Infusion
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Eine Frau kommt mit massiven Schmerzen in ein Frankfurter Krankenhaus, wird erst abgewimmelt und dann nach Hause geschickt. Sie erhebt nun schwere Vorwürfe. (Symbolfoto)

Frankfurt

Frau hat schlimme Schmerzen – Ärzte bringen sie ihn Lebensgefahr

  • vonBrigitte Degelmann
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Eine Patientin krümmt sich vor Schmerz. In der ärztlichen Bereitschaft am städtischen Klinikum Höchst in Frankfurt behandelt man sie zunächst nachlässig, dann auch noch falsch.

  • Sabine Brückner kommt mit starken Bauchschmerzen in das Klinikum Höchst in Frankfurt.
  • Der ärztliche Bereitschaftsdienst im Krankenhaus schickt sie mit einer falschen Diagnose nach Hause.
  • Für die Patientin hat das tragische Folgen.

Frankfurt – Normalerweise ist eine Blinddarmentzündung keine große Sache: Operation, wenige Tage Krankenhaus, dann ist das Schlimmste überstanden. Nicht so für Sabine Brückner (Name von der Redaktion geändert). Wochenlang kämpfte die 48-Jährige aus Eschborn mit den Folgen einer Appendizitis, schwebte zwischendurch sogar in Lebensgefahr - weil ein Mediziner des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes am Klinikum Höchst eine falsche Diagnose gestellt hatte.

Es war ein Samstag Mitte Februar, als Sabine Brückner morgens mit einem unangenehmen Gefühl im Bauch aufwacht. Am Vormittag verstärken sich die Schmerzen und werden schließlich so schlimm, dass sie ihren Ehemann bittet, sie zum Ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) ins Klinikum Höchst zu bringen. Wegen der Corona-Pandemie darf sie das Gebäude nur allein betreten. Während der Wartezeit geht es ihr immer schlechter: Schüttelfrost, Kreislaufprobleme und schlimme Bauchschmerzen quälen sie. Dreimal wendet sie sich deshalb an eine Krankenschwester bei der Anmeldung - erklärt, dass sie sich nicht vordrängen wolle, aber dass sie sich wenigstens irgendwo hinlegen wolle. Ohne Erfolg. „Eiskalt“ habe die Schwester sie abblitzen lassen, erinnert sie sich: Alle müssten warten, eine Liegemöglichkeit gebe es nicht.

Weil sie fürchtet, ohnmächtig zu werden, setzt sie sich irgendwann auf den Boden. Das bemerkt eine andere Patientin und macht abermals das Personal auf Sabine Brückners Notlage aufmerksam. Schließlich holt jemand einen Rollstuhl mit kippbarer Lehne, auf den sich die 48-Jährige legen kann. Mittlerweile krümmt sie sich vor Schmerzen. Das sieht auch der diensthabende Arzt und weist die Krankenschwestern an, ihr erst einmal Schmerzmittel zu verabreichen. Dann sagt er zu Sabine Brückner, „ich rede erst mit Ihnen, wenn Sie entspannt sind“.

Nach zwei Infusionen darf sie endlich ins Behandlungszimmer. Da fühlt sie sich tatsächlich besser - nach der Schmerzmittelgabe kein Wunder. Der Mediziner stellt ihr Fragen und untersucht sie, auch per Ultraschall. Dann habe er eine Magen-Darm-Verstimmung diagnostiziert, erinnert sich die 48-Jährige. Ihr kommt das komisch vor. Solche Infekte kennt sie schließlich. Diesmal aber seien die Schmerzen anders gewesen, sagt sie dem Arzt. Doch der beruhigt sie: Es sehe alles gut aus, sie könne wieder nach Hause.

Klinikum Höchst: Patientin nach Hause geschickt – dann muss der Notarzt kommen

Trotz ihrer Skepsis macht sich Sabine Brückner auf den Heimweg. Am nächsten Tag jedoch kommen die Schmerzen wieder. „Abends habe ich nur noch vor Schmerzen geschrien.“ Ihr Mann alarmiert den Notarzt und einen Krankenwagen. Bei der Untersuchung fällt erstmals das Wort Blinddarmentzündung. Und: Sie müsse schnellstens ins Krankenhaus nach Bad Soden. Im Krankenwagen berichtet sie, dass sie tags zuvor schon im Klinikum Höchst war. Daraufhin, so erzählt sie, hätten die Sanitäter wissende Blicke gewechselt: „Typisch, dass die das in Höchst nicht erkennen“, hört sie.

Im Bad Sodener Krankenhaus stellt sich tatsächlich heraus, dass sie eine schlimme Blinddarmentzündung hat - und dass das Organ schon geplatzt ist. Eine lebensgefährliche Situation. Rasch wird sie operiert, um die Bauchhöhle von Keimen zu säubern. In der Folgezeit sind noch zwei weitere Eingriffe nötig. Sieben Tage bleibt sie in der Klinik, muss sich bis Mitte März krankschreiben lassen. Inzwischen gehe es zum Glück wieder aufwärts, sagt sie.

Patientin in Frankfurt in Lebensgefahr: „Das war grob fahrlässig“

Dennoch kann sie es immer noch nicht fassen, was ihr im Klinikum Höchst passiert ist. Wie könne es sein, dass Patienten mit solchen Problemen bei der Aufnahme so schlecht behandelt würden?, fragt sie. Und warum habe sie der Arzt erst nach der Schmerzmittelgabe untersucht? „Das war grob fahrlässig.“ Was ihr ebenfalls zu denken gibt: Neben den Sanitätern hätten auch die Mediziner in Bad Soden nicht überrascht reagiert, dass ihre Blinddarmentzündung beim ÄBD in Höchst nicht erkannt worden sei: „Das erleben wir leider öfters.“ Dabei sei eine Appendizitis doch „eine Allerweltsgeschichte“, sagt Sabine Brückner: „Aber was daraus werden kann und wie schnell das gehen kann, das ist schon erschreckend. Ich würde mir wünschen, dass so etwas nicht mehr vorkommt.“

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH), die für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst im Klinikum Höchst zuständig ist, bedauert man, „dass die Patientin offensichtlich einen Krankheitsverlauf genommen hat, der schwerer war, als zunächst diagnostiziert“. So formuliert es KVH-Sprecher Karl Roth. Er verweist jedoch darauf, das der behandelnde Arzt sehr erfahren sei und für die Diagnostik sogar ein Ultraschallgerät der Klinik genutzt habe. Die Untersuchung sei viel differenzierter gewesen als normalerweise vorgesehen.

Fehldiagnose in Frankfurt: KV Hessen sieht kein strukturelles Problem

Außerdem: „Überall, wo ärztliche Behandlung stattfindet, gibt es natürlich auch das Risiko einer nicht zutreffenden Diagnose“, sagt Roth. Ein strukturelles Problem gebe es aus Sicht der KVH nicht. „Weder in Klinik oder Praxis ist so etwas - so bedauerlich das ist - zu 100 Prozent auszuschließen“, betont der KVH-Sprecher. Sabine Brückner überzeugt das nicht. Um die Ärztliche Bereitschaft am Klinikum Höchst werde sie in Zukunft einen großen Bogen machen, sagt sie. (Brigitte Degelmann)

Am Klinikum Höchst befindet sich die teuerste Baustelle Frankfurts – und sie wird noch einmal um zehn Millionen Euro teurer. Alle Nachrichten zur Mainmetropole erhalten sie mit unserem FNP-Newsletter Frankfurt.

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