Umweltdezernentin Rosemarie Heilig.
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Umweltdezernentin Rosemarie Heilig.

Interview

Frankfurt: „Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit“

  • vonAnna Grösch
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Frauendezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) über die Rückkehr zu alten Rollenmustern während der Corona-Krise.

Frauen sind die Verlierer der Corona-Krise. Oft sind sie es, die mit den Kindern zu Hause bleiben, weil diese momentan noch nicht wieder in die Kita oder die Schule gehen können. Unsere Volontärin Anna Grösch sprach mit Frauendezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) über die Rückkehr zu veralteten Rollenmustern, schlechtbezahlte Berufe, Gleichberechtigung und häusliche Gewalt.

Frau Heilig, ist diese Krise eine Krise der Frauen?

Ja. Wenn man sich so anschaut, wer in dieser Krise welche Aufgaben übernimmt, sieht man das. Wer bleibt zu Hause mit den Kindern, wer macht das Homeschooling, wer pflegt die Angehörigen? Natürlich gibt es auch Männer, die all das tun. Aber es sind doch wieder mehrfach Frauen, die eigentlich berufstätig sind und jetzt zu Hause bleiben, während die Männer arbeiten gehen.

Die Krise wirft uns also zurück in alte Geschlechterrollen, von denen man glaubte, dass diese schon überwunden seien. Woran liegt das?

Das liegt zum größten Teil daran, dass Frauen immer noch nicht so gut bezahlt werden wie Männer, selbst in gleichen Jobs. Das durchzieht alle Branchen. Wir wissen vom Equal-Pay-Day, dass Frauen immer noch zwischen 20 und 25 Prozent weniger verdienen, als ihre Kollegen im gleichen Beruf. Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Das führt dann dazu, dass der Mann der bessere Verdiener der Familie ist und die Frau zu Hause bleibt. Der zweite Punkt ist, dass Frauen öfter in die Berufe gehen, in denen auch weniger verdient wird.

In Pflegeberufen sind überdurchschnittlich viele Frauen tätig.

Das sind Berufe, in denen leider immer noch viel zu wenig bezahlt wird. Vielleicht führt die Corona-Krise ja dazu, dass die Pflegerinnen in Heimen, Praxen und Krankenhäusern endlich zu einem Gehalt kommen, das sie verdienen. Ich bin dafür, dass sie so viel verdienen sollten wie Lehrerinnen.

Wieso gerade Lehrerinnen?

Die Berufe sind ähnlich konzipiert. Erzieherinnen bekommen viel zu wenig Geld für diese Berufe. Lehrerinnen und Lehrer verdienen dann schon besser. Sie bekommen mehr Anerkennung und kümmern sich um eine gesellschaftliche Aufgabe. Wer in Heimen und Krankenhäusern arbeitet, sollte ihnen gleichgestellt sein.

In Gesundheits- und Pflegeberufen herrschen teils prekäre Verhältnisse. Was tut die Stadt denn für diese Menschen? Will man nach der Corona-Krise nachbessern?

Wir m��ssen schauen, dass auch Frauen in die Führungsrolle kommen und wir müssen in unseren eigenen Krankenhäusern besser bezahlen. Wir suchen händeringend Pflegerinnen und Pfleger. Wir haben eine Krankenpflegeschule in Höchst. Ich wollte dort eine Pflege GmbH gründen, um den Angestellten mehr zahlen zu können. Das hat im Aufsichtsrat aber keine Mehrheit gefunden. Der ist übrigens männlich dominiert. Das ist dieses dicke Brett, was wir in allen Bereichen haben. Und es sind immer wieder die Krisensituationen, wie jetzt Corona, die deutlich machen, dass wir erst wenig erreicht haben.

Frauen gehen also öfter in Berufe, die sozial sind und übernehmen auch eher die Pflege. Diese gesellschaftlichen Mechanismen haben sich über Jahrhunderte verfestigt. Wo kann man da ansetzen?

Es gibt mittlerweile mehr Frauen, die in technische Berufe gehen, und Hochschulabsolventinnen haben durchschnittlich bessere Abschlüsse als ihre männlichen Kommilitonen. In den Pflegeberufen ist es immer noch so, dass das eine klassische Frauenrolle ist. Das liegt mit Sicherheit an der Erziehung, aber es liegt natürlich auch daran, dass das in der Familie gelernt wird. Welche Vorbilder habe ich denn im Kindergarten? Das sind zum allergrößten Teil Frauen. Zu Hause? Meine Mutter oder meine Oma.

