Dr. Wolfgang Merkle in seinem Reich, in dem er auch Patienten auf der grünen Liege empfangen hat. Er hat die Psychosomatische Klinik im Hospital zum Heiligen Geist aufgebaut und geleitet, die 25-jähriges Bestehen feiert. Jetzt geht er in den Ruhestand. FOTO: michelle Spillner
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Dr. Wolfgang Merkle in seinem Reich, in dem er auch Patienten auf der grünen Liege empfangen hat. Er hat die Psychosomatische Klinik im Hospital zum Heiligen Geist aufgebaut und geleitet, die 25-jähriges Bestehen feiert. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Der Seelen-Versteher

Frankfurt: Dr. Wolfgang Merkle geht in Rente

  • VonMichelle Spillner
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Vor 25 Jahre hat er die psychosomatische Klinik im Heilig-Geist-Hospital aufgebaut. Nun verabschiedet er sich in den Ruhestand.

Frankfurt -Wenn Dr. Wolfgang Merkle in diesen Tagen in den Ruhestand wechselt, dann lässt er nicht nur sein Chefarzt-Zimmer in der psychosomatischen Klinik im Hospital zum Heiligen Geist zurück, in dem so viele kleine Dinge und Figuren auf den Regalbrettern einen Platz gefunden haben, die alle eine Geschichte versprechen. Er lässt auch Menschen zurück, an deren Schicksal er Anteil genommen, die er begleitet und mit denen er zusammengearbeitet hat. Und er lässt sein Lebenswerk zurück.

Merkle hat die psychosomatische Klinik in Frankfurt als erste in ganz Hessen vor 25 Jahren aufgebaut und geleitet. 10 000 Menschen wurden dort seitdem behandelt. Unzähligen hat er selbst die Tür geöffnet, ihnen einen fröhlichen Willkommensgruß entgegen geflötet und ihnen den Platz auf der grünen Liege angeboten. Dr. Merkle formuliert das Geheimnis des Glücks: "Das Entscheidende für Glück ist, dass es einem gelingt, eine liebevolle Beziehung aufzubauen und diese Liebe nicht zu vertreiben." Genau das macht Merkle mit seiner warmherzigen Art: eine liebevolle Beziehung aufbauen, in den ersten Sekunden der Begegnung.

Der erste Kontakt ist prägend

Es sei in der Tat so, dass die erste Beziehungsaufnahme entscheidend ist. "Es geht auch um die Frage, ob es gelingt, dem Patienten etwas Neues zu vermitteln", sagt er. Wer in der Psychosomatischen Klinik ankommt, hat oft eine lange Maschinerie von Untersuchungen und Behandlungen hinter sich, die auf das Körperliche begrenzt waren und keine fassbare Diagnose gebracht haben, auf deren Basis eine Behandlung der Beschwerden hätte beginnen können: Kopfschmerzen, Hautprobleme, neurologische Störungen und Magen-Darmprobleme und vieles mehr. "Und dann erfahren die Patienten im Gespräch, dass möglicherweise hinter dem Symptom auch noch etwas anderes steckt, mit dem sie sich dann selber besser begreifen können und auch das Symptom. Nichts ist für den Menschen schlimmer als Ungewissheit. Diese Ohnmacht ist oft der Grund, weshalb sich ein Körpersymptom entwickelt", beschreibt Wolfgang Merkle.

Oft staunt er über das Leben der Anderen

Psychosomatische Patienten haben oft entbehrungsreich gelebt, ungeliebt, geschlagen, vernachlässigt, möglichweise sogar sexuell missbraucht - eine Menge an Faktoren in der frühen Kindheit, die ein gesundes Selbstwerterleben verunmöglichen. Merkle: "Viele dieser Patienten denken dann, sie müssten besonders nett sein, damit sie die Liebe der Eltern bekommen. Sie strengen sich an und übertragen das dann allmählich ins gesellschaftliche Leben. Oft überangepasste, fleißige Menschen, die wir in der Gesellschaft sehr gerne haben, die aber wenig Gefühl dafür haben, wo ihre Belastbarkeitsgrenzen sind und sich dann überfordern." Sie seien prädestiniert für dafür, unterschiedlichste psychosomatische Symptome zu entwickeln, für Burnout.

