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Die Vorsitzende des Vereins Nieder-Erlenbacher Bürger, Ingeborg Leineweber, hat die Restaurierung des Vertriebenendenkmals an der Straße Alt-Erlenbach eingefädelt. foto: Holger Menzel

Brauchtum

Frankfurt: Die Erinnerungen an die alte Heimat pflegen

  • vonFriedrich Reinhardt
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Der Verein "Nieder-Erlenbacher Bürger" ließ jetzt das alte Vertriebenendenkmal restaurieren. Auf eigene Kosten. Denn bei der Stadt ist die Stätte nirgendwo gelistet.

Die Wappen auf dem Vertriebenendenkmal sind wieder deutlich zu erkennen. Verblasst waren sie im Laufe der vergangenen Jahre und der "Verein Nieder-Erlenbacher Bürger" machte sich Sorgen, dass auch die Erinnerungen daran verblassen, welche Rolle die Vertriebenen aus Schlesien, Pommern, Sudetenland oder Westpreußen in der Geschichte Nieder-Erlenbachs spielten.

"Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Einwohnerzahl hier nahezu verdoppelt", erklärt Ingeborg Leineweber, die Vorsitzende des Bürgervereins. Rund 1000 Menschen lebten vor dem Ende des Krieges in der Gemeinde, ein Jahr nach Kriegsende waren es schon 1700 Einwohner.

Ein Kochbuch blieb, und Erinnerungen

Insgesamt zwölf Millionen Menschen flüchteten zwischen 1944 und 1948 aus den Regionen östlich der Oder und Neiße nach Deutschland. Entweder aus Angst vor der heranrückenden Kriegsfront oder später durch Zwangsumsiedlungen, die im Potsdamer Abkommen vereinbart wurden.

Unter den neuen Einwohnern in Nieder-Erlenbach waren auch Leinewebers Mutter und deren Eltern. "Sie hingen sehr an ihrer alten Heimat", erzählt sie. Den Bauernhof hatte die Familie samt Ochsen im Sudetenland zurücklassen müssen. "Sie dachten, sie könnten irgendwann wieder zurückkehren", erzählt die 67 Jahre alte Vereinsvorsitzende. Immerhin ein Kochbuch habe die Mutter mitnehmen können. "Darauf war sie immer sehr stolz."

Straßennamen zeugen von der Vergangenheit

Wie sehr solche Biografien den heutigen Stadtteil prägten, davon zeugt nicht nur das Vertriebenendenkmal. Sondern auch die Straßennamen im Westen Nieder-Erlenbachs wie die Sorbenstraße, die Brandenburger Straße oder die Sudetenstraße.

"Wie schlimm es sein muss, aus seiner Heimat vertrieben zu werden", dachte Leineweber stets, wenn ihre Eltern und Großeltern davon erzählten. "Sicher begegneten die Alteingesessenen Erlenbacher den neuen Einwohnern anfangs skeptisch", vermutet sie. Die Nieder-Erlenbacher Neubürger seien erst in einem Lager bei Bad Vilbel untergekommen. Später hätten sie Grundstücke an der heutigen Egerländer Straße erhalten, um sich ein Haus zu bauen. Das Haus ihrer Großeltern etwa sei auf einem Fundament aus alten Grabplatten von einem aufgelösten Friedhof errichtet worden. Die Not war groß.

Im Jahr 1968 habe der "Bund Vertriebener Deutscher" das Vertriebenendenkmal an der Straße Alt-Erlenbach errichtet, sagt sie. Heute kümmert sich der Bürgerverein darum. Und mit der Zeit verschwand die rote Farbe der Wappen und der Schrift.

Darum forderte Leineweber, die für die BFF im Ortsbeirat 13 (Nieder-Erlenbach) aktiv ist, im vergangenen Jahr, die Stadt solle das Denkmal doch restaurieren. Die Ämter konnten das Denkmal aber nicht zuordnen. Man habe nicht klären können, "in wessen Besitz und somit Zuständigkeit sich das Vertriebenendenkmal befindet", antwortete die Stadt auf die Forderung. Beim Kulturamt sei es nicht inventarisiert. Das Kulturamt könne aber den Verein unterstützen. Doch die geschätzten 2600 Euro könne das Amt nicht übernehmen.

Wie die Kostenschätzung zustande kam, weiß Leineweber nicht. Sie sprach einfach den Nieder-Erlenbacher Steinmetz Ulrich Fritz an. Für 500 Euro, die der Bürgerverein und seine rund 1100 Mitglieder übernahmen, restaurierte er das Denkmal. "Einiges mehr hätten die Arbeiten normalerweise gekostet", sagt Fritz. "Aber für den Bürgerverein macht man das doch selbstverständlich für ganz kleines Geld." Wenn Leineweber nun an dem Denkmal vorübergeht, erinnert sie sich an ihre Eltern und Großeltern und wie sehr sie an ihrer alten Heimat hingen. "Sie waren ihr bis zu ihrem Tod sehr verbunden." Friedrich Reinhardt

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