Ute Hering aus Kelkheim hatte auch schon einen Unfall an dem Bahnübergang in Frankfurt-Nied, an dem kürzlich eine 16-Jährige tödlich verunglückt ist.
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Ute Hering aus Kelkheim hatte auch schon einen Unfall an dem Bahnübergang in Frankfurt-Nied, an dem kürzlich eine 16-Jährige tödlich verunglückt ist.

Bahnübergang in Nied

„Ich bin froh, dass ich das überlebt habe“: Radfahrerin erinnert sich an schlimmen Sturz

  • Michael Forst
    vonMichael Forst
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Ute Hering hatte Glück im Unglück an jener Schranke, an der vor kurzem eine junge Frau vom Zug erfasst und getötet worden ist.

  • Kürzlich starb eine 16-Jährige bei einem Unfall am Bahnübergang Frankfurt-Nied 
  • Eine Frau aus Kelkheim hatte am Bahnübergang ebenfalls einen Unfall
  • Sie setzt sich dafür ein, dass sich am Bahnübergang Franfurt-Nied etwas ändert

Frankfurt - „Es ist ein mulmiges Gefühl, wieder hier zu sein“, sagt Ute Hering. Sie steht vor den Blumen, Kränzen und Fotos für die Unfallopfer vor dem Zaun an der Niddahalle. Ihr Blick wandert weiter in Richtung des Bahnübergangs, hin zu den Gleisen, an die Stelle, wo sie beinahe selbst ums Leben gekommen wäre.

Frankfurt: Bahnübergang in Nied birgt Gefahren

Es ist Montag, der 11. September 2017, „mein erster Urlaubstag“, wie sie sich erinnert. Den will die Kelkheimerin im Freibad Hausen so richtig genießen. Als die leidenschaftliche Radfahrerin startet, setzt der Regen ein. „Eigentlich wollte ich die Nidda entlang radeln, doch unter der Bahnbrücke war gesperrt,“ erinnert sich Ute Hering. Also entscheidet sie sich, den Nieder Bahnübergang zu überqueren. Sie weiß um die Gefährlichkeit an dieser Stelle und fährt bewusst langsam über die Kreuzung. Doch die Gleise sind vom Regen glatt wie Eis - „auf einmal bin ich weggeglitscht“, beschreibt sie den fatalen Moment.

Ein Schmerz zuckt durch ihren Arm, sie liegt auf dem Asphalt unter ihrem Rad eingeklemmt. Untypischerweise ist die Kreuzung, so ihre Erinnerung, menschenleer, niemand habe helfen können. „Ich guckte erst links, dann rechts, ob ein Zug kommt“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Ich hatte ein Riesenglück, dass gerade keiner fuhr - und dass ich wieder selber auf die Beine kam“.

Frankfurt: Hilfe von der Schrankenwärterin am Bahnübergang Nied

In diesem Moment sei wie aus dem Nichts eine Frau an ihre Seite getreten: Es ist die Schrankenwärterin, die auf die gestürzte Ute Hering von ihrem Arbeitsplatz im Schrankenhäuschen aufmerksam geworden ist. „Sie stützte mich, entschuldigte sich, dass sie mich erst so spät bemerkt habe“, erzählt die Kelkheimerin.

Die Wärterin nimmt sie mit in ihr, so erinnert sich Ute Hering, „vollkommen überheiztes kleines Räumchen mit einem Haufen von Technik.“ Von dort ruft sie einen Krankenwagen, der die Verletzte in zehn Minuten ins Höchster Klinikum bringt. Dort stellt sich heraus: Es ist „nur“ ein Bruch des Radiusköpfchens am Ellenbogen. Der setzt Ute Hering zwar fünf Wochen lang außer Gefecht. „Aber das war relativ harmlos“, sagt sie. Und das Wichtigste: „Ich habe überlebt. Der Tag ist seitdem einer meiner zweiten Geburtstage.“

Frankfurt: Arbeitsbedingungen am Bahnhof Nied „unzumutbar“

Denn Ute Hering hat in ihrem Leben noch zwei weitere Fahrradunfälle überstanden und vor allem: vor zwei Jahren den Brustkrebs besiegt. Der wurde zum Glück früh entdeckt. „Ich bin ein Stehaufmännchen“, sagt sie über sich. So verging der Schrecken über den Sturz in Nied, und die Verletzung verheilte - doch geblieben ist von jenem Tag im September das Unverständnis darüber, wie gefährlich der Nieder Bahnübergang ist - und wie zweifelhaft der Verkehr dort geregelt wird.

„Ich habe es mit meinen eigenen Augen im Schrankenwärterhäuschen gesehen“, sagt sie und fasst ihren Eindruck zusammen: „Das sind einfach unzumutbare Arbeitsbedingungen für einen Job, der vollste Konzentration erfordert.“

Nach Sturz am Bahnübergang Nied in Frankfurt: Unverständnis ist geblieben

Überhaupt lässt sie der Gedanke bis heute mit dem Kopf schütteln, „dass so ein großer Bahnübergang überhaupt noch menschlich bedient wird.“ Die Schrankenwärterin, erinnert sich Hering noch gut, sagte ihr damals: „An dieser Kreuzung passiert ständig etwas.“

Die Nachricht von dem tragischen Zugunglück am Donnerstag vor zwei Wochen (07.05.2020) traf Ute Hering wie ein schlimmes Déjà-vu-Erlebnis. Ihr eigenes Beinahe-Unglück hatte sie sofort wieder vor Augen.

Doch da war noch etwas: Der Wunsch nämlich, die eigene Stimme mit einzubringen in den immer lauter werdenden Chor der Bahnübergangs-Gegner. Sie schloss sich der neu gegründeten Bürgerinitiative „Die Schranke muss weg“ an, die auf Facebook kurz davor ist, die 1000-Mitglieder-Marke zu knacken. Sie teilte dort gleich ihre Geschichte, will sich künftig austauschen und dranbleiben, „damit sich endlich etwas ändert.“

Bahnübergang Frankfurt-Nied: Bürgerinitiative trifft sich zur Mahnwache

Am Samstag wird sie auch dabei sein, wenn sich die Gruppe zur Mahnwache trifft. Für Ute Hering ist es ein Herzensanliegen. „Ich hoffe sehr, dass der Bahnübergang verschwindet und hier nie wieder ein Mensch verunglücken muss“, betont sie. Nachdenklich schiebt sie ihr Fahrrad auf dem Fußgängerweg entlang der Oeserstraße. Dann fällt ihr Blick noch einmal zurück auf die Kreuzung, wo Arbeiter gerade den zerstörten Schrankenbaum reparieren. Sie fragt: „Warum wird der Zugverkehr hier nicht einfach umgeleitet - so lange, bis die Unterführung fertig ist? Das wäre doch mal ein erster Schritt!“

Von Michael Forst

Immer wieder passieren an Bahnstrecken schwere Unfälle. In Frankfurt kam bei einem tödlichen Unfall an einem Bahnübergang im Stadtteil Bonames ein zwölfjähriges Mädchen ums Leben. Bei einem weiteren tödlichen Unfall mit einer Bahn in Frankfurt starb ein zehnjähriger Junge.

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