"Nicht nur kamen die Drogenabhängigen nicht mehr aus dem Viertel heraus, es wurden auch noch Menschen zusätzlich hineingeschwemmt", sagt Christine Henrichs vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten.
+
"Nicht nur kamen die Drogenabhängigen nicht mehr aus dem Viertel heraus, es wurden auch noch Menschen zusätzlich hineingeschwemmt", sagt Christine Henrichs vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten.

Über Not und Elend

Frankfurter Drogenszene: "Wie eine Psychiatrie unter freiem Himmel"

  • vonSarah Bernhard
    schließen

Seit mehr als 30 Jahren beobachtet Christine Heinrichs die Situation im Bahnhofsviertel. Unsere Redakteurin Sarah Bernhard sprach mit ihr über die Folgen des Lockdowns.

Frau Heinrichs, wie kommt es, dass Drogenabhängige, die ja eigentlich immer im Bahnhofsviertel leben, plötzlich als "Apokalypse" wahrgenommen werden?

Ich möchte etwas vorausschicken: Das Bahnhofsviertel in Frankfurt ist ein beliebter Ort für Menschen, die anders sind, weil es hier sowieso eine stärkere Durchmischung als in anderen Vierteln gibt. Es übernimmt also eine Kanalisierungsfunktion für die ganze Stadt. Das macht das Problem zwar nicht schöner, aber es verändert seine Dimension.

Situation im Frankfurter Bahnhofsviertel verschärft sich durch die Corona-Pandemie

Jetzt zur eigentlichen Frage: Ein großes Problem war, dass Institutionen außerhalb des Viertels, zum Beispiel Haftanstalten, zu Beginn der Corona-Pandemie viele Menschen entlassen haben oder Inhaftierungen nicht erfolgt sind. Auch Psychiatrien und Krankenhäuser waren sehr zurückhaltend mit der Aufnahme. Nicht nur kamen die Drogenabhängigen nicht mehr aus dem Viertel heraus, es wurden auch noch Menschen zusätzlich hineingeschwemmt.

Und weil kaum Passanten auf der Straße waren, breiteten sie sich aus?

Genau. Dieses Verhalten muss jetzt erst wieder verlernt werden. Auch die Nachbarn wollen hier ja leben, und für die ist es nicht zumutbar, immer über Leute steigen zu müssen.

Vor kurzem hat sich darüber auch eine Ärztin beklagt, die in der Taunusstraße wohnt. Sie sprach davon, dass die dortige Situation einer offenen Psychiatrie gleiche und "unerträglich und in der Konsequenz menschenverachtend" sei.

Da hat sie recht. Ordentliches Heroin hält ein paar Stunden, aber wer alles Mögliche durcheinander konsumiert, braucht teilweise alle halbe Stunde etwas Neues. Wenn er das nicht bekommt, ist er schnell körperlich nicht mehr funktionsfähig, weil er so starke Schmerzen hat. Wir haben quasi eine psychiatrische Intensivstation unter freiem Himmel. Aber dieses Wissen hilft nichts, wenn ein Mensch nicht kooperieren möchte. Auch für unsere Sozialarbeiter ist das extrem schwer aushaltbar. Wenn man zum Beispiel jemand sieht, der ein offenes Bein hat, denkt man sich: So schwer kann es doch nicht sein, das verbinden zu lassen! Aber für manche ist das nicht machbar.

Warum?

Wenn wir mit funktionierendem Verstand auf ein krankes Bein schauen, wissen wir: Wir müssen etwas tun. Wenn jemand mit einem beeinträchtigten Verstand darauf schaut, denkt er: Wenn es verbunden ist, kommt keine Luft hin, und dann heilt es nicht. Die Menschen nehmen nicht wahr, dass da schon Würmer rauskommen.

Ist das Gehirn dieser Menschen nicht eher drogenvernebelt als krank?

Drogenabhängigkeit ist eine schwerwiegende psychische Erkrankung. Dazu kommen oft noch weitere psychische Erkrankungen, etwa Depression, eine Persönlichkeitsstörung oder Schizophrenie.

Was können Sie für solche Menschen tun?

Mit Hartnäckigkeit, freundlicher Zugewandtheit und stetiger Ansprache an sie rankommen, eine Beziehung aufnehmen und ihnen immer wieder Versorgungsangebote machen. Das dauert Tage, Wochen, manchmal Jahre, weil sie niemanden mehr an sich heranlassen. Der Aufbau von Vertrauen braucht Zeit. Manchmal gelingt er nicht.

Wäre es für die Menschen nicht besser, sie zwangseinzuweisen?

Jede Intervention bedarf der Zustimmung der Person. Gegen deren Willen können wir nichts machen. Einwilligen können diese Menschen aber oft nicht, weil sie aufgrund der psychischen Erkrankung ihre Situation nicht realistisch beurteilen.

Normalerweise bekommt man dann doch einen gesetzlichen Betreuer.

Auch hier muss der Betroffene einwilligen. Tut er dies nicht, braucht es einen richterlichen Beschluss. Sobald eine Person sich aber äußern kann und sagt: "Brauche ich nicht!", wird es hier in Frankfurt keinen Richter geben, der ihr die Freiheit entzieht, um ihre vereiterten Beine verbinden zu lassen. Denn die Freiheit ist laut Grundgesetz das höchste Gut. In diesem Fall ist es eben die Freiheit, sich vergammeln zu lassen.

