Eine Lehrerin der Grundschule Russee in Kiel kürzt einen Mund-Nasen-Schutz für eine Schülerin vor dem Unterricht
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Eine Lehrerin der Grundschule Russee in Kiel kürzt einen Mund-Nasen-Schutz für eine Schülerin vor dem Unterricht.

„Es geht um Leben und Tod“

Kind braucht dringend Corona-Impfung – Stadt Frankfurt weist Verantwortung von sich

  • Julia Lorenz
    vonJulia Lorenz
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Ein Gericht in Frankfurt ordnet an, dass ein behindertes Kind vorrangig gegen Corona geimpft werden muss. Wann das geschieht, ist aber nicht klar.

Frankfurt – Sophia und Frank Müller* haben Angst. Angst, dass ihre acht Jahre alte Tochter trotz eines Gerichtsbeschlusses zum Spielball zwischen Stadt und Land wird, niemand sich zuständig fühle. Dabei schien zunächst alles geregelt zu sein.

Die Familie hat beim Frankfurter Verwaltungsgericht erwirkt, dass ihre Tochter - nennen wir sie Anna - vorrangig gegen Corona geimpft werden muss. Das Gesundheitsamt hatte ein entsprechendes Ersuchen der Eltern zuvor abgelehnt. Nun jedoch muss die Stadt dem Mädchen priorisiert einen Impftermin anbieten, sobald die zweite Gruppe „mit hoher Priorität“ nach dem Stufenplan der Corona-Impfverordnung an der Reihe ist. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Menschen, die älter als 70 sind, das Down-Syndrom, Demenz, eine geistige Behinderung oder schwere chronische Lungenerkrankungen haben.

Familie streitet vor Verwaltungsgericht Frankfurt für Corona-Impfung

Anna ist schwer geistig behindert. Sie hat eine Gehirnfehlbildung. Das Mädchen kann nicht laufen, nicht sitzen, nicht sprechen. Sie leidet an Krampfanfällen – mehrmals am Tag – und ist extrem anfällig für Atemwegsinfekte. Zuletzt lag sie im Mai 2019 mit einer schweren Lungenentzündung auf der Intensivstation, musste beatmet werden. „Sie schwebte zwischen Leben und Tod“, erinnert sich die Mutter. „Ihre Ärzte waren nicht optimistisch, dass sie das überlebt.“ Doch Anna hat gekämpft und überlebt.

Corona-Impfstoff für Kinder noch nicht zugelassen

Eine Infektion mit dem Coronavirus jedoch, so fürchten es ihre Ärzte, könnte für sie tödlich verlaufen. Und Anna kann aufgrund ihrer Erkrankung keine Maske tragen, um sich zu schützen. Deshalb befürworten ihre Ärzte, dass das junge Mädchen geimpft wird, obwohl der Impfstoff noch nicht für Kinder unter 16 Jahre zugelassen ist. Off-Label-Use nennt man das. Annas behandelnder Kinderarzt hat sogar erklärt, dass er die Impfung vornehmen würde, wenn er das Serum zur Verfügung gestellt bekomme. Doch wann das Mädchen die ersehnte Spritze bekommt, das steht trotz des erwirkten Gerichtsbeschlusses weiterhin in den Sternen. Sophia und Frank Müller fürchten, dass die Stadt die gerichtlichen Vorgaben nicht zügig umsetzt. Ganz unbegründet ist diese Sorge nicht.

Im Frankfurter Gesundheitsdezernat heißt es dazu: „Eine Beschwerde bei Gericht ist unabhängig davon, dass wir in Frankfurt Härtefälle impfen wollen.“ Aber man brauche einfach mehr Klarheit, wie das funktionieren soll. Immerhin sei das Land für die Vergabe der Impftermine und die Lieferung des Impfstoffes zuständig.

Einzelfallentscheidung über Corona-Impfung in Frankfurt

Bei Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) klingt das so: „Das Land Hessen hat uns nun mitgeteilt, dass aus wichtigem Grund oder in atypischen Fällen das Gesundheitsamt nach eigenem Ermessen von der für den Normalfall vorgesehenen Reihenfolge abweichen und eine Einzelfallentscheidung treffen kann.“ Leider sei weder deutlich geworden, welche Fälle konkret gemeint seien und damit geimpft werden könnten, noch sei ein Verfahren erläutert worden, wie solche Härtefälle entschieden würden. „Klar ist, dass damit nicht die Fälle gemeint sein können, die inzwischen in der zweiten und dritten Impfkategorie mit hoher und erhöhter Priorität eingruppiert wurden“, so Majer.

In Frankfurt sei man aber bereit, Härtefälle zu impfen und werde einen Verfahrensvorschlag entwickeln. „Dazu werden wir versuchen, uns mit dem Land und der Region abzustimmen, da es nicht zu vermitteln wäre, wenn in Frankfurt und Offenbach unterschiedlich vorgegangen wird“, so Majer. „Es bedarf hier von der Ebene des Bundes beziehungsweise des Landes unverzüglich einer Entscheidung über das entsprechende Antragsverfahren und Kriterien für derartige Härtefälle. Außerdem müssen die Rahmenbedingungen für die Terminvergabe geklärt werden.“

Familie aus Frankfurt seit einem Jahr in Corona-Isolation

Kurz gesprochen: Anna soll geimpft werden, man weiß aber noch längst nicht wann. „Wir haben aber keine Zeit“, sagt die Mutter. „Es gibt jetzt gerichtliche Vorgaben und wir wollen doch nur, dass diese auch umgesetzt werden.“ Immerhin gehe es hier um ein Menschenleben. „Man hat den Eindruck, dass schwerstbehinderte und -kranke Kinder bei den Verantwortlichen gar nicht auf dem Radar sind.“

Um Anna zu schützen, lebt die Familie seit gut einem Jahr in Isolation, so gut es eben geht. Ganz ohne Kontakte kommt die Familie nicht aus. Denn Anna wird rund um die Uhr intensivmedizinisch gepflegt. Verschiedene Pflegekräfte kümmern sich im Schichtdienst um sie. Auch sie sind alle noch nicht geimpft. Und das birgt Gefahren. Im vergangenen Sommer hatte sich eine Pflegekraft von Anna mit dem Coronavirus infiziert. Die gesamte Familie musste in Quarantäne. „Wir hatten großes Glück, dass sich Anna nicht ansteckte“, sagt Sophia Müller.

Jede Verzögerung der Corona-Impfung ist ein Risiko

Um das Risiko so gering wie möglich zu halten, darf bis auf die Pflegekräfte niemand anders zu den Müllers nach Hause kommen. Kein Besuch. Keine anderen Kinder zum Spielen. Die Eltern arbeiten beide im Homeoffice. Anna darf nicht in die Schule gehen. Ihre vier Jahre alte Schwester darf nicht in den Kindergarten. Lebensmittel werden geliefert. Auf den Markt, den Spielplatz oder zur Post wird nur zu Zeiten gegangen, wenn sonst kaum jemand unterwegs ist.

„Wir hatten all unsere Hoffnung in den vergangenen Monaten in die Impfung gesetzt“, sagt die Mutter. „Anna ist jeden Tag einer großen Gefahr ausgesetzt. Jede weitere Verzögerung ist ein Risiko.“ Und so bleibt der Familie erst einmal nichts anderes übrig, als weiterhin zu Hause zu bleiben, isoliert, und zu hoffen, dass das Virus draußen bleibt. (Julia Lorenz) *Name von der Redaktion geändert

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