Von 1965 bis 1982 war Walter Adlhoch Stadtpfarrer und Stadtdekan in Frankfurt. 1977 erhielt er die Goetheplakette. Nun, 35 Jahre nach seinem Tod, werden schwere Vorwürfe gegen ihn publik.
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Von 1965 bis 1982 war Walter Adlhoch Stadtpfarrer und Stadtdekan in Frankfurt. 1977 erhielt er die Goetheplakette. Nun, 35 Jahre nach seinem Tod, werden schwere Vorwürfe gegen ihn publik.

Missbrauch

Frankfurt: Der ehemalige Stadtdekan Walter Adlhoch soll ein Mädchen vergewaltigt haben

  • vonSylvia Amanda Menzdorf
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Gegen den 1985 verstorbenen ehemaligen Frankfurter Pfarrer und Stadtdeken Walter Adlhoch werden posthum schwere Vorwürfe publik. Der Wohlfahrtsverband Caritas hat deshalb nun eine seiner Einrichtungen umbenannt.

Frankfurt – Das bislang makellose Bild des früheren Frankfurter Stadtdekans Walter Adlhoch bekommt 35 Jahre nach dessen Tod hässliche Risse. Der katholische Geistliche steht im Verdacht, im Jahr 1979 ein Mädchen vergewaltigt zu haben.

Im Mitte Juni vom Bistum Limburg vorgelegten Abschlussbericht zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch ist dieser Fall dokumentiert. Er berichtet von einer Frau, die 2011 dem externen sogenannten "Missbrauchsbeauftragten" des Bistums ihr Schicksal zu Protokoll gegeben hatte.

Frankfurt: Missbrauchsvorwürfe gegen ehemaligen Stadtdekan - In Vorbereitung auf die Kommunion

Sie sei seinerzeit im Vorbereitungsunterricht auf ihre Erstkommunion dem damaligen Frankfurter Stadtpfarrer Adlhoch begegnet. Nach den Unterweisungen habe sie der Geistliche in sein Büro oder in die Sakristei mitgenommen, wo es offenbar zu Übergriffen kam. Im Bericht sind die Vorfälle so verzeichnet: "Zunächst habe es mit Streicheln begonnen, dann habe sie ihn berühren müssen. Die Übergriffe seien mit der Zeit immer intensiver geworden bis zum Oralverkehr und auch einmaligem Geschlechtsverkehr."

"Die Daten dieses Falles in der Abschlussdokumentation lassen den Schluss zu, dass es sich bei dem Beschuldigten um Walter Adlhoch handelt, auch wenn der Bericht keine Klarnamen enthält", stellt dazu der Caritasverband Limburg fest.

Die Wohlfahrtsorganisation hat ihre Facheinrichtung für Wohnungslose nach Walter Adlhoch benannt. Das Walter-Adlhoch-Haus in Limburg besteht seit 1988. Aufgrund der neuen Erkenntnisse hat sich der Vorstand des Verbandes nun dazu entschlossen, unverzüglich den Namen zu tilgen und die Einrichtung umzubenennen. "Was wir durch die Veröffentlichung erfahren haben, hat gerade auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtung sowie den Vorstand zutiefst erschüttert", sagt dazu Pfarrer Andreas Fuchs, Vorstandsvorsitzender des Caritasverbandes Limburg.

Frankfurt: Nach Vorwürfen gegen ehemaligen Stadtdekan - Zutiefst erschüttert

"Auch wenn es keine Verurteilung des Beschuldigten gab, war für uns klar, dass wir, selbst wenn wir theoretisch nur von einem Verdacht sprechen können, diese Einrichtung umbenennen", erläutert Pfarrer Fuchs.

Die Entscheidung zur Umbenennung durch den Vorstand des Verbandes sei am 19. Juni erfolgt. Ein neuer Name soll gefunden werden, bis dahin wird die Einrichtung "Caritas-Wohnungslosenhilfe im Bezirk Limburg" heißen.

Walter Adlhoch starb 1985 bei einem Autounfall. Da war er schon drei Jahre im Ruhestand und lebte in Limburg.

Frankfurt: Ehrenplakette von Stadt verliehen – Aberkennung nach schweren Anschuldigungen?

Adlhoch wurde am 6. Juni 1913 in Frankfurt geboren. Von 1965 bis 1982 war er Stadtpfarrer und Stadtdekan seiner Geburtsstadt. Die Stadt Frankfurt war immer überaus stolz auf ihren Sohn. 1977 erhielt der damals 64-jährige Adlhoch gar die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt, die verliehen wird an Persönlichkeiten, die durch ihr Wirken dazu beigetragen haben, das Ansehen der Stadt zu mehren.

Ob die Stadt Frankfurt dem nun schwer belasteten Kleriker das Ehrenzeichen posthum aberkennen könnte, war am Dienstag (07.07.2020) nicht zu erfahren. Eine Nachfrage im Büro des Oberbürgermeisters blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Noch 2013, fast 30 Jahre nach Adlhochs Tod, gedachten Frankfurter Politiker, Nachfolger und Zeitzeugen bei einer Soirée im Haus am Dom des 100. Geburtstags des früheren Stadtdekans. Als "wuchtige Persönlichkeit" wurde er skizziert und man fragt sich mit dem Wissen von heute, ob sich diese Beschreibung bloß auf sein äußeres Erscheinungsbild, seine Art des Auftretens bezog oder womöglich auch auf die Neigung zu massiven Übergriffen auf Schwache und Schutzbefohlene.

Vorwürfe gegen ehemaligen Frankfurter Stadtdekan: Platz in Sachsenhausen hat einen anderen Namensgeber

Es wurden bei jener Feierstunde Anekdoten und Aperçus präsentiert, der Jubilar als "geradlinig, humorvoll, mit starkem Gerechtigkeitssinn gesegnet" gepriesen. Ein fast liebevolles Bild soll der ehemalige Frankfurter Stadtkämmerer Ernst Gerhard (99) seinerzeit vom Jubilar gezeichnet haben. Auch aus Adlhochs Buch mit dem beziehungsreichen Titel "Zwischen Dom und Rathaus" zitierte die Runde. Man darf annehmen, dass dies die letzte Gedenk- und Feierstunde für den früheren Stadtdekan war.

Dass angesichts der jüngsten Erkenntnisse über Walter Adlhoch der in Sachsenhausen gelegene Adlhochplatz umbenannt werden müsste, ist übrigens nicht zu erwarten. Dessen Namensgeber ist nämlich Hans Adlhoch (1884-1945), ein Widerstandskämpfer. Hans Adlhoch leitete von 1919 an das Sekretariat der Katholischen Arbeiterbewegung in Augsburg, und starb an den Folgen des Aufenthaltes im Konzentrationslager Dachau. Der Platz zwischen Textor-und Brückenstraße erinnert an ihn. (Von Sylvia A. Menzdorf)

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