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Die Not wächst. Und weil die Coronaregeln auch für Drogenabhängige und Obdachlose gelten, drängt die Pandemie noch mehr von ihnen auf die Straße, als dort ohnehin schon sind. Auf Einladung der Grünen diskutierten jetzt Experten und Anwohner über Lösungen. foto: Boris Roessler (DPA)

Lockdown

Frankfurt: Einen Frankfurter Weg 2.0 gefordert

  • vonGernot Gottwals
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Die Diskussion über die Zukunft des Bahnhofsviertels in Zeiten der Pandemie geht weiter. Immer mehr Obdachlose und Drogensüchtige bestimen das Straßenbild. Und es gibt viel Kritik an Bundesvorgaben.

Der zweite Lockdown ist im Viertel angekommen: Weniger Reisende und Geschäftsleute, zurück bleiben die Anwohner mit Drogenabhängigen und Obdachlosen, die das Straßenbild bestimmen. "Der Winter wird hart, da durch Corona nur noch wenige Bedürftige Zugang zu den Innenräumen der Hilfeeinrichtungen erhalten", befürchtet die Humangeografin Luise Klaus. "Das Miteinander war hier noch nie ungetrübt, aber gerade nun muss das Zusammenleben so geregelt werden, dass das Bahnhofsviertel weiterhin allen gehört", sagt Petra Thomsen, Sprecherin der Grünen im Ortsbezirk 1 (Altstadt, Bahnhofsviertel, Europaviertel, Gallus, Gutleutviertel, Innenstadt). In der Online-Diskussion "Grün hört zu - Bahnhofsviertel für alle" suchten Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) und rund 30 weitere Teilnehmer nach Lösungen.

Zürich bleibt ein Vorbild

Dabei zeigte sich schnell, dass Zürich ein Vorbild für die Fortsetzung des Frankfurter Wegs sein könnte, der jedoch bei erleichterten Regelungen zum Umgang mit illegalen Drogen von entscheidenden Weichenstellungen in Berlin abhängt. Großen Zuspruch fanden zudem Forderungen nach einem verkehrsberuhigten oder sogar autofreien Quartier.

"Wir haben pro Jahr in den Konsumräumen des Bahnhofsviertels rund 200 000 Abhängige", erläuterte Heinz Stöver, Professor für wissenschaftliche Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences. Wenigstens ein Konsumraum sollte 24 Stunden lang geöffnet sein. Und Frauen bräuchten dort einen eigenen Raum.

"In einer großen Gefahr sind Konsumenten, die nach einer Haftstrafe mit etwas Geld entlassen werden und ohne Perspektiven schnell wieder in der Drogenszene ankommen", so Stöver. Die meisten Beleidigungen und sexuellen Übergriffe gingen im Bahnhofsviertel jedoch von alkoholisierten Männern aus.

Für eine gemeinsame Planung zur Abhilfe gegen fehlende Mülltonnen und Toiletten für starke Alkoholkonsumenten sprach sich auch Jürgen Klee aus, Fachleiter Drogen der Aidshilfe-Einrichtung La Strada. "Seit 1991, als wir in Frankfurt 141 Drogentote zu beklagen hatten, hat sich diese Zahl pro Jahr auf etwas 20 bis 25 eingependelt", berichtete er. Die insgesamt vier Drogenkonsumräume reichten kaum aus, da solche Räume in anderen hessischen Großstädten fehlen und erst wieder in Köln oder Saarbrücken zu finden seien.

Dealer von der Straße holen

Um die häufig mit Übergriffen verbundenen Drogengeschäfte auf der Straße zu unterbinden, fordert Klee so genannte Kleindeals auch in den Konsumräumen zuzulassen, was in der deutschen Gesetzgebung zu regeln sei. Von Zürich könne man vor allem lernen, unter dem Motto "Housing first" die Drogenabhängigen in leerstehenden Wohnungen oder Hotels unterzubringen. "Das Bahnhofsviertel braucht mehr Imagepflege. Der Frankfurter Weg war gut und richtig, nun brauchen wir einen Frankfurter Weg 2.0 mit einer Dezentralisierung und Ausweitung der Therapiemöglichkeiten", so Nazim Alemdar, Inhaber des Kultkiosks Yok Yok in der Münchener Straße. Der Chronist Oskar Mahler und die Pensionswirtin Hannelore Kraus charakterisierten das Bahnhofsviertel als Stadtteil unerfüllter Konzepte, das die Drogen- und Rotlichtprobleme im Einklang mit dem benachbarten Gutleutviertel lösen müsse.

"Um den Problemen in der Corona-Krise zu begegnen, haben wir verstärkt Masken und Hygieneartikel ausgegeben, ein Hotel zur Unterbringung von Obdachlosen angemietet und wollten eine weitere niedrigschwellige Ambulanz einrichten", erklärte Gesundheitsdezernent Majer. Die Ambulanz sei am Einspruch der Kassenärztlichen Vereinigung gescheitert, die Kapazitäten im Bahnhofsviertel seien ausreichend. "Der Frankfurter Weg bleibt dynamisch, aber der Mühlstein ist die Bundespolitik." got

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