Seelenschmeichler

Frankfurt: Ein Hoffnungsschimmer in dunkler Zeit

  • Julian Dorn
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Schausteller ziehen eine gemischte Zwischenbilanz des Weihnachtsmarkts

Frankfurt -Wie die Geschäfte laufen? Josef Lindner schüttelt den Kopf. "Fragen Sie nicht". Der Tiroler vom Wilden Kaiser kommt seit 2009 auf den Weihnachtsmarkt und verkauft seine Murmeltiersalben, Seifen und Cremes. Doch viel geht im Moment nicht über die Auslage seines Stands am Paulsplatz. "Es ist deutlich weniger los als vor zwei Jahren." Lindner ist froh, wenn er auf 60 Prozent seines Umsatzes von 2019 komme.

Auch Thomas Roie weiß, dass der diesjährige Weihnachtsmarkt nicht an das Rekordjahr 2019 anknüpfen wird. "Wir rechnen mit 40 bis 60 Prozent des Umsatzes von vor zwei Jahren", sagt der Vorsitzende des Schausteller-Verbands Frankfurt-Rhein-Main. Die Beschicker seien schon froh, wenn sie am Ende keinen Verlust machten. Vor allem Touristen fehlten. Vor Corona betrug der Anteil ausländischer Touristen laut Tourismus und Congress GmbH (TCF) etwa 15 bis 20 Prozent, jetzt seien es nicht mehr als 5 Prozent. Der Anteil der Tagestouristen habe sich von 40 auf 20 Prozent halbiert. Viele Arbeitnehmer, die normalerweise nach Feierabend noch die Glühweinstände bevölkern, seien im Home Office.

Dass der Markt dieses Jahr überhaupt stattfindet, sei für die 110 Schausteller, die im Verband organisiert sind, dennoch immens wichtig, sagt Roie. Es seien auch alle auf dem Markt vertreten - trotz höherer Kosten für Hygiene und möglicherweise geringerem Ertrag. "Das ist unser Kerngeschäft, darauf kann niemand verzichten, trotz des Risikos." Immerhin erwirtschaften die Beschicker in den Wochen zwischen dem 22. November und dem 22. Dezember etwa 50 Prozent ihres Jahreseinkommens. In den vergangenen Monaten hat er gemeinsam mit Gesundheitsamt und TCF deshalb immer wieder über einem Hygiene-Konzept gebrütet.

Besucher sind diszipliniert

Weniger Stände auf größerer Fläche, 2 G-Bereiche, Maskenpflicht: All das soll helfen, um Corona-Infektionen auf dem Weihnachtsmarkt zu verhindern. Bislang hielten sich die meisten Besucher an die Regeln, so Roie. Auch die Polizei zieht eine positive Zwischenbilanz.

Roie ist erleichtert, dass die Stadt sich überhaupt darauf eingelassen hat. Die Stadtpolitiker wüssten um die Bedeutung des 1200 Jahre alten Erwerbszweigs der Schausteller und betrachteten die Volksfeste und Weihnachtsmärkte nicht als entbehrlich, sondern als "unverzichtbare Kulturgüter", sagt Roie. Die Existenz vieler Schaustellerbetriebe hänge daran, auch seine eigene. Roie stammt aus einer Schausteller-Dynastie. In der fünften Generation betreibt die Familie Verkaufsstände und Fahrgeschäfte. Ein Leben auf Achse - 330 Tage pro Jahr, von morgens acht bis Mitternacht.

Doch für eineinhalb Jahre stand für Roie - wie für alle 8000 Schausteller in Deutschland - das Leben still. Die Ungewissheit sei am Schlimmsten gewesen, erzählt er. In den vergangenen 50 Jahre habe seine Familie in Stände und Fahrgeschäfte etwa 18 Millionen Euro investiert. "Lange Zeit wusste keiner, ob diese Investitionen noch mal ihren Ertrag bringen würden." Jetzt gehe es aufwärts, wenn auch langsam.

Rasant steigen dafür vielerorts die Inzidenzen, Intensivstationen sind überlastet. Die Weihnachtsmärkte in Bayern und Sachsen wurden deshalb abgesagt. Unverantwortlich und ein verheerendes Signal sei es, dass die Frankfurter auf den Markt beharrt hätten, so der Tenor mancher Gegner. Eine Frankfurterin hatte gar eine Petition ins Leben gerufen, um den Markt zu verhindern (wir berichteten). Die falsche Zeit für Glühwein? Roie hält die Entscheidung für vertretbar. Die Veranstaltung finde im Freien statt, wo das Infektionsrisiko geringer sei. "Wir haben für größtmögliche Sicherheit gesorgt. Ein Besuch in der Stammkneipe ist da wahrscheinlich gefährlicher."

In München bleibe der Viktualienmarkt geöffnet, während ein Weihnachtsmarkt mit Eingangsschleusen und 2 G nicht stattfinden dürfe. "Das kapiere ich nicht", sagt Roie. Wenn Weihnachtsmärkte an der frischen Luft abgesagt werden, treffen sich die Leute eben zu Hause, wo das Infektionsrisiko höher sei als auf "professionell durchgeführten Weihnachtsmärkten in kontrollierter Umgebung", gibt Roie zu Bedenken.

Es gebe sogar eine "Pflicht, den Markt durchzuführen", sagt der Verbandschef, "auch wegen des Rattenschwanzes, der daran hängt". Damit meint er nicht nur seine Zunft, sondern auch Hotellerie, Gaststätten, Bäckereien und Taxi-Unternehmen, die vom Weihnachtsmarkt profitieren. Die TCF schätzt, dass Einzelhandel, Nahverkehr und Gastronomie vor der Pandemie im Zusammenhang mit dem Weihnachtsmarkt einen zusätzlichen Umsatz in zweistelliger Millionenhöhe machten.

Das dürfte dieses Jahr anders werden. Auch Klaus Müller, der Holzspielzeug aus der Rhön verkauft, ist froh, wenn er am Ende keinen Verlust macht. Ob er es deshalb bereue, seinen Stand wiederaufgebaut zu haben? "Keineswegs", betont er. "Das schenkt uns Zuversicht nach einer schweren Zeit."

Und auch Roie meint: "Der Markt soll dieses Jahr gar nicht unbedingt ein Magnet für die Massen sein." Er hofft, dass vom Weihnachtsmarkt ein Signal ausgeht - ein positives, selbst wenn Gewinne vielleicht ausbleiben. Für die Besucher sei es ein Hoffnungsschimmer in dunkler Zeit. Gerade jetzt bräuchten die Menschen "etwas Lebensfreude", ist Roie überzeugt. Er hofft, dass der Weihnachtsmarkt nicht noch vorzeitig abgebrochen werden muss - und erinnert daran, dass Schausteller kein Ausbildungsberuf sei, sondern Familientradition. "Für den, der die Krise nicht übersteht, gibt es keinen Ersatz." Julian Dorn

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