Suchen nach neuen Wegen: die Bestatterinnen Heike und Carolin Rath (von links).
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Suchen nach neuen Wegen: die Bestatterinnen Heike und Carolin Rath (von links).

Bestattungen

Frankfurt: Der letzte Weg in Zeiten von Corona

  • vonBrigitte Degelmann
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Die Pandemie hat vieles auf den Kopf gestellt - auch Beisetzungen. Trauerfeiern sind nur noch eingeschränkt möglich, Särge müssen draußen bleiben. Über das Finden neuer Rituale berichten zwei Bestatterinnen.

Auf den ersten Blick wirkt der kleine herzförmige Kerzenhalter, der aus zwei Teilen besteht, nur wie ein hübsches Dekorationsobjekt fürs Wohnzimmer. Doch für etliche Menschen dürfte er viel mehr als das sein. Mit solchen Kerzenhaltern versucht nämlich die Frankfurter Bestatterin Heike Rath das Leid von Angehörigen über den Tod eines geliebten Menschen ein wenig zu lindern: Die eine Hälfte des Kerzenhalters legt sie in den Sarg oder in die Urne des Verstorbenen, die andere überreicht sie den Hinterbliebenen. Als Symbol dafür, dass die Verbindung trotz des Todes nicht ganz abreißen muss. Was Trauernden viel bedeute, sagt die Geschäftsführerin des Bestattungsinstituts Schwind: "Ich habe schon öfters gehört, dass Angehörige die Kerze jeden Tag anzünden, zum Gedenken. Viele sind unglaublich dankbar dafür."

Umarmung ist tabu

Auf die Kerzenhalter-Idee kam sie mit der Corona-Pandemie, die in den vergangenen Monaten so vieles auf den Kopf gestellt hat, gerade im Bestattungswesen. Trauerfeiern dürfen nur noch im engsten Kreis stattfinden, der Händedruck zum Kondolieren ist ebenso tabu wie die tröstende Umarmung. Was manches Mal dazu führt, dass Trauergäste etwas hilflos vor den Angehörigen stehen, nicht wissen wohin mit ihren Armen und Händen. "Der Tod ist etwas, das sprachlos macht", sagt die 52-Jährige. "Gerade da helfen Gesten wie ein Händedruck oder eine Umarmung." Umso schlimmer sei es, dass das momentan nicht möglich ist. Sie selbst behilft sich oft mit einer Gebärde aus asiatischen Kulturkreisen: Sie faltet die Hände vor der Brust und verbeugt sich leicht, wenn sie Angehörigen kondoliert - um ihre Worte auf diese Weise zu unterstreichen.

Immerhin ein Notbehelf. Dennoch: "Das Zwischenmenschliche fehlt total", sagt sie mit einem kleinen Seufzer. Zum Beispiel dann, wenn eine in Tränen aufgelöste Witwe vor ihr sitzt, deren Mann gerade verschieden ist. Oder Hinterbliebene von Covid-19-Toten, die sich nicht einmal von ihren Liebsten verabschieden konnten.

Normalerweise legt sie Angehörigen schon mal tröstend eine Hand auf die Schulter oder drückt deren Hände. Doch selbst solche kleinen Gesten müssen sie und ihre zwölf Mitarbeiter seit Monaten vermeiden. Ganz zu schweigen von den strengen Hygienevorschriften im Umgang mit Toten, die an oder mit Covid-19 verstorben sind - was momentan etwa die Hälfte der Todesfälle betreffe, sagt Heike Rath.

Bestatter müssen Masken tragen

Nur in Ganzkörperanzügen und mit Schutzvisieren vor dem Gesicht können sich Bestatter ihnen nähern. Die Toten dürfen weder zum Abschiednehmen aufgebahrt werden, noch darf der Sarg in die Trauerhalle. Besonders schlimm traf es im Frühjahr die Familie eines gebürtigen Polen, der lange in Frankfurt gelebt hatte und nun an Covid-19 gestorben war. In seinem Testament hatte er verfügt, dass er sich eine Erdbestattung in seinem Heimatland wünsche. Aber die Grenzen waren wegen der Pandemie geschlossen. Selbst für einen Toten. So stand der Sohn vor einem unlösbaren Konflikt. Den Vater in Frankfurt bestatten? Oder den Leichnam verbrennen lassen, damit zumindest die Urne nach Polen überführt werden konnte? Schließlich entschied sich der Sohn für die Feuerbestattung. Der letzte Wunsch des Vaters musste unerfüllt bleiben. Und das, sagt die Bestatterin, sei für Angehörige ein quälender Gedanke.

Verzicht auf den Organisten

Für die Trauerfeiern selbst gelten etliche Regeln. So ist die Zahl der Teilnehmer derzeit streng reglementiert, abhängig von der Größe der jeweiligen Trauerhalle. Während am Hauptfriedhof 31 Menschen zugelassen sind, dürfen etwa am Waldfriedhof in Oberrad nur 15 Menschen eingelassen werden, in Bergen gar nur sieben - inklusive Pfarrer und Organist. Was schon mal dazu führt, dass die Trauergemeinde auf den Organisten verzichtet und sich mit Musik von einer CD begnügt, damit man noch einen Gast mehr unterbringt. Dabei, sagt Heike Rath, sei eine Trauerfeier normalerweise "eine Würdigung an das Leben". Und auch die dazugehörigen Rituale seien wichtig, weil sie Angehörigen Halt geben, ergänzt ihre Tochter Carolin (26), die seit Kurzem in dem Bestattungsinstitut mitarbeitet.

Satt der Erde fallen Blumen

Umso stärker bemühen sich Heike und Carolin Rath, trotz der Einschränkungen würdige Trauerfeiern zu gestalten. Weil es Trauergästen wegen der Infektionsgefahr untersagt wurde, am Grab mit einer kleinen Schippe Erde auf Sarg oder Urne zu werfen, griffen sie kurzerhand zu Streublumen als Ersatz - "die fallen auch sanfter".

Bei besonders kleinen Trauerhallen versuchen sie schon mal, die Türen offen zu lassen, Lautsprecher aufzustellen und draußen weitere Sitzgelegenheiten zu organisieren - natürlich in gebührendem Abstand zueinander. Und als im Frühjahr Trauerfeiern in geschlossenen Räumen ganz verboten waren, stellten sie direkt am Grab Musikanlage und Kerzen auf, um für einen angemessenen Rahmen zu sorgen. "Das ist das Letzte, was Sie für jemanden tun können - deshalb ist das enorm wichtig", sagen die beiden Bestatterinnen. Oft raten sie Hinterbliebenen, dem Verstorbenen etwas Persönliches in den Sarg oder in die Urne mitzugeben. Etwa eine Feder des geliebten Papageis. Oder die Locke des Enkelkindes. Auch das könne trösten. Zumindest ein bisschen.

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