Ehrenamt

Frankfurt: Die Tafelritterin geht

  • VonBrigitte Degelmann
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Edith Kleber gibt nach 26 Jahren Engagement für die Lebensmittelausgabe das Zepter an eine Jüngere ab

Frankfurt -Wenn von der Frankfurter Tafel die Rede ist, dann fällt ein Name mit ziemlicher Sicherheit: Edith Kleber. Seit bald 26 Jahren engagiert sich die 74-Jährige dafür, kümmert sich um Spenden und Organisation, sorgt dafür, dass genügend Mitarbeiter an den zwölf Lebensmittelausgabestellen sind und springt notfalls selbst ein. Doch damit ist bald Schluss: Ende Dezember gibt die stellvertretende Vorsitzende der Tafel ihr Amt ab. Eigentlich, sagt sie, habe sie das schon 2020 tun wollen. Wegen der Corona-Pandemie verlängerte sie um ein Jahr. "Aber irgendwann muss man einen Schlussstrich ziehen", sagt sie. Zumal ihre Nachfolge geregelt ist: Monika Hanschick, bisher Leiterin der Ausgabestelle im Bahnhofsviertel, soll ihre Aufgaben übernehmen.

Dass sie bei der Tafel landete, ist einem Zeitungsartikel zu verdanken, den sie 1996 las: Der Verein, ein Jahr zuvor gegründet, brauche ehrenamtliche Mitarbeiter. Genau das Richtige für Kleber. "Hier kannst du etwas bewirken", dachte sie. Kurz zuvor hatte sie ihre Stelle in einer großen Firma gekündigt, weil diese aus Frankfurt wegzog, und suchte nun ein Ehrenamt. Dafür brachte sie einiges an Erfahrung mit. Schon als 18-Jährige half sie regelmäßig in einem Seniorenheim mit. Später kümmerte sie sich um eine krebskranke Frau, kaufte für sie ein, putzte die Wohnung. Dazu kam ihr Engagement für den Seniorenkreis ihrer Kirchengemeinde im Gallus, den sie 28 Jahre lang leitete.

Das Bedürfnis, anderen zu helfen, hatte sie schon früh. Wohl auch wegen eines Schlüsselerlebnisses, das sie mit zwölf Jahren hatte, als es eines Tages an der Wohnungstür läutete. Kleber öffnete - und sah sich ihrem Großvater gegenüber, der von ihrem Onkel nach vorne geschoben wurde. "Jetzt habt ihr ihn", sagte der Onkel barsch und drückte dem verblüfften Mädchen einen 50-Mark-Schein in die Hand. Noch heute kommen ihr die Tränen, wenn sie davon erzählt. Wie entwürdigend es für ihren Großvater, einst Leiter eines großen Sägewerks, gewesen sein musste, so behandelt zu werden, obwohl er viel für seine Kinder getan hatte. "Ich bin heute noch stolz darauf, dass ich meinem Onkel das Geld nachgeworfen habe", sagt sie.

Dabei war es keineswegs üblich, dass man in ihrem Elternhaus mit Geld um sich schmiss. Schließlich wuchsen Kleber und ihr Bruder in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Die Eltern bauten einen kleinen Betrieb für Friseurprodukte auf. Statt draußen zu spielen, mussten die Kinder oft mitarbeiten. Gern wäre sie als Au-Pair-Mädchen in die USA gegangen, doch die Eltern waren dagegen. Sie fügte sich und absolvierte stattdessen eine kaufmännische Ausbildung, obwohl sie lieber Lehrerin geworden wäre.

Bedauert sie, ihre Träume nicht verwirklicht zu haben? "Nein", sagt die 74-Jährige, die seit 14 Jahren verwitwet ist. Stattdessen sei sie "unendlich dankbar". Für das innige Verhältnis mit ihrer Tochter. Für 38 glückliche Ehejahre mit ihrem Mann. Dafür, dass es ihr wirtschaftlich gut geht. Und dass sich immer wieder Sponsoren und Ehrenamtliche finden, die die Tafel fördern. 182 Mitarbeiter sorgen dafür, dass jeden Monat rund 21 000 Menschen in Frankfurt mit Lebensmittelspenden unterstützt werden können - an zwölf Ausgabestellen und in 54 sozialen Einrichtungen, die der Verein beliefert.

Eine körperlich wie psychisch fordernde Aufgabe. Was auch an manchen Kunden liegt, die schon mal pöbeln. Auch sie sei bespuckt und als "Nazi" beschimpft worden, sagt Kleber. Tiefpunkt: Vorwürfe wegen angeblichem Rassismus vor einigen Monaten. Eine dunkelhäutige Frau hatte keine Lebensmittel erhalten. Nicht wegen ihrer Hautfarbe, betont Kleber, sondern weil sie in einer Gemeinschaftsunterkunft lebte. Seit 2016 versorgt die Tafel aber nur noch jene, die neben dem Frankfurt-Pass eine eigene Wohnung haben. Schließlich sei die Menge an Lebensmitteln begrenzt, sagt Kleber und verweist darauf, dass 70 Prozent der Tafel-Kunden Migranten seien.

Stolz ist sie darauf, dass die Lebensmittelausgaben auch während der Pandemie geöffnet blieben. Obwohl etliche ältere Ehrenamtliche zeitweise nicht mehr kamen; aus Angst vor Ansteckung. Zum Glück meldeten sich viele, die in Kurzarbeit waren und sich engagieren wollten. Doch diese musste man erst einarbeiten. Zeitweise half sie an drei Orten aus, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Dazu kam, dass die Rödelheimer Ausgabestelle vorübergehend umziehen musste. Wie aber die Kunden darüber informieren, in Zeiten des Datenschutzes? Kleber löste das Problem auf ihre Weise: Sie lief durch die Straßen und warf Flyer in Hunderte von Briefkästen: "Da lernen Sie einen Stadtteil kennen". Für die Zukunft schmiedet sie schon Pläne. Reisen möchte sie gerne: nach Australien, Georgien, Tansania. Einen Spanisch-Kurs absolvieren. Zeit mit Freunden verbringen. Und einzelne Grundschulkinder unterstützen, die Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen haben. Kontakte dafür hat sie schon geknüpft. "Denn", sagt sie und lacht: "Das ist wie ein Virus - ganz ohne Ehrenamt geht's nicht." Brigitte Degelmann

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