Corona in Frankfurt: Viele Wirte sind „fassungslos“ wegen der kommenden Sperrstunde in der Gastronomie.
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Corona in Frankfurt: Viele Wirte sind „fassungslos“ wegen der kommenden Sperrstunde in der Gastronomie.

Corona-Infektionen

Streit um Sperrstunde in Frankfurt – Gastronomen sind sauer

  • Isabel Wetzel
    vonIsabel Wetzel
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  • Julia Lorenz
    Julia Lorenz
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Ab Freitag gilt wegen der stark steigenden Corona-Zahlen in Frankfurt eine Sperrstunde. Gastronomen sind sauer und fühlen sich zu Unrecht zum Sündenbock gemacht. Jetzt drohen Klagen.

  • Da die Corona-Infektionen in Frankfurt immer weiter zunehmen, hat die Stadt eine Sperrstunde für die Gastronomie veranlasst.
  • An den Maßnahmen, die die Ausbreitung des Corona-Virus eindämmen sollen, üben die Gastronomen heftige Kritik.
  • Einige wollen gerichtlich gegen die Beschlüsse der Stadt Frankfurt vorgehen.

Update vom Donnerstag, 08.10.2020, 13.30 Uhr: Die Stadt Frankfurt hat die Zeit für die Sperrstunde von 22 auf 23 Uhr nach hinten geschoben. Der Vorsitzende der Initiative Gastronomie Frankfurt, Madjid Djamegari, betonte am Donnerstag aber noch einmal, dass sich die Gastronomen dennoch dagegen wehren würden. „Es wird Eilanträge geben, dann werden Gerichte das entscheiden“, erklärt er. Eine Sperrstunde um diese Zeit mache keinen Sinn und sei unbegründet.

Der Anstieg der Infektionszahlen gehe nicht auf die Gastronomie zurück. Problematisch seien private oder illegale Partys, gegen die die Stadt bisher nicht ausreichend vorgegangen sei. „Wir sehen nicht ein, dass wir der Sündenbock sein sollen“, sagte Djamegari.
In der Initiative sind zahlreiche Frankfurter Gastronomen vertreten. Sie würden eine Sperrstunde ab Mitternacht akzeptieren, sagte Djamegari. Die Sperrstunde soll ab diesem Freitag (09.10.) für vorerst zehn Tage in Kraft treten.

Frankfurter Gastronomen: "Fassungslos" ob der Ankündigung

Erstmeldung vom 07.10.2020: Seit Dienstagnachmittag steht das Telefon von Kerstin Junghans, Geschäftsführerin des Kreisverbands Frankfurt des Hotel- und Gastgeberverbandes Dehoga, nicht mehr still. Kurz zuvor hatten Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) und Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) verkündet, dass angesichts der rasant steigenden Zahl von Neuinfektionen mit dem Coronavirus ab Freitag in Frankfurt eine Sperrstunde von 22 Uhr abends bis 6 Uhr morgens gilt - vorerst angesetzt für zehn Tage,

„Viele Gastronomen, aber auch Gäste, die einen Geburtstag oder eine Hochzeit in einem Restaurant feiern wollten, rufen uns an und fragen, wie es jetzt weitergeht“, erzählt Kerstin Junghans. Alle seien fassungslos ob der Ankündigung der Stadtregierung.

„Es hat bisher immer einen engen Austausch mit der Stadt gegeben. Wir waren immer kooperativ und haben viele Maßnahmen ergriffen, um unsere Mitarbeiter und Gäste in den Lokalen zu schützen“, sagt Junghans, die selbst Mitglied im Wirtschaftsstab der Stadt ist, der seit der Corona-Pandemie regelmäßig tagt. „Aber mit uns hat im Vorfeld niemand über die Pläne gesprochen. Das irritiert uns.“ Die Gastronomen selbst hätten den Verantwortlichen der Stadt dann eine Sperrstunde um Mitternacht angeboten oder, wenn es sein müsste, um 23 Uhr. Noch früher halten sie jedoch für nicht praktikabel.

Gastronomen entsetzt: „Ein erneuter herber Rückschlag für die Gastronomie“

„Wir haben doch unter anderem an den Partys auf dem Opernplatz gesehen, dass die Menschen sich nicht einsperren lassen“, sagt Junghans. Aber mit der angekündigten Maßnahme, Restaurants, Gaststätten und Bars um 22 Uhr zu schließen, würde man die Menschen wieder in „unkontrollierbare Zusammenkünfte“ schicken. „Und die Räume, die man kontrollieren kann, in denen sich an die Hygienebestimmungen gehalten wird, die macht man zu. Das macht uns sprachlos“, so die Geschäftsführerin. „Das ist ein erneuter herber Rückschlag für die Gastronomie.“ Per E-Mail hat sich Kerstin Junghans nun noch einmal an den Oberbürgermeister und Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) gewandt. „Wir sind gesprächsbereit“, so Junghans. „Vielleicht finden wir ja noch einen Konsens.“

Das hofft auch Gastronom James Ardinast, dem zusammen mit seinem Bruder unter anderem die „Bar Shuka“ und das „Stanley“ gehört. „Der Großteil der Gastronomen hat in der Vergangenheit gezeigt, wie verantwortungsvoll sie mit dem Thema Corona umgehen“, sagt er. Bisher hätte es nicht viele Ansteckungen mit Covid-19 in Frankfurter Restaurants und Lokalen gegeben. Nach Angaben Ardinasts seien es nur 2,5 Prozent aller Infektionen gewesen. „Umso unverständlicher ist die Maßnahme“, sagt Ardinast.

