen, das lehrt uns sein StreitWagen, sind ja ein wichtiger Teil der Demokratie. Sarah Bernhard

Mittwoch, 21. Oktober

9 bis 22 Uhr: DemokratieWagen vor der Paulskirche ist frei zugänglich; Gestaltungs- oder sonstige Ideen willkommen.

9 Uhr: Offizielle Vorstellung durch Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD).

14 bis 16 Uhr: Eröffnung der StreitBar; außerdem Speakers Corner zur Frage: "Frankfurt streitet: Welche Konflikte und Krisen müssen aktuell zur Sprache gebracht werden - und wie sollen wir damit umgehen?"

20 bis 22 Uhr: Podiumsdiskussion zum Thema "Demokratie und Krise?" in der Paulskirche; unter anderem Sylvia Weber und Professor Rainer Forst vom Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt diskutieren darüber, vor welchen Voraussetzungen die Demokratie im 21. Jahrhundert steht und wie sie verändert werden sollte, um künftigen Krisen besser gewachsen zu sein; Anmeldung per E-Mail an veranstaltungen-fgz@uni-frankfurt.de.

Donnerstag, 22. Oktober

10 bis 17 Uhr: DemokratieWagen vor dem stadtRAUMfrankfurt (Amt für multikulturelle Angelegenheiten), Mainzer Landstraße 293, ist frei zugänglich.

18.30 bis 21 Uhr: Podiumsdiskussion zum Thema "Mehr DemokratieWagen? Wie viel Rassismus steckt in unserem Alltag?" im Großen Saal des stadtRAUMfrankfurt; es diskutieren Harpreet Cholia von der Initiative "19. Februar Hanau", Eleonore Wiedenroth-Coulybaly von der Initiative "Schwarze Menschen Deutschland" und der Journalist Malcolm Ohanwe.

Anmeldung per E-Mail an anmeldung.amka@stadt-frankfurt.de. sb

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