Leif Niklas Wulf hat von hier aus den ganzen Hauptbahnhof im Blick. Der Manager kümmert sich um alles, was die in normalen Zeiten 500 000 Fahrgäste betrifft. Unlängst musste er Hunderte Bälle beseitigen. foto: leonhard hamerski
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Leif Niklas Wulf hat von hier aus den ganzen Hauptbahnhof im Blick. Der Manager kümmert sich um alles, was die in normalen Zeiten 500 000 Fahrgäste betrifft. Unlängst musste er Hunderte Bälle beseitigen.

Porträt

Frankfurt: Er macht im Job einen ganz großen Bahnhof

  • vonBrigitte Degelmann
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Leif Niklas Wulf managt seit Anfang dieses Jahres Frankfurts Schienen-Drehkreuz

Frankfurt -Wie ein normaler Arbeitstag bei ihm aussieht? Bei dieser Frage muss Leif Niklas Wulf kurz überlegen. Denn den typischen Berufsalltag gebe es bei ihm eigentlich nicht, sagt er dann: "Mein Job ist einer der vielfältigsten bei der Deutschen Bahn." Das will etwas heißen, schließlich beschäftigt der Konzern rund 300 000 Mitarbeiter. Darunter den 41-jährigen gebürtigen Schleswig-Holsteiner, der seit Anfang Januar eine besondere Position innehat: Er managt den Frankfurter Hauptbahnhof.

Kleine Probleme, große Wirkung

Eine Stelle mit großer Verantwortung, wie Zahlen belegen. Im Hinblick auf die Fläche ist dieser Knotenpunkt mit seinen 25 Hauptgleisen eine der größten Bahnstationen Europas und auch wegen seiner zentralen Lage von großer Bedeutung. "Was hier passiert, kann Auswirkungen auf den Schienenverkehr in anderen Teilen Deutschlands haben", sagt Wulf. Vor Corona wurde der Hauptbahnhof pro Tag von knapp 500 000 Menschen frequentiert - was im deutschlandweiten Vergleich Platz zwei hinter Hamburg bedeutet. Jetzt, während der Pandemie, dürften es immer noch Zehntausende sein, die täglich durch die Hallen und Gänge sowie über die Bahnsteige hasten.

Kaum einer von ihnen macht sich vermutlich Gedanken darüber, wie dieses Gebilde namens Hauptbahnhof tagtäglich funktioniert. Von der Sicherheitsbeleuchtung und den Sprinkleranlagen bis zur Sauberkeit in den Sanitärbereichen, von der Vermietung der Ladenflächen bis zu den Plänen für neue Hochleistungs-Bahnsteige, um in Zukunft noch mehr Reisende möglichst reibungslos zu befördern: All das fällt in Wulfs Aufgabenbereich. Und nicht nur das: Für 108 weitere Stationen im Großraum Frankfurt fungiert der Chef von 220 Mitarbeitern ebenfalls als Bahnhofsmanager.

Eine gewaltige Aufgabe, die täglich mit etlichen Besprechungen und Ortsterminen verbunden ist. Auch deshalb, weil am Frankfurter Hauptbahnhof seit Herbst 2020 die Verteilerebene und der Nordbau modernisiert werden. Kein Wunder, dass der Terminkalender Wulfs treuester Begleiter ist - "mein zweites Gehirn", wie er scherzhaft sagt. Doch seine Pläne werden schon mal über den Haufen geworfen, durch "Ereignisse außerhalb der Norm", wie er es nennt. Wie vor einigen Tagen, als ihn eine zunächst rätselhaft anmutende Meldung erreichte: "Bällebad in Sossenheim" hieß es da. Was lustig klang, war für den Bahnhofsmanager alles andere als witzig. Unbekannte hatten in der Sossenheimer Station Hunderte von kleinen bunten Bällen ausgekippt, die nun auf Bahnsteigen und an den Gleisen herumkullerten. In Windeseile mussten Wulf und seine Mitarbeiter für die Entfernung der kleinen Störenfriede und für eine Reinigung sorgen, damit niemand gefährdet wurde; sogar eine kurzfristige Streckensperrung war notwendig. Einen halben Tag hielt sie der Zwischenfall auf Trab.

Die Suche nach dem verlorenen Ehering

Selbst für den 41-Jährigen ein ungewöhnliches Vorkommnis. Dabei ist er aus seiner Zeit in Kassel, wo er vor seinem Amtsantritt in Frankfurt sechs Jahre als Bahnhofsmanager fungierte, schon einiges gewöhnt. Da war der verzweifelte Anrufer, der seinen Ehering in einem Zug verloren hatte. Oder derjenige, der seine Flugtickets im Waggon liegengelassen hatte und nun ratlos am Düsseldorfer Flughafen stand. Jedes Mal konnten Wulf und seine Mitarbeiter helfen, was ihnen überschwängliches Lob einbrachte.

Dass er eines Tages bunten Bällen nachjagen würde, hätte er sich vor gut 20 Jahren wohl nicht vorstellen können. Denn eigentlich ging es für ihn beruflich in eine ganz andere Richtung: Nach einer Zimmermanns-Lehre entschloss er sich zu einem Architektur-Studium in München. Anschließend jedoch landete er in der Bauabteilung der Deutschen Bahn und kümmerte sich um den Umbau von Stationen. Zum Beispiel um die Dachsanierung des Düsseldorfer Hauptbahnhofs, ein Projekt mit einem Volumen von knapp drei Millionen Euro. Immer wieder begegnete er bei dieser Arbeit auch den Bahnhofsmanagern, von denen es bundesweit nur 46 gibt, und lernte deren Aufgaben kennen - die ihn irgendwann noch mehr reizten als seine ursprüngliche Tätigkeit.

Zugreisen bis an den Nordpolarkreis

Vom Schienenverkehr ist er übrigens auch privat fasziniert. Mit der Transsibirischen Eisenbahn war er schon unterwegs, ebenso auf der Seidenstraße, ans Schwarze Meer oder sogar zum Nordpolarkreis. Züge seien "ein ganz fantastisches Verkehrsmittel", schwärmt er: "Man kann von Berlin aus völlig entspannt in 24 Stunden nach Lissabon fahren und sieht dabei Frankreich, die Pyrenäen und den Norden Spaniens. Das ist ein ganz anderes Reiseerlebnis als mit dem Flugzeug." Innerhalb Deutschlands ist er ebenfalls oft auf den Gleisen unterwegs - um Freunde zu besuchen oder um sich in Hannover eine besondere Spezialität zu gönnen: "Dort gibt es das weltbeste Eiscafé am Bahnhof." Eine Attraktion schwebt ihm übrigens auch für den Frankfurter Hauptbahnhof vor. Vielleicht könnte man bei den Umbauarbeiten in den nächsten Jahren ein "Highlight mit Lokalkolorit" schaffen, überlegt er. Beispielsweise eine Apfelwein-Wirtschaft mit typisch hessischen Spezialitäten. Schließlich, sagt er irgendwann, sei er als Bahnhofsmanager auch so etwas wie ein Gastgeber für all die Reisenden und Besucher. Brigitte Degelmann

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