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Frankfurt: Engagement im Kolonialverein ist ein Makel Miquels

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Von: Julia Lorenz

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Johannes von Miquel, hier in einem Bild von 1893, war von 1880 bis 1890 Oberbürgermeister von Frankfurt. Seine kommunalpolitischen Leistungen sind unumstritten. FOTO: max koner
Johannes von Miquel, hier in einem Bild von 1893, war von 1880 bis 1890 Oberbürgermeister von Frankfurt. Seine kommunalpolitischen Leistungen sind unumstritten. © Max Koner

Historiografische Untersuchung über das Wirken des ehemaligen Stadtoberhauptes steht noch aus

Frankfurt -Der Magistrat will historisch belastete Straßennamen und Denkmäler im öffentlichen Raum überprüfen. "Die Zielvorstellung ist, zu klären, ob und welche Personen, die als Namenspatronen agieren, Bezüge zur Kolonialgeschichte oder zum Nationalsozialismus aufweisen und ob sie durch rassistische und antisemitische Handlungen aufgefallen sind", teilte Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) jetzt mit. Das Kulturamt habe bereits einen entsprechenden Forschungsauftrag vergeben.

Damit reagiert die Stadträtin auf eine schriftliche Anfrage der Stadtverordneten Anna Nguyen (AfD), die wissen wollte, wie der Magistrat die Lebensleistung von Johannes von Miquel, Oberbürgermeister in Frankfurt von 1880 bis 1890, für die Stadt bewertet und wie die Stadtregierung zu Überlegungen einer Umbenennung der Miquelallee steht.

Zur Erinnerung: Kürzlich hat Emre Telyakar, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Römer, die Frage aufgeworfen, ob Johannes von Miquel noch als Namenspatron taugt und man die an ihn erinnernde Straße nicht lieber umbenennen sollte. Damit wolle er die Leistungen Miquels für die Stadt nicht in Abrede stellen. Telyakar stört sich aber daran, dass Miquel Gründungsmitglied des Deutschen Kolonialvereins war.

Möglicherweise droht aber nicht nur der Miquelallee eine Umbenennung. Jüngst hat die Römer-Koalition aus Grünen, SPD, FDP und Volt einen Antrag zu Rassismus und Kolonialismus vorgelegt, der neben der Verurteilung rassistischer Begriff auch eine Auflistung von Plätze- und Straßennamen mit Bezug zum Kolonialismus fordert. Durch Plaketten, QR-Codes oder ähnlichem solle sich kritisch damit auseinandergesetzt werden. In "besonders drastischen Fällen" könne eine Umbenennung erwogen werden. Der Antrag soll in der kommenden Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am 31. März verabschiedet werden.

Umbenennungen von Straßen sind allerdings "grundsätzlich erst einmal unzulässig", wie es im Leitfaden zur Straßenbenennung in Frankfurt heißt und worauf Kulturdezernentin Ina Hartwig jetzt auch hinweist. Denn sie können zu "Unannehmlichkeiten und Belastungen für die Anlieger führen". In dem Leitfaden heißt es weiter: "Eine Umbenennung ist nur dann ausnahmsweise zulässig, wenn dies aus Gründen der besseren Orientierung geboten ist oder wenn neue historische Bewertungen ergeben, dass die Person, nach der die Straße benannt ist, gegen die des Leitfadens beschriebenen Kriterien verstoßen hat." Benennungen nach Personen, die Ziele, Handlungen oder Wertevorstellungen verkörpern, die dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland oder der Verfassung des Landes Hessen zuwiderlaufen oder dem Ansehen der Stadt Frankfurt schaden, seien nämlich unzulässig.

Präzedenzfall in Sachsenhausen

So hat der Ortsbeirat 5 (Niederrad, Oberrad, Sachenhausen) etwa vor gut einem Monat beschlossen, dass der Adlhochplatz in Sachsenhausen umbenannt werden und künftig an die von den Nationalsozialisten ermordete jüdische Journalistin und Schriftstellerin Martha Wertheimer erinnern soll. Dem ehemaligen Frankfurter Stadtdekan Walther Adlhoch, der bei einem Autounfall ums Leben kam, wird vorgeworfen 1979 ein Mädchen vergewaltigt zu haben. Die Vorwürfe wurden 2020 durch einen Bericht des Bistums Limburg öffentlich.

Im Falle von Johannes von Miquel weist die Kulturdezernentin jedoch darauf hin, dass er zu den "bedeutendsten Kommunalpolitikern seiner Zeit" zählte, da er 1890 von Kaiser Wilhelm II. als preußischer Staats- und Finanzminister von Frankfurt nach Berlin berufen wurde. In seiner Zeit als Stadtoberhaupt in Frankfurt wurden der Hauptbahnhof, der Westhafen und die Kläranlage in Niederrad gebaut. Vor allem zeichnete sich Miquel aber für die Sanierung der städtischen Finanzen aus. "Frankfurt dankte ihm den Einsatz zum Wohle der Stadt mit der Verleihung des Ehrenbürgerrechts und mit einer Ehrengrabstätte auf dem Hauptfriedhof", so Hartwig.

Gleichwohl nennt die Stadträtin Miquels Beteiligung an der Gründung des "Deutschen Kolonialvereins" Ende 1882 und seine Übernahme der Vizepräsidentschaft "aus heutiger Sicht einen Makel". "Eine weitergehende historiografische Untersuchung des Themenkomplexes steht jedoch noch aus", so Hartwig. Es mangele sowohl an einer zeitgemäßen Biografie des Oberbürgermeisters als auch an einer aktuellen Monografie zur Geschichte der umstrittenen Vereinigung. "Ohne eine solche wissenschaftliche Expertise ist dem Magistrat eine profunde Einschätzung von Miquels Engagement im Kolonialverein nicht möglich", teilt die Dezernentin weiter mit. "Der Magistrat strebt eine grundlegende geschichtswissenschaftliche Einschätzung an, um eine profunde Grundlage für entsprechende politische Debatten und Entscheidungen zu schaffen." Nun bleibt aber zunächst einmal das Ergebnis des angestoßenen Prozesses abzuwarten. Die Kulturdezernentin: "Eine Diskussion über Einzelfälle scheint daher zum jetzigen Zeitpunkt wenig sinnvoll." julia Lorenz

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