Einst wohnte sie hier in der Wingertstraße 21 und erlebte das ganze Leid der Gentrifizierung am eigenen Leib. Nun engagiert sich Almuth Meyer als Stadtverordnete der SPD für den Mieterschutz.
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Einst wohnte sie hier in der Wingertstraße 21 und erlebte das ganze Leid der Gentrifizierung am eigenen Leib. Nun engagiert sich Almuth Meyer als Stadtverordnete der SPD für den Mieterschutz.

Almuth Meyer (SPD)

Mieter-Mobbing, Wände eingerissen: Kampf um bezahlbares Wohnen führte sie in die Politik

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
    vonDennis Pfeiffer-Goldmann
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47 neue Politiker gibt es in der 93 Parlamentarier zählenden Stadtverordnetenversammlung in Frankfurt. Wir stellen sie vor. Heute: Almuth Meyer (SPD).

Frankfurt – Almuth Meyers Weg in den Römer beginnt 2013 in der Wingertstraße 21 im Ostend in Frankfurt. Bloß ahnt sie selbst noch nicht, was alles passieren wird, als zwei Privatleute das Haus kaufen, in dem sie mit ihrem Mann und viele andere nette Nachbarn wohnen.

Die gesamte Hausgemeinschaft muss jahrelang das ganze Leid der Gentrifizierung am eigenen Leib erdulden. Die Eigner „sagten uns ohne Umschweife, dass sie ihre Investition rekapitalisieren wollten“, erinnert sich Meyer. Die Luxussanierung des Gebäudes geschieht nach schlimmsten Drehbuch: Mobbing gegen die Mieter, um sie mürbe zu machen, worüber mehrfach Richter urteilen müssen. Wände werden herausgerissen und nicht ersetzt, Wasser läuft über Monate in Wohnungen, Abmahnungen, Klagen.

Frankfurt: Gemeinsam wehren sich die Mieter

Gemeinsam wehren sich die Mieter. Am Ende vor Gericht erfolgreich: Die letzten drei Mietparteien dürfen bleiben. Sie wollen dann aber nicht mehr, auch nachdem die älteste Mitbewohnerin inzwischen gestorben war – mitten im Sanierungschaos.

Almuth Meyer (46) wohnt nun mit Lebensgefährtem und Hund in Bornheim. Sie arbeitete früher in der ambulanten Altenpflege, heute leitet sie in Teilzeit eine Wohngruppe für Behinderte in Fechenheim. Das will sie fortführen, auch wenn sie seit April Stadtverordnete für die SPD ist – eine von 47 Neuen im Parlament.

Das Haus Wingertstraße 21 ist heute strahlend weiß saniert und um zwei Penthouse-Stockwerke erweitert. „Dort war meine Wohnung“, sagt Meyer und zeigt auf herunter gelassene Rollläden. Es scheint noch immer keiner dort zu wohnen. Wehmut? Nein, sagt sie. „Wir hatten hier viele schöne Zeiten.“ Der gemeinsame Kampf schweißte die Nachbarn zusammen. Daraus erwuchs nicht nur ein Verein, sondern der Wille, anderen zu helfen: „Nach dem ersten Schock weiß man nicht, was man machen soll.“

Frankfurt: „Ich brauche das nicht für mein Ego“

Meyer und ihre Mitstreiter waren damals alleine, machten Politik und Öffentlichkeit - auch durch Berichterstattung in dieser Zeitung - auf ihre Lage aufmerksam. Heute hilft die unter anderem aus dem Kampf um die Wingertstraße 21 entstandene Nachbarschaftsinitiative Nordend-Bornheim-Ostend mit ihrem Kern von rund 20 Aktiven anderen Betroffenen. Auch die Stadt reagierte, berät Betroffene seit 2019 mit einer Stabsstelle Mieterschutz im Amt für Wohnungswesen. Das sei auch ein Erfolg der Aktiven aus dem „Häuserkampf in Anführungszeichen“, so Meyer.

Dieses Engagement hat sie letztlich in die Politik gebracht: Wenn sie nun für die SPD als Stadtverordnete mitmische, „ist das die logische Fortsetzung der Arbeit, nur auf anderer Ebene“.

Almuth Meyer will Mietern in Frankfurt Hilfe anbieten

Mietern Hilfe bieten gegen Verdrängung aus einer funktionierenden Hausgemeinschaft, das will Meyer vorantreiben. Sie will Betroffene vernetzen, Kontakt an die Basis weiterhin pflegen. „Konstruktiv und geerdet“ wolle sie Politik im Parlament machen, auch über Parteigrenzen hinweg. Die SPD hat sie sich dafür ausgesucht, weil sie schon immer politisch dorthin tendierte, sagt sie. SPD-Leute wie die Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen, Planungsdezernent Mike Josef und der bisherige Wohnungsexperte im Römer, Sieghard Pawlik, hätten die Mieter in der Wingertstraße sehr unterstützt, erinnert sie sich. Auch Politiker anderer Parteien hätten geholfen, wie Bodo Pfaff-Greiffenhagen von der CDU und Volker Marx von der Linken.

Zu Pawlik hat Meyer schon Kontakt aufgenommen, man wolle sich nun gegenseitig unterstützen, erzählt die neue Stadtverordnete. Ausgerechnet er, der Chef beim Mieterbund Hoechster Wohnen, flog nämlich aus der deutlich geschrumpften SPD-Fraktion heraus. Nun wird also Almuth Meyer wohl neue zentrale Fürsprecherin gefährdeter Mieter in der SPD. „Ich mache das für die Sache“, sagt die Bornheimerin. „Ich brauche das nicht für mein Ego.“ (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

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