Wie kommt es eigentlich zu solchen schweren Suchterkrankungen?

Früher begann der Drogenkonsum oft schon in jungen Jahren. Am Anfang standen ein spannungsvolles, depressives oder überängstliches inneres Erleben oder extreme Pubertätsprobleme, mit denen die Jugendlichen nach dem Konsum besser zurechtkamen. Die passenden "Freunde" suchte man sich dann.

Und heute?

Heute konsumieren sehr viel weniger junge Menschen harte Drogen, Kinder mit psychiatrischer Diagnose werden früher erkannt. Ich sehe aber, dass die Anzahl der Personen mit schwerwiegender Abhängigkeit trotzdem seit Jahrzehnten gleichbleibt.

Wie kann das sein?

Die Menschen sind heute deutlich mobiler als früher. Früher kamen die Abhängigen aus der Stadt und dem nahen Umkreis, heute reicht das Einzugsgebiet bis Afghanistan und quer durch die EU.

Ist es dadurch schwieriger geworden, die Drogenabhängigen zu erreichen?

Das war schon immer schwierig. Ob afghanisch und schwer abhängig oder deutsch und schwer abhängig ändert nichts, die Krankheitstiefe ist die gleiche. Nur die Art des Werbens darum, das Leben zu verändern, ist durch die unterschiedliche Sprache und Kultur anders geworden.

Aber deutsche Drogensüchtige haben doch zumindest eine Krankenversicherung, Ausländer oft nicht.

Ja, wir hätten mehr Möglichkeiten für die Person, die krankenversichert ist. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie diese Möglichkeiten auch in Anspruch nehmen möchte. Es kommt allein darauf an, dass die Person sich ändern will.

Wie oft gelingt das?

Das kommt durchaus vor.

Kommen die Menschen eigentlich extra wegen des "Frankfurter Wegs"?

Nein, die Menschen kommen nach Frankfurt, weil es hier Drogen gibt. Dass sie bleiben und die Infrastruktur nutzen, ist ein nächster und auch guter Schritt. Deshalb stimmt es auch nicht, dass der "Frankfurter Weg" Drogensüchtige anzieht. Wenn sie hier stranden, sind die sozialen Strukturen an ihrem Heimatort sowieso schon zerfallen.

Bahnhofsviertel Frankfurt: Menschen halten Hilfe lange Zeit nicht für nötig

Es gibt in der Frankfurter Politik die Idee, im Umland Hilfseinrichtungen zu gründen, so dass die Menschen in ihrem Heimatort aufgefangen werden und nicht in Frankfurt landen.

Menschen, die abhängig sind, verlassen ihre Heimat dann, wenn der Führerschein weg ist, sie Arbeit und Wohnung verloren haben, sie es sich mit ihrer Frau und den Angehörigen verdorben haben oder wenn sie straffällig werden. Davor überwiegt das Gefühl, dass das alles doch gar nicht so schlimm ist. Bis dahin halten die Menschen Hilfe also gar nicht für nötig. Doch auch ein Konsumraum wäre aus Sicht der Betroffenen nur dann hilfreich, wenn es dort etwas zu konsumieren gäbe. Wenn die Politik nicht will, dass die Menschen ins Bahnhofsviertel kommen, müsste sie in den umliegenden Städten einen Drogenmarkt organisieren. Doch selbst dann böte Frankfurt deutlich mehr Anonymität.

Und was würde Ihrer Meinung nach wirklich helfen, um die Situation im Bahnhofsviertel zu verbessern?

Einerseits müssten wir Belastungsfaktoren ausschalten. Das Viertel ist zum Beispiel geflutet mit Alkohol. Natürlich ist es schön, wenn man als Hotelgast um die Ecke gehen und noch schnell eine Flasche Wein kaufen kann. Aber Alkohol ist eben auch eine Droge. Außerdem müsste eine vernünftige Infrastruktur geschaffen werden. Rund um die Uhr halten sich ganz viele, ganz verschiedene Menschen im Bahnhofsviertel auf, aber es gibt keine einzige öffentliche Toilette.

Übrigens auch in den Bordellen nicht, auch deren Besucher entleeren sich draußen. Diese Infrastruktur fehlt zwar in der ganzen Stadt, im Bahnhofsviertel wäre sie aber besonders nötig: Wir können zur Not eine Kaufhaustoilette benutzen. Drogenabhängige kommen nicht weiter als bis zur Security.

Stimmt wohl.

Und schließlich brauchen wir mehr Akzeptanz. Natürlich ist es nicht in Ordnung, kreuz und quer auf dem Bürgersteig rumzuliegen und das Privateste öffentlich zu erledigen. Alle müssen sich regelkonform verhalten, und wir arbeiten mit unseren Klienten daran. Jemanden zu respektieren heißt ja gerade, dass nicht alles in Ordnung ist, was die Person macht. Aber wir sollten den Einzelnen nicht daran messen, was er nicht kann, sondern sehen, dass hier ein Mensch in großer Not ist. Ich sage nicht, dass wir Verständnis aufbringen müssen. Aber jeder sollte sich bewusst sein: Wenn diese Menschen wählen könnten, würden sie ihr Leben so nicht führen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare