Mit Hilfe eines Kranes wird das letzte von insgesamt drei Segmenten des Frankfurter Goetheturms an seine Position gehoben. 
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Mit Hilfe eines Kranes wird das letzte von insgesamt drei Segmenten des Frankfurter Goetheturms an seine Position gehoben. 

Bauarbeiten abgeschlossen

„Der schönste neue Goetheturm der Welt“

  • vonSabine Schramek
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Mithilfe von Bürgerspenden ragt nun der neue Goetheturm in Sachsenhausen hellbraun mit Kupferdach in den Himmel. Der Zusammenbau der letzten drei Module erinnerte fast an ein Volksfest der alten Zeit.

Frankfurt – Es ist Dienstagmorgen, gerade einmal sieben Uhr. Die Luft ist noch frisch, der Wind streicht durch die Wipfel der Bäume des Stadtwaldes. Vereinzelte Spaziergänger trifft man normalerweise um diese Zeit an der Baustelle des neuen Goetheturms. Normalerweise. Denn heute ist alles anders. Zahlreiche Menschen sind gekommen. Mit Kind und Hund, auf Rädern, Rollern und mit Campingstühlen. Nur um dabei zu sein, wenn eines der Frankfurter Wahrzeichen, der vor knapp drei Jahren abgebrannte Goetheturm, wieder aufgebaut wird.

Gemeinsam blicken die Besucher auf zwei riesige, bereits zusammengebaute Holzteile. Daneben steht die schon fertiggestellte erste Etage des neuen Goetheturms. Ein gigantischer gelber Spezialkran lässt eines der 13 Meter hohen Bauteile an schweren Ketten wie von Geisterhand in den Himmeln schweben. Zentimeter für Zentimeter ziehen Mitarbeiter der Holzbaufirma Amman auf zwei orangefarbenen Hebebühnen per Hand die Pfosten millimetergenau auf das bereits fertige erste, ebenso hohe Modul.

Ein klackendes Geräusch erklingt im Stadtwald, als die vier runden Pfosten aus Edelkastanie an jeder Seite haargenau mit den unteren Gegenstücken einrasten. „Das ist mal ein toller Lockdown“, sagt der Vater eines sechsjährigen Sohnes beeindruckt. 22 Minuten lang hat es gedauert, bis das zweite Teil perfekt saß. „Wie haben sie das hingekriegt?“, fragt sein Sohn Felix und will am liebsten gleich hinauf steigen. Er zuckt leicht zusammen, als ein Flugzeug hoch über den neuen Goetheturm fliegt. Die beiden surrenden Drohnen, die das Geschehen filmen, findet er besonders toll.

Die acht Mitarbeiter von Holzbau Amman schrauben, bohren und befestigen derweil Schraubzwingen in schwindelerregender Höhe. Die Zuschauer sind beeindruckt von diesem einmaligen Spektakel, dem sie beiwohnen können. „Wow“, rufen die einen, von „einem ganz tollen Erlebnis“ sprechen die anderen. Drei Stadtpolizisten können beim Anblick der erwartungsvollen Besucher und des majestätischen Turmes, der jetzt schon 26 Meter hoch ist, gar nicht aufhören zu lächeln.

Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) ist schon um acht Uhr im Stadtwald und staunt. „Ich habe richtig Herzklopfen“, sagt sie zu den Mitgliedern des Vereinsrings Sachsenhausen, die T-Shirts mit der Aufschrift „Goetheturmfest“ tragen. „Das nächste richtige Goetheturmfest gibt es am 8. und 9. Mai 2021“, freut sich Petra Luxemburger vom Vereinsring. „Das hat uns so gefehlt“, meint sie. Heilig nickt und ist sich sicher, dass sich viele der Besucher auf dem Goetheturm zum ersten Mal geküsst oder Liebesschwüre abgegeben haben. „Jeder hier hat seine ganz eigene Geschichte“. Baudezernent Jan Schneider (CDU) findet den entstehenden Turm „in Natura noch viel schöner als auf allen Plänen.“ Beeindruckt ist er von der Holzbaufirma. „Vom Sockel bis zur Spitze gibt es nur fünf Millimeter maximale Abweichungen vom Plan. Und das bei Holz.“

Spannend wird es beim nächsten Modul. Eine der vier Befestigungsplatten, die zwischen die Füße der Pfähle gesetzt werden soll, passt nicht genau und muss deswegen wieder abgebaut werden. Wie emsige Ameisen wirken die konzentrierten Männer hoch oben im Turm beim Bohren und Hämmern. Eine Stunde lang dauert es, bis auch die letzte Schraube auf der magentafarbenen Platte richtig sitzt.

Dann wird das nächste Teil an den dicken Haken des gelben Spezialkrans Richtung Himmel bewegt. Motoren brummen, Drohnen surren und Schwalben tanzen über dem Kran. Der Himmel ist wieder strahlend blau, während der Befestigung der Platten zeigten sich kurz zuvor drohende dunkle Wolken. Um 12.32 Uhr klackt es wieder. Auch dieses Teil sitzt haargenau.

Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), der diesen Moment freilich nicht verpassen will, blickt hinauf auf den Turm und in die Menge. „Der Goetheturm war immer schon ein Herzpunkt für alle Frankfurter. Das Feuer war traurig, die Leute waren wütend und sind jetzt wohl glücklich“, sagt er.

Dann beginnt der Wind stärker zu wehen, für mehrere Stunden wird der Bau pausiert. Zu großen Schaden würde Kanzel samt Kupferdach mit einem Stoß an den insgesamt 77 Tonnen schweren Turm verursachen. Doch Wettergott Petrus hat ein Einsehen und um 17.51 Uhr schwebt endlich auch das letzte Stück hinauf auf den Goetheturm. Die Sonne scheint. Die Arbeiter oben im Hubwagen bringen das Dach per Hand in Position. Es klackt, ein letztes Mal. Der neue Goetheturm steht. Applaus und Bravo-Rufe rund um den Turm lassen manchen die Tränen in die Augen steigen. Eine alte Dame bringt es auf den Punkt. „Das ist der schönste neue Goetheturm der Welt“, sagt sie. Am Donnerstag, 30. Juli wird Richtfest gefeiert. Begehbar wird der Turm voraussichtlich im Oktober – drei Jahre nach dem Brandanschlag

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