Während andere Ärzte bei diesen Patienten häufig kapitulieren, wollte Merkle sich ihrer annehmen. Jeder Patient habe eine ganz eigene Geschichte. "Manchmal stehe ich staunend daneben und denke, aha, so kann man auch leben." Das fasziniere ihn, sagt Merkle. Wenn man es schaffe, gemeinsam hinter das "Geheimnis" dieser Menschen zu blicken, die jahrelang unter einer Krankheit, unter Symptomen gelitten hätten, erlebten sie einen Neuanfang, eine Wiedergeburt. Das habe etwas Beglückendes.

Die Psychosomatik faszinierte ihn schon im Studium an der Reformuniversität Ulm. Die Möglichkeit der Spezialisierung zum Facharzt für Psychosomatik gibt es erst seit 1995. 1996 kam er nach Frankfurt; das Stadtparlament hatte beschlossen, an einem der städtischen Krankenhäuser eine Psychosomatische Klinik aufzubauen. Merkle überraschte mit seiner guten Laune und seinem Platzbedarf. Während sich Oberärzte anderer Fachrichtungen ein Zimmer teilten, wollte er ein Zimmer für jeden Assistenzarzt, Räume für Musik- Kunst- und Bewegungstherapie. Er habe vermitteln müssen, dass diese Arbeit andere Rahmenbedingungen brauchte: "Ich habe immer gesagt, dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße."

Nun steht ihm ein schwerer Wandel bevor

Seine Aufgabe habe er auch nicht nur darin gesehen, die mittlerweile 96 Patienten in der Klinik zu betreuen, sondern den Ärzten anderer Abteilungen auch ein Verständnis vom Leib-Seele-Problem zu vermitteln: "Das sehe ich auch als die Aufgabe der Psychosomatik an: die seelischen Komponenten im Krankenhaus aufrecht zu erhalten, dass die Beziehungsmedizin nicht verschwindet. Die therapeutische Beziehung zwischen Arzt und Patient als heilender Faktor." Eine Wechselwirkung. Manches sei einem ans Herzgewachsen: Die junge Frau mit der Bulimie, die metastasierten Darmkrebs diagnostiziert bekam, die mit einer Lebenserwartung von sechs Monaten noch einmal das Meer sehen konnte - dank finanzieller Unterstützung - und die jetzt 20 Jahre überlebt hat.

Sein früher Berufswunsch war gar nicht so weit weg von dem, was er schließlich als Beruf wählte. Priester wollte er werden, erinnert sich Merkle. In seiner ländlichen Heimat sei der Mann mit dem akademischen Hintergrund ein Vorbild gewesen, aber der Zölibat sei nichts für ihn gewesen.

In 25 Jahren sei das Bewusstsein für Psychosomatik gewachsen, aber der Stress und die Zahl der Erkrankungen auch. "Wenn ich heute an einen Sonntagnachmittag in meiner Kindheit denke, da war pure Langeweile angesagt. Das gibt es heute gar nicht mehr, alles wird gefüllt. Manchmal möchte man ein Loblied auf die Langeweile schreiben." Nach New York wollte er auch, und dann wurde es "Mainhattan": "Ich bin unglaublich dankbar, dass ich in so einer Zeit, an so einem Ort und mit solchen Möglichkeiten so etwas aufbauen konnte."

Die Wendepunkte im Leben sind es, die die Krisen bringen können. Ruhestand ist ein solcher Wendepunkt: "Das sollte man gut vorbereiten. Es ist ein großer Schritt, wenn man bedenkt, dass ich die letzten 25 Jahre regelmäßig von sieben bis sieben hier im Haus war. Ich habe Gott sei Dank einige Hobbys, die mir helfen." Er reist gerne, er fotografiert gerne, am liebsten Vögel. Eine seiner Fotografien hängt über seinem Schreibtisch. Zwei Äffchen, die sich in einem Baum in Sambia gegenübersitzen: "Eine Therapiesitzung", deutet er lachend. Merkle mag Geschichten - die kleinen, die im Moment einer Fotografie stecken und die großen, die ihm all die Menschen über die Jahre erzählt haben. Michelle Spillner

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