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Der Feldhamster ist in Westeuropa vom Aussterben bedroht. Dass die Tierchen in den Sindlinger Feldern zwischen der Hoechster Farbenstraße und der Bahnlinie westlich der Ferdinand-Hofmann-Siedlung gut gedeihen, blockiert die Siedlungspläne der Stadt Frankfurt. 

Bürgerinitiative 

Wohnen in Frankfurt: Feldhamster verhindern Bau von 2000 Wohnungen

Feldhamster schieben dem geplanten Neubaugebiet in Frankfurt einen Riegel vor. Doch die Bürgerinitiative bleibt aufmerksam.

Sindlingen - Das Neubaugebiet am Sindlinger Ortsrand ist vorerst vom Tisch. Um den Lebensraum des geschützten Feldhamsters zu bewahren, hat sich der Magistrat vorläufig von den Plänen verabschiedet, westlich der Ferdinand-Hofmann-Siedlung 2000 neue Wohnungen zu bauen. Ist damit die Bürgerinitiative gegen das Neubaugebiet (BI) überflüssig geworden? "Nein", betonen Franz und Claudia Ilg, Ilona Klein und Patrick Stappert.

Frankfurt-Sindlingen: Wohnungen dürfen Feldhamster-Population nicht verringern

Sie hatten nach Bekanntwerden der Pläne im Jahr 2013 die Initiative gegründet und rund 1000 Unterschriften gegen die Bebauung der Felder und Kleingärten gesammelt. Vor einigen Wochen beantwortete der Magistrat im Ortsbeirat eine Anfrage der Grünen zu den Auswirkungen einer Bebauung auf die Hamsterpopulation eindeutig: "Das geplante Baugebiet würde den ohnehin kleinen Lebensraum der Art um ein Drittel verkleinern." 

Dieser Lebensraum ist als "Fortpflanzungs- und Ruhestätte" gesetzlich geschützt. Das Bundesnaturschutzgesetz verbiete es, diese Bereiche zu beeinträchtigen. Ausnahmen gäbe es nur dann, wenn zumutbare Alternativen nicht gegeben seien und sich der Erhaltungszustand der Hamsterpopulation nicht verschlechtere. "Vor diesem Hintergrund ist eine Überbauung des betreffenden Gebietes aus Sicht des Magistrats derzeit nicht zulässig", hieß es.

Frankfurt-Sindlingen: Feldhamster verlassen Reviere nicht selbst

Die BI begrüßte das. Allerdings will sie wachsam bleiben. "Derzeit" ist relativ, und in einem Bericht der Hessenschau vom 2. Oktober war zu erfahren: "Komplett vom Tisch ist das Neubaugebiet trotzdem nicht: Das Gelände soll weiterhin regelmäßig untersucht werden, um zu sehen, ob die Nager eventuell von selbst weiterziehen."

"Das tun sie mit Sicherheit nicht", betont Peter Thalau, Mitglied der BI. Der diplomierte Biologe, promovierte Zoologe und Mitarbeiter der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität weist darauf hin, dass die Feldhamster ihre Reviere nicht von selbst verlassen; das sei für die Art nicht typisch. Wenn also darüber spekuliert werde, müsse man befürchten, dass jemand nachhelfe. Deshalb kündigt die BI an, dass sie auch weiterhin ein Auge auf die Äcker und Wiesen haben werde. "Wenn jemand einen toten Hamster findet, werde ich ihn untersuchen", sagt Thalau. Es sei ja nicht auszuschließen, dass interessierte Kreise das Bau-Hindernis aus dem Weg schaffen.

Frankfurt-Sindlingen: Sorge um Feldhamster - "Nie hatte da gebaut werden dürfen"

Für den Fachmann ist es ohnehin verwunderlich, dass ausgerechnet ein Grüner vor sechs Jahren auf die Idee gekommen ist, an der Stelle ein großflächiges Neubaugebiet auszuweisen. "Die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie gibt es schon lange und auch im Bundesnaturschutzgesetz ist der Feldhamster als bedrohte Art hoch geschützt", sagt er: "Das hätte der damalige Planungsdezernent Olaf Cunitz wissen müssen. Nie hätte da gebaut werden dürfen", sagt Thalau. 

Zumal das Areal auch für andere Arten attraktiv sei, etwa die Feldlerche. Bei entsprechender Bepflanzung (Getreide statt Mais) würden sich rasch Wachteln und Rebhühner ansiedeln.

Nicht zuletzt erfülle das freie Land eine Funktion als Frischluftschneise, betont Franz Ilg. "Wenn die Sommer immer heißer werden, ist uns das sehr wichtig."

Frankfurt-Sindlingen: Der Feldhamster verschwindet nicht selbst

Die BI kritisiert die gesamte Konzeption eines weiteren Wohngebiets in Sindlingen. "Das wäre - neben Nord und Süd - Sindlingen drei", sagt Ilg. "Sindlingen verliert anscheinend zunehmend an Wert", beklagen die Sprecher, jüngstes Beispiel sei der Verkauf der Villa Meister an einen privaten Investor. "Man sollte doch mal überlegen, den Stadtteil zu erhalten, die Struktur zu stärken und die Verkehrsprobleme zu lösen, statt einen weiteren Stadtteil dranzubauen", finden sie. 

Auf jeden Fall bleibt die BI am Ball. Mit Patrick Stappert hat sie einen Landwirt in ihren Reihen, der die Felder dort bewirtschaftet und Veränderungen rasch bemerkt. Die BI kündigt an: "Der Hamster verschwindet nicht von selbst. Sollte ein Sterben einsetzen, werden wir reagieren."

Aus Rücksicht auf Feldhamster verzichtet die Stadt Frankfurt vorerst auf ein potenzielles Baugebiet in Sindlingen. Wo Getreidefelder sind, da lebt auch der Feldhamster. Noch vor zehn Jahren war das auch in Frankfurt so. Inzwischen sind von den einst 15 Populationen nur zwei geblieben: Ganz im Osten, auf dem Berger Rücken, und ein paar wenige ganz im Westen, in Sindlingen.Der Senckenberg-Forscher Tobias-Erik Reiners kämpft mit moderner Wissenschaft um ihr Überleben. 

Im August wurde im Opel-Zoo eine Auffang- und Zuchtstation für den bedrohten Feldhamster eröffnet. Ziel ist es, Feldhamster für die Auswilderung zu züchten und bei Bedarf wilde Hamster aufzunehmen.

Von Heide Noll

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