„Unfair“ und „unverhältnismäßig“: Frankfurter Gastronomen wehren sich gegen die Sperrstunde

Die Gastronomen hätten viel Geld in die Hand genommen, um den Gesundheitsschutz zu gewährleisten. So werden seine Lokale etwa mit Lüftungsgeräten ausgestattet, die auch in Operationssälen eingesetzt werden und die Luft zu 99 Prozent von Viren und Keimen befreit. Zudem seien die schon bestehenden Lüftungsanlagen überprüft und Infrarotstrahler für die Terrassen angeschafft worden. „Das hat uns mehrere Tausend Euro extra gekostet, was wir dem Gesundheitsschutz zu liebe aber gerne gemacht haben“, sagt der Gastronom. Wegen zwei, drei schwarzen Schafen in der Branche alle Gastronomen zu bestrafen hält Ardinast für „unfair“ und „unverhältnismäßig“.

Robert Mangold, Geschäftsführer unter anderem vom Restaurant „Lafleur“ und Café Siesmayer, hält die Maßnahme mit Blick auf das Ziel, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, für „kontraproduktiv“. „Der Corona-Verwaltungsstab greift unsere Betriebe mit dieser Maßnahme in einer Zeit an, in der sie gerade wieder begonnen haben, sich langsam .aufzurichten“, so Mangold, der auch stellvertretender Präsident der Dehoga Hessen ist. Seiner Ansicht nach müsse es gelingen, die Akzeptanz von Schutzmaßnahmen in Wirtschaft und Gesellschaft im Konsens zu schaffen. „Mit Maßnahmen wie diesen, die übers Ziel hinausschießen, erreichen wir das Gegenteil und erweisen dem Gesundheitsschutz einen Bärendienst.“

Gerichtliche Eilanträge gegen die Corona-Maßnahmen der Stadt

Für Madjid Djamegari, Vorsitzender der Initiative Gastronomie Frankfurt und Geschäftsführer des Gibson-Club, ist klar: „Wir werden das nicht akzeptieren.“ Gastronomen, die sich mit gerichtlichen Eilanträgen wehren wollen, sollen unterstützt werden. Beim Verwaltungsgericht Frankfurt war gestern noch kein Eilantrag wegen der bevorstehenden Sperrstunde eingegangen, wie eine Sprecherin auf Anfrage mitteilte.

Eine andere Maßnahme hat der Geschäftsführer der Restaurants „Pino“, „Thai and Turf“ und „T&T Steakhouse“ ergriffen. Auf dem sozialen Netzwerk Facebook verkündete Pino Fichera, dass Oberbürgermeister Peter Feldmann, seine Genossen, alle Ordnungsamtsmitarbeiter, Stadtpolizisten und Beamte der Landespolizei Hausverbot in seinen Lokalen haben. „Ohne dringenden Tatverdacht oder richterliche Anordnung wird Ihnen kein Einlass in unsere Restaurants bis auf Weiteres gewährt. Dies ist eine Reaktion auf Ihre inkriminierende Maßnahme gegenüber unseren seriös geführten Häusern.“ (Julia Lorenz)

Kommentar von Dennis Pfeiffer-Goldmann

Unverhältnismäßig handelt die Stadt mit Sperrstunde und Alkoholverbot nicht, sondern sehr zielgerichtet. Die normale Speisegaststätte hat ihr Abendgeschäft mit Freundestreffen, Familienschmaus, Business-Dinner bis 22 Uhr erledigt. Nur das gesellige Zusammensein im Anschluss wird gekappt. Damit der schöne Abend nicht in alkoholschwangere, enthemmte Sorglosigkeit ausartet. Verhältnismäßig ist das schon deshalb, da die Einschränkung bloß vorübergehend gilt. Zehn Tage? Club-Besitzer, Hotelbetreiber und Messebauer staunen neidisch. Treffen soll die Sperrstunde jene Bars, deren Wirte seit Monaten im Sinn guter Umsätze akzeptieren, dass vor allem jüngere Menschen bis in den Morgen eng zusammensitzend schwofen. Und die vielen Shisha-Lounges, in denen sich mancher Betreiber gar mit Livemusik vom DJ zur Alternative für die mit gutem Grund geschlossenen Clubs aufzuschwingen versucht. Dicht an dicht wird da gefeiert, getanzt. Masken, Mindestabstand? Feierlaune und bester Umsatz zählen! Höchste Zeit, dass die öffentliche Hand diese Rücksichtslosigkeit stoppt. Das wird eine Riesenaufgabe für die Stadtpolizei. Sie schützt nicht nur uns alle. Sie bewahrt auch die vielen korrekten Wirte, die Gäste gut schützen, vor noch mehr Schaden durch dreist tricksende, unverantwortliche Krisengewinnler.

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