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30 Leser unserer Zeitung erhalten im Plenarsaal der Paulskirche Informationen aus erster Hand. Oberbürgermeister Peter Feldmann (rechts) führt sie durch das historisch bedeutende Bauwerk, das nun saniert werden muss.

Mut zum Pathos

Sanierung in der Paulskirche: FNP Leser diskutieren mit Oberbürgermeister Feldmann

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Bei einem exklusiven Rundgang durch die Paulskirche erklärt Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) unseren Lesern, wie er sich die Zukunft dieses "Denkmals der Demokratie" vorstellt. Danach diskutieren sie, ob der Nachkriegsbau erhalten werden soll oder eine Rückkehr zum Klassizismus wünschenswert ist.

Frankfurt - Brigitte Krone ist gemeinsam mit ihrem Neffen zu unserer Leseraktion gekommen. Florian Schoelkens hat gerade sein Kunstgeschichtsstudium abgeschlossen. Für historische Bauwerke interessiert er sich sehr. Seine Leidenschaft ist gegen Ende der Veranstaltung zu spüren. Nach dem Rundgang durch die Paulskirche, an der Kaffeetafel im holzvertäfelten Magistratssitzungssaal, holt Schoelkens zu einem flammenden Plädoyer aus. "Ich verstehe nicht, wie man in Frankfurt auf die Idee kommen kann, dass die Rekonstruktion einzelner Gebäude den Zweiten Weltkrieg unvergessen machen könnte", sagt der 29-Jährige. "Da muss man doch nur mal über die Zeil laufen." Seine Tante sitzt neben ihm und nickt begeistert.

Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hört zu und lässt sich nicht anmerken, was er in dieser Streitfrage denkt. So wie um den Wiederaufbau der Altstadt wird derzeit um die Zukunft der Paulskirche gerungen, die Argumente ähneln sich. Die Gegner einer Rückkehr zum klassizistischen Originalbau werfen den Rekonstruktionsbefürwortern vor, die Gräueltaten der Nationalsozialisten ungeschehen machen zu wollen. Den nach dem Krieg schnell hochgezogenen Paulskirchenneubau wollen sie als Denkmal der bundesrepublikanischen Demokratie erhalten. Feldmann hat eine offene Debatte darüber gefordert, vermeidet es bisher aber, selbst Position zu beziehen.

Im betont nüchternen Plenarsaal der Paulskirche erklärt er den 30 Lesern unserer Zeitung, dass er sich eine lebendigere Diskussionskultur in diesem Raum wünsche, dass nicht nur steife Empfänge für "die sogenannte Stadtgesellschaft" dort stattfinden sollten, sondern die Paulskirche engagierten Schülern, Globalisierungskritikern, Bürgerinitiativen geöffnet werden sollte. Das steinerne Rednerpult, die festgeschraubten Stühle wären dafür ungeeignet, sagt Feldmann. Welche baulichen Veränderungen er sich über die Innenraumgestaltung hinaus vorstellen kann oder wünschen würde, verrät der Oberbürgermeister nicht. "Mein Punkt ist: Wir sollten Demokratie nicht nur durch Gebäude vermitteln, sondern durch Aktivität."

In einer Sache wird er jedoch konkreter. Er zeigt seinen Zuhörern ein Luftbild der Paulskirche samt Umgebung. Drei mögliche Standorte für ein "Demokratiezentrum" sind darin eingezeichnet. Mit kräftiger finanzieller Unterstützung des Bundes will Feldmann dieses Zentrum als Ergänzung und Erweiterung der Paulskirche bauen. Sein persönlicher Standort-Favorit sei der Parkplatz an der Berliner Straße, westlich der Paulskirche.

Peter Feldmann zeigt drei Standort-Vorschläge für ein neu zu errichtendes "Demokratiezentrum" neben der Paulskirche.

Bei der späteren Kaffeerunde im Römer gibt ein Leser, der mit dem Oberbürgermeister per du ist, zu bedenken: "Die Paulskirche ist ein besonderes Gebäude, auch die Nutzung darf nicht beliebig sein. Ich habe Angst, dass es zum bloßen Saalbau wird, wenn jeder darin machen darf, was er will." Den stärksten Applaus erhält er von Brigitte Krone und ihrem Neffen.

Dann ergreift sie selbst das Wort und erzählt von ihrer früheren Arbeit in der First-Class-Lounge der Lufthansa. "Fluggäste, die sechs Stunden Aufenthalt überbrücken mussten, haben mich immer wieder gefragt, was man sich in Frankfurt anschauen sollte. Ich habe Ihnen auch die Paulskirche empfohlen, die Wiege der deutschen Demokratie", sagt Krone. "Aber von hunderten Passagieren kam nicht einer zurück, den dieser Ort berührt hätte. Er lässt die Leute kalt." Frankfurt würde etwas mehr Pathos gut tun, sagt sie und stößt in der Runde auf Zurückhaltung bis Zustimmung.

Dann geht es noch auf den Balkon des Magistratssitzungssaals, der einen exklusiven Blick direkt auf die Paulskirche bietet. Zumindest daran, das steht jetzt schon fest, wird sich nichts ändern.

Die Paulskirche ist ein besonderes Gebäude, auch die Nutzung darf nicht beliebig sein. Sonst wird es zum Saalbau.

Die erste frei gewählte Volksvertretung in Frankfurt

Die Nationalversammlung tagte 1848 bis 1849 in der zum Parlament umgebauten Paulskirche. Es war die erste frei gewählte Volksvertretung, daher gilt der Ort als Geburtsstätte der deutschen Demokratie. Nach den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg blieb von der Paulskirche nur eine Ruine stehen. Doch die Stadt Frankfurt beeilte sich mit dem Wiederaufbau. 1949 wurde das umgestaltete Gebäude eröffnet. Die Innenräume haben seitdem nicht mehr viel mit der Paulskirche der Nationalversammlung zu tun. Ein Zwischengeschoss wurde eingezogen, der Plenarsaal nach oben verlegt und die auf Säulen stehenden Emporen weggelassen. Nun muss die Paulskirche umfassend saniert werden. 

Während die Römer-Koalition aus CSU, SPD und Grünen den Nachkriegsbau erhalten will, fordern die "Bürger für Frankfurt" (BFF) eine Rückkehr zum Vorgängerbau, zumindest in Teilen. Sie sprechen sich für "eine Rückkehr der Emporen in das Innere der Paulskirche" aus, "um das historische Plenum von 1848/49 als demokratischen Moment wieder erfahrbar zu machen." Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) will eine offene Debatte zu diesen Fragen. Und wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, sich daran zu beteiligen. 

Scheiben Sie uns Ihre Meinung:Soll die Paulskirche in ihrer heutigen Gestalt erhalten bleiben oder würden Sie eine Rekonstruktion begrüßen?

Ihre Zuschriften schicken Sie bitte an die: Frankfurter Neue Presse, Stadtredaktion, Frankenallee 71-81, 60327 Frankfurt, per Fax an (069) 75 01 42 32 oder per E-Mail an frankfurt@fnp.de. Wir behalten uns vor, Leserbriefe zu kürzen, damit möglichst viele Leser zu Wort kommen. 

von Daniel Gräber

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