Glauben Sie, dass wir nach dieser akuten Pandemie Nachwirkungen erleben werden, die uns als Gesellschaft zurückwerfen? Machen Sie sich da Sorgen?

Ja, und zwar genau darüber. Ich mache mir Sorgen, dass Frauen, die es in ihren Beziehungen und Strukturen geschafft haben, vor Corona eine gleichberechtigtere Rolle zu haben, nun eher wieder die klassische Rolle einnehmen. Kochen, waschen, Haushalt: Es ist leider oft ein ziemlicher Kampf, das mit seinem Partner zu teilen. Wenn man etwas einfordert, gilt man als Zicke.

Haben Sie das so erlebt?

Ich bin als Studentin selbst in einer WG mit zwei Männern gewesen. Ich war zwar die Frau, aber dort habe ich erlebt, dass ich eben nicht in so eine Rolle gedrängt wurde. In meiner ersten Beziehung war das anders. Für meinen Freund war klar, dass ich einkaufen gehe und das Abendessen mache. Das habe ich nicht gemacht und das führte prompt zum Streit. Wir Frauen müssen uns wehren. Dann sind wir halt Zicken.

Vielen Männern ist wahrscheinlich nicht bewusst, dass sie andere Privilegien genießen, als ihre Partnerinnen. Müssen Männer sich da hinterfragen?

Es ist an den Männern, ihre Haltung zu ändern und es ist an den Frauen, das immer wieder einzufordern. Das ist der Kampf, den wir seit mehr als 100 Jahren führen, und er ist lange nicht vorbei.

Was muss sich ändern?

Es fängt ja damit an, in welcher Rolle ich als Mann bin. Was wir im Beruf beobachten, ist das "Thomas-Prinzip". Gleiche suchen Gleiche aus. Der Thomas sucht Thomas aus und nicht die Maria. Das ist eine über viele Jahrhunderte fundierte Rollenverteilung. Die Frauen, die es in eine Führungsposition geschafft haben, sind aufgefordert, Frauen eine Chance zu geben.

Was wird denn in Frankfurt getan, um die Chancen zu steigern?

Es muss eine Quote geben, in allen Bereichen. Wir haben jetzt in unserem Wahlprogramm gesagt, dass in die planenden Dezernate zu 50 Prozent Frauen rein müssen. Es gibt viele Architektinnen. Ich als zuständige Dezernentin bin aufgerufen, Frauen die Chance zu geben, wenn es freie Stellen gibt. Man muss sie suchen, sie ansprechen, ihnen Mut machen. Man muss natürlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf dort auch mitberücksichtigen.

Warum muss man ihnen Mut machen und den Männern nicht?

Ich erlebe in Bewerbungsgesprächen immer wieder, dass Männer sagen: "Ich kann das alles." Frauen zweifeln eher. Wir müssen sie ermutigen, das Thomas-Prinzip muss endlich durchkreuzt werden. Und das liegt an uns Frauen selbst: Wenn wir es geschafft haben, müssen wir andere unterstützen .

Im privaten sind Frauen häufiger von Gewalt in der Partnerschaft betroffen. Mitte April sagten Sie, dass die Lage in den Frankfurter Frauenhäusern sich in den kommenden Monaten der Krise dramatisch verschärfen wird. Hat sich das bewahrheitet? Wie sind die Kapazitäten in den Frauenhäusern?

Wir haben 25 zusätzliche Appartements in Wartestellung gebracht, Hotelzimmer, in denen man selbst kochen kann. So haben wir, falls wir vermehrt Hilferufe von Frauen bekommen, die Möglichkeit, schnell zu reagieren. Ich möchte die Frauen ermutigen, sich mit diesem Schmerz und diesem Leid, die sie in den Familien erfahren, anzuvertrauen: Freundinnen, aber auch unseren Beratungsstellen. Wir können helfen.

Sind die Zahlen denn hochgegangen? Gibt es einen Trend?

Nein, wir haben immer noch keinen Trend, der das bestätigen würde. Ich bin immer aufmerksam, was in anderen Städten oder in anderen Ländern los ist. Ich kann das für Frankfurt im Moment noch nicht bestätigen. Zuzugeben, dass man geschlagen worden ist oder die Kinder geschlagen worden sind, ist eine wahnsinnige Krise. Wenn der Mann dann geht, dann ist oft der Ernährer weg. Dann beginnt eine ganz neue Situation. Und diesen Schritt zu machen, in welcher Krisenzeit auch immer, ist schwierig. Den Mut dazu fassen Viele auch erst Monate später. Momentan sind die Frauenhäuser nicht voller als sonst, und auch die Reserveplätze brauchen wir noch nicht.

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