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Wie oft kannst Du einen Fuß genau vor den anderen setzen? Kinderarzt Burkhard Voigt bei der so wichtigen Vorsorgeuntersuchung mit der vier Jahre alten Alma.

Gesundheit

Dramatischer Mangel an Kinderärzten - Mediziner in Frankfurt sind am Limit

Was Eltern längst wissen und die Standesverbände reklamieren, räumt jetzt auch die Kassenärztliche Vereinigung ein. Sie fordert hessenweit 15 zusätzliche Stellen nebst Finanzierung von den Kassen.

An diesem Vormittag hat der Kinderarzt Burkhard Voigt 92 Kinder behandelt. „Ein ganz normaler Vormittag“, lautet der Kommentar des 59 Jahre alten Mediziners. Er hat seine Praxis im Stadtteil Bockenheim, die er wie jeden Tag um 8.30 Uhr aufgemacht und um 12 Uhr wieder abgesperrt hat. Das Wartezimmer war da noch nicht leer. Bis um 15 Uhr, wenn die Praxis erneut für zwei Stunden öffnet, hat er die letzten kleinen Patienten des Vormittags versorgt, Telefonate mit Labors und mit Eltern erledigt, Arztbriefe diktiert und einen Happen gegessen.

Burkhardt Voigt ist Inhaber einer der 52 Vertragsarztsitze für Kinder- und Jugendmedizin in Frankfurt. Hessenweit gibt es davon laut Kassenärztlicher Vereinigung 397. Mag sich erst einmal gut anhören. „Ist es aber nicht“, sagt Doktor Voigt. Weil 40 seiner Kollegen hessenweit und neun in Frankfurt nicht das machen, was er tagein, tagaus tut: die Grundversorgung sicherstellen, das heißt die gesetzlich vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchungen machen und für jedes Kind das Impf-Management, Husten behandeln, aufgeschlagene Knie versorgen, schwerkranke Kinder der richtigen Klinik zuweisen, Eltern beruhigen.

Kommentar zum Kinderarztmangel: Die Leidtragendend sind die Kinder

Zahl der Kinder steigt, Zahl der Kinderärzte stagniert

13 207 Kinder kamen im vergangenen Jahr in Frankfurt zur Welt

Kinderärzte, die all dies nicht machten, sagt Burkhard Voigt, seien Spezialisten geworden: Kinderkardiologen oder –endokrinologen. „Sie sind unverzichtbar“, betont Voigt. Bei der Bedarfsmathematik würden sie indessen nicht gesondert berücksichtigt. Nun steigt zwar die Zahl der Kinder in Frankfurt, nicht aber die Zahl der niedergelassenen Kinderärzte. Waren 2014 laut statistischem Jahrbuch noch 114 493 Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre, davon 8090 Neugeborene, zu versorgen, waren es 2017 bereits 123 746 Kinder und Jugendliche bis 17 Jahren, davon 13 027 Neugeborene. 2018 kamen sogar 13 207 Kinder zur Welt. Die gestiegene Zahl kleiner Patienten ist längst bei den Kinderärzten angekommen. Und hat Konsequenzen. „Ich lehne pro Quartal rund 150 Kinder ab“, sagt Voigt.  Was zum einen an seiner persönlichen Belastungsgrenze und der seines Praxispersonals liege, aber vor allem an den Vorgaben der Kassenärztlichen Vereinigung. „Maximal 50 Prozent darf der Kinderarzt mit Kassensitz mehr arbeiten, mehr bekommt er nicht vergütet“, so Voigt. Er behandele 1550 Kinder pro Quartal, rund 500 mehr als eigentlich vorgesehen. Mehr schafft er nicht. Bei den Kollegen, sagt Voigt, sehe es kaum anders aus. Und so geschieht nun etwas, was sonst selten ist: Der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte fordern nun die gesetzlichen Krankenkassen auf, das Geld für die Ansiedlung von mindestens 15 zusätzlichen Kinderarzt-Sitzen landesweit bereitzustellen.

Nicht akzeptabel

Kassenärztliche Vereinigung sieht bei Kinderarztmangel Handlungsbedarf im Ballungsraum Rhein-Main

Keine Lösung sei die vorgesehene Aufhebung der Bedarfsplanung für Kinder- und Jugendärzte, sagt Burkhard Voigt, der sich im Berufsverband der hessischen Kinder- und Jugendärzte engagiert. Solange kein zusätzliches Geld ins Honorarsystem fließe, werde der „kinderärztliche Honorarkuchen“ lediglich auf mehr Kinderärzte verteilt. Voigt: „Das ist völlig inakzeptabel.“

Während Nachrichten über Probleme bei der kinderärztlichen Versorgung an der Tagesordnung sind und sich Berichte über Aufnahmestopps, verzweifelte Eltern sowie am Limit arbeitende Ärzte häufen, hat die Kassenärztliche Vereinigung umfangreiche Analysen zur pädiatrischen Versorgung in Hessen vorgenommen. Sie sieht Handlungsbedarf nicht allein in den ländlichen Regionen, sondern auch im Ballungsraum Rhein-Main.

Neue Erkrankungen wie Stress-Kopfschmerzen und ADHS führen zu Mehrbedarf an Kinderärzten

Vor Spielzeugliegt auf einem Tisch ein ärztliches Untersuchungsheft. Foto: Frank May/Archiv

„Die Einflussfaktoren für den ausgewiesenen Mehrbedarf sind vielfältig“, sagt KV-Vorstandsmitglied Eckhard Starke. „Neben steigenden Geburtenzahlen sind die Ausweitung von Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, aber auch neue Erkrankungen wie Stress-Kopfschmerzen, ADHS oder psychosoziale Probleme zu nennen. Sicherlich spielt auch die immer weiter abnehmende Fähigkeit der Eltern, den Schweregrad von Krankheiten der Kinder richtig einzuschätzen, eine wichtige Rolle.“ 15 zusätzliche Sitze für Kinderärzte mit der entsprechenden Finanzierung, mit dieser Forderung geht die Kassenärztliche Vereinigung nun also in die Honorarverhandlungen mit den gesetzlichen Krankenkassen.

Von Sylvia A. Menzdorf

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