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Der Fachkräftemangel in Frankfurt ist nicht nur in der Pflege eine Bedrohung.

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Fachkräftemangel in Frankfurt: Corona verstärkt die Bedrohung

  • Thomas J. Schmidt
    vonThomas J. Schmidt
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Trotz der aktuellen Krise suchen viele Firmen weiter qualifizierten Nachwuchs. Nicht nur in der Pflege ist der Fachkräftemangel eine Bedrohung.

  • In Frankfurt ist der Fachkräftemangel ein zentrales Thema.
  • Die Corona-Krise hat die verzweifelte Suche nach Fachkräften noch verstärkt.
  • Und die langfristigen Folgen des Coronavirus auf den Fachkräftemangel sind noch lange nicht absehbar.

Frankfurt - Frankfurts Wirtschaft leidet unter Corona. Die Arbeitslosigkeit wächst, die Zahl offener Stellen bei der Arbeitsagentur nimmt ab. "Wir sind im Vergleich zum Vorjahr bei der Hälfte", sagt Christina Funedda, Sprecherin der Arbeitsagentur. Und noch immer melden Firmen Kurzarbeit an. In der Summe haben bis Juli rund 10 000 Unternehmen Kurzarbeit angemeldet. Um so erstaunlicher, dass der Facharbeitermangel noch immer ein Thema in den Personalabteilungen vieler Unternehmen ist.

Frankfurt: Corona verstärkt Fachkräftemangel

Auch für Bernd Ehinger, Präsident der Handwerkskammer Frankfurt Rhein-Main, zählt das Thema Fachkräftemangel zum Alltag - und seit Corona sogar verstärkt. "In allen 130 Berufen des Wirtschaftssektors Handwerk gibt es zahlreiche Karriereperspektiven für Fachkräfte und Azubis." Das Problem sei jedoch: "Wir kommen nicht an die jungen Leute heran", die Auszubildenden, die Fachkräfte von morgen. Die Arbeitsagentur hat geschlossen, und rund 1400 Ausbildungsplätze im Kammerbezirk konnten nicht besetzt werden.

Die Stimmung in den Firmen habe sich hat sich bezogen auf die meisten Indikatoren zu Auslastung, Aufträgen, Beschäftigung, Umsätzen und Investitionen wieder etwas stabilisiert. Immerhin jeweils ein Drittel der Betriebe bewertet die Lage aktuell mit gut oder befriedigend, der Pessimismus lasse nach, so Ehinger. "Das Schöne ist: Im Hinblick auf die Rekrutierung von Fachkräfte haben sich für das Handwerk in den vergangenen Jahren stärker auch internationale Möglichkeiten eröffnet", sagt der Handwerkspräsident, am einfachsten für EU-Bürger.

Frankfurt: Der Bedarf an Fachkräften wird nicht kleiner

„Das Bewusstsein ist da, dass der Bedarf an Fachkräften nicht kleiner werden wird und dass eine verzahnte Strategie gefragt ist, an der Wirtschaft, Politik und alle anderen Akteure beteiligt sind. Aufträge sind vorhanden: Die Gesellschaft muss sich darauf besinnen, dass die berufliche Bildung wieder stärker als integrale Säule des Wirtschaftsstandorts und der Fachkräftestrategie verstanden wird.“

„Wir müssen schon heute für die Zeit nach Corona planen oder lernen, mit der Situation umzugehen, wenn der Impfstoff nicht so schnell kommt, wie wir uns das wünschen. Als Präsident der Handwerkskammer werbe ich daher dafür, dass Unternehmen trotz der herausfordernden Lage Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen.“

Fachkräftemangel in Frankfurt: Langfristige Corona-Folgen noch nicht abschätzbar

Bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) kann man die langfristigen Folgen von Corona noch nicht abschließend einschätzen. Sahen zum Jahresanfang noch 49 Prozent der Unternehmen den Fachkräftemangel als Risiko, sind es derzeit nur noch 27 Prozent. Aber immerhin: Jedes vierte Unternehmen sorgt sich deswegen.

"Dennoch wissen wir weder, wie sich die Pandemie bei uns vor Ort weiter entwickeln wird, noch sind unsere internationalen Handelspartner über den Berg", so Sebastian Trippen, Geschäftsführer für Wirtschaftspolitik und Metropolenentwicklung der IHK Frankfurt. Alleine im IHK-Bezirk Frankfurt am Main (Stadt Frankfurt, Hochtaunus-und Main-Taunus-Kreis) fehlten vor der Pandemie rund 74 000 Fachkräfte, der überwiegende Teil davon beruflich Qualifizierte (85 Prozent). Der Bedarf wurde zudem als steigend prognostiziert.

Frankfurt: Der Fachkräftemangel ist immens

Inzwischen hat sich die Lage gründlich geändert. Gerade Branchen, die vor der Krise besonders nach Fachkräften gesucht hätten, so Trippen, wie beispielsweise der Einzelhandel und das Gastgewerbe, wurden durch die wirtschaftlichen Beschränkungen zur Pandemie-Eindämmung besonders hart getroffen. Hier fürchtet man eher, Fachkräfte entlassen zu müssen, die man später wieder dringend braucht.

Allerdings schränkt der IHK-Geschäftsführer gleich ein: "Es handelt sich allerdings um eine Momentaufnahme." Langfristig sieht es wieder anders aus: "Der Fachkräftemangel ist so immens, dass sich das Thema in den nächsten Jahren nicht einfach erledigen wird, auch nicht in der Zeit nach Corona."

Fachkräfte in Frankfurt: Corona zerschlägt alle Hoffnungen

2300 Fachkräfte hat die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit im Jahr 2018 auf den deutschen Arbeitsmarkt gebracht, 2700 waren es im Vorjahr. Die Hoffnung, dass sich diese Zahl durch das neue Fachkräftezuwanderungsgesetz steigern lässt, das im März in Kraft getreten ist, wurde durch Corona gründlich zerschlagen.

Marcel Schmutzler, Sprecher der Zentralen Auslandsvermittlung, zählte bislang lediglich 1000 Fachkräfte, hofft aber, dass es einen Nachholeffekt geben könnte. "Wir werben vor allem beispielsweise um Pflegekräfte in Mexico." Das Problem sei, dass man schon in Mexico kaum noch an die Interessenten heran komme. "Wir ermöglichen Sprachkurse im Heimatland. Aber auch diese Sprachkurse sind wegen der Pandemie kaum möglich."

Neben dem Pflegesektor sucht die Auslandsvermittlung auch nach IT-Technikern und Verkehr- und Logistikexperten im Nicht-EU-Ausland nach Fachkräften. "Es gibt viele Dinge, die unseren Erfolg beeinflussen", so Schmutzler. In Mexiko und Brasilien wirbt seine Organisation mit Hilfe der lokalen Arbeitsverwaltungen um Interessenten. Eine Chance hat, wessen Ausbildung anerkannt werden kann. (Von Thomas j. Schmidt)

Unternehmen beschweren sich schon lange über Fachkräftemangel. Aus den Rathäusern sind die Klagen dagegen leiser. Dabei fehlen auch hier bereits qualifizierte Bewerber.

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