Viele Kunden haben ihr gesagt, wie sehr sie die Besuche bei ihr vermissen. Friseurmeisterin Rosa Calanni in Zeilsheim ist nicht nur deshalb glücklich, dass sie ab März wieder arbeiten kann.
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Viele Kunden haben ihr gesagt, wie sehr sie die Besuche bei ihr vermissen. Friseurmeisterin Rosa Calanni in Zeilsheim ist nicht nur deshalb glücklich, dass sie ab März wieder arbeiten kann.

Corona-Lockdown

Frankfurt: Erleichterung bei Friseuren groß – Wut im Einzelhandel steigt

  • vonMark-Joachim Obert
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Die Friseure freuen sich über die beschlossenen Lockerungen. Die Einzelhändler in Frankfurt hingegen werden immer wütender.

Frankfurt -Die Erleichterung ist groß bei den Frankfurter Friseuren. Innungsmeisterin Gerda Pescht ist sie bei jedem Seufzer am Telefon anzumerken. Dass die Politik die Salons ab 1. März wieder öffnen lässt, sei aber auch dringend geboten, sagt Pescht. Die Mehrheit der von der Innung vertretenen Kollegen habe die versprochenen Hilfen noch nicht bekommen. Während die Angestellten dank Kurzarbeit noch mehr schlecht als recht über die Runden gekommen seien, sei der Unternehmerlohn völlig vergessen worden. "Das ist sehr schlecht organisiert", sagt Pescht. Manche müssten schon an ihre Altersvorsorge 'ran.

Frankfurt: Friseursalons kritischer als Geschäfte

Vor der Sorge über die finanzielle Existenz tritt die Sorge über das Infektionsrisiko in den Hintergrund. Friseure haben, anders als kleine Einzelhändler, direkten Kontakt zu Kunden, zuweilen über längere Zeiträume. Joachim Curtius, Atmosphärenforscher an der Goethe-Uni, der viel zur Verbreitung von Aerosolen und seit Pandemiebeginn zur Wirksamkeit von Luftfiltern in Klassenräumen gearbeitet hat, sieht von daher schon einen Widerspruch darin, dass nun ausgerechnet Friseure als erstes wieder aufmachen dürfen.

"Wir haben schon vor der Pandemie unter strengen Hygienebedingungen gearbeitet", sagt Innungsmeisterin Pescht, "und außerdem haben die allermeisten unserer Friseure fast ausschließlich Stammkundschaft. Man kennt sich. Man vertraut darauf, dass die Kunden im Salon achtsam sind und erst gar nicht zum Termin kommen, wenn bei ihnen oder in ihrer Familie Symptome aufgetreten sind."

Frankfurt: Verantwortungsbewusstsein bei Friseuren nötig

Auf das erhöhte Verantwortungsbewusstsein der Menschen kommt es ohnehin immer an, sagt Atmosphärenforscher Curtius. Besonders auch in Schulen, wo das beste Sicherheitskonzept im Klassenzimmer nichts nutzt, wenn sich die Jugendlichen auf dem Pausenhof und vor den Schulgebäuden ohne Masken und Abstand gruppieren. Ähnlich ist das bei den Friseuren: Achten sie und ihre Kunden darauf, dass die FFP2-Maske stets richtig sitzt und wird regelmäßig durchgelüftet, sollte es keine Probleme geben. Wissenschaftlich betrachtet bleibt es dabei: Das Risiko, sich in einem normalen Geschäft anzustecken, dürfte geringer sein.

In Frankfurt wie überall in Deutschland bleiben die Geschäfte mindestens bis Mitte März geschlossen. In Anbetracht der höheren Ansteckungsgefahr, die von den Virus-Mutanten ausgeht, schwant manch Betroffenem auch für die Zeit danach nichts Gutes. Auf das grüne Licht für Friseure hätten die Einzelhändler bisher noch nicht reagiert, sagt Joachim Stoll vom Einzelhändler-Verband Hessen Süd. Die Wut sei groß und nehme seit Wochen spürbar zu. Mittlerweile entlade sie sich auch in anonymen Briefen an Lobbyisten wie Stoll. Der Tenor, freundlich formuliert: "Ihr tut zu wenig gegen die Entscheidungen von oben."

Einzelhandel in Frankfurt: Glaube ans System geht verloren

Denn die leuchteten den Einzelhändlern immer weniger ein, das Wort von der Ungerechtigkeit ist in aller Munde. Die Ansage von Mittwoch nach der Länderkonferenz mit der Kanzlerin, zur Öffnung der Geschäfte nun einen Inzidenzwert von 35 anzustreben, weil angesichts der Mutanten 50 nicht mehr ausreiche, verstärke das Gefühl, einer undurchdachten und deshalb willkürlichen Politik ausgeliefert zu sein. "Die Verzweiflung ist groß, die Nachricht gestern ist sehr frustrierend, der Glaube ans System geht verloren", sagt Stoll. Manche Händler dächten bereits über illegale Öffnungen nach. "Aber was bringt das", fragt sich Stoll, "wenn die Kunden aus Angst fernbleiben?"

Dass kleine Geschäfte mit dosiertem Kundenkontakt ein Pandemietreiber sein könnten, glaubt niemand. Sie sind es wohl eher nicht. Das Hauptargument der Politik zielt auf Busse und Bahnen ab, die sich rasch wieder füllen würden, sollten Läden besonders in den Innenstädten ihre Türen öffnen dürfen.

Friseure mit einem Kundenstamm aus dem Stadtteil sorgen nicht für volle Busse und Bahnen. So gesehen könnten wiederum auch Stadtteil-Geschäfte öffnen, sagt Stoll. "Aber bei uns wird bundesweit dicht gemacht - ohne jede Ausnahme. Und was das Schlimmste ist: Man gibt uns keine Perspektive."

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