Eine Männerhand hält eine junge, auf einem Bett sitzende Frau an ihrem Handgelenk fest. Laut Statistik hat die häusliche Gewalt in Corona-Zeiten in Frankfurt nicht zugenommen, aber viel mehr Frauen nehmen Beratungsangebote wahr. foto: dpa
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Eine Männerhand hält eine junge, auf einem Bett sitzende Frau an ihrem Handgelenk fest. Laut Statistik hat die häusliche Gewalt in Corona-Zeiten in Frankfurt nicht zugenommen, aber viel mehr Frauen nehmen Beratungsangebote wahr.

Corona

Frankfurt: Gewalt in der Pandemie offiziell nicht gestiegen

  • vonSarah Bernhard
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Die Angst, dass Frauen und Kinder während der Pandemie besonders leiden, ist statistisch unbegründet - mehr aber auch nicht.

Frankfurt -Während des ersten Lockdowns war die Sorge groß, dass die Gewalt in Familien steigt, je länger sie aufeinandersitzen. Für Städte wie Berlin und Hamburg hat sich diese Befürchtung bestätigt, für Frankfurt, zumindest laut Statistik, nicht. Schaut man sich die Brennpunkte genauer an, könnte die Lage demnächst dennoch eskalieren.

Gewalt gegen Frauen

Rund 1595 Fälle von häuslicher Gewalt gab es 2019 in Frankfurt, „ungefähr diesen Wert werden wir wohl auch 2020 erreichen“, sagt Kriminalkommissarin Nele Lange. Auch brutaler seien die Taten nicht geworden: Der Anteil von Sexualdelikten und schweren Körperverletzungen bei häuslicher Gewalt liege ebenfalls auf dem Niveau von 2019.

Sind die betroffenen Frauen vielleicht direkt geflüchtet, statt erst die Polizei zu rufen? 160 Frauen und Kinder hat der Frankfurter Verein für soziale Heimstätten von Januar bis November in seinen beiden Frauenhäusern aufgenommen, 14 mehr als im Vorjahr. Ein leichter Anstieg. Der allerdings nichts über den tatsächlichen Bedarf sagt, denn der übersteigt die Zahl der Plätze grundsätzlich. Stattdessen zeigen die Zahlen, dass mehr Familien, deren Situation sich stabilisiert hatte, in eigene Wohnungen oder die fünf Hotel-Apartments ziehen konnten, die Sozial- und Frauenreferat im Juli gemeinsam angemietet hatten - und so Plätze freimachten. 176 Personen haben im Laufe des Jahres das Frauenhaus wieder verlassen, im Vorjahr waren es 141. Wie viele Frauen einen Platz bräuchten, wird nirgends erfasst, gefühlt seien es aber nicht mehr gewesen als im vergangenen Jahr.

Zahl der Beratungen deutlich gestiegen

Die Situation im autonomen Frauenhaus ist ähnlich. Birgitt Schnitzler vom Verein „Frauen helfen Frauen“, der das Haus und gleichzeitig eine Beratungsstelle betreibt, sagt jedoch: „Die Beratungsanfragen sind deutlich gestiegen, die Zahl der Online-Beratungen hat sich sogar verdoppelt.“

Warum sich mehr Frauen beraten lassen als letztlich Schutz suchen, darüber können Schnitzler und ihre Kolleginnen nur spekulieren. Am wahrscheinlichsten sei, dass Paare aufgrund von Lockdown, Kurzarbeit und Homeoffice mehr Zeit miteinander verbracht haben und den Frauen dadurch bewusster geworden sei, dass jederzeit etwas passieren könnte. Da Online-Beratungen sehr niederschwellig seien, hätten sie sich zur Sicherheit schon einmal beraten lassen. Möglich wäre auch, dass die Unsicherheit durch die Pandemie so groß war, dass die Frauen sich nicht in noch größere Unsicherheit stürzen wollten. Dass sie nicht wussten, dass die Frauenhäuser geöffnet sind. Oder dass sie Angst hatten, sich im beengten Frauenhaus mit Corona anzustecken. „So oder so“, sagt Schnitzler, „sind wir sehr froh, dass wir das Online-Beratungsangebot schon vor Corona etabliert haben.“

Gewalt gegen Kinder

Durchschnittlich 43 Kinder pro Monat wurden laut Sozialdezernat 2020 vom Jugendamt in Obhut genommen. Im Jahr zuvor waren es durchschnittlich 53. Und auch die Zahl der begonnenen Gefährdungseinschätzungen, bei denen geprüft wird, ob das Kind aus der Familie genommen werden muss, lag 2020 mit 267 pro Monat etwas unter dem Schnitt von 2019 (280 Verfahren).

Die Statistik zeigt außerdem: Die erwartete Welle der nachgeholten Meldungen im Mai, dem Monat nach Ende des ersten Lockdowns, und im September, als die Schule wieder anfing, blieb aus. Die 25 Feldbetten, die etwa das Kinderheim Rödelheim als Puffer angeschafft hatte, blieben leer.

Über das Warum kann Dieter Kieweg von der Kommunalen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Auskunft geben, in dessen Zuständigkeitsbereich unter anderem die fünf kommunalen Erziehungsberatungsstellen fallen. „Die Kollegen dort haben beobachtet, dass die Situation im ersten Lockdown für einen Großteil der Familien entspannter war als sonst: Die Eltern waren daheim, hatten Zeit für die Kinder, und der Stressfaktor Schule fiel weg.“ Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) interpretiert das zunächst positiv: „Glücklicherweise hat die Corona-Pandemie bisher zu keiner sozialen Schieflage in Frankfurt geführt.“

Die Statistik des Sozialdezernats zeigt aber auch: Schulen und Kitas haben 2020 insgesamt deutlich weniger Fälle gemeldet als im Vorjahr. Die Lücke gefüllt haben Elternteile, Bekannte und Nachbarn. Dass das kein Grund zum Aufatmen ist, gibt auf Nachfrage auch Birkenfeld zu: „Wir müssen davon ausgehen, dass manches im Verborgenen geblieben ist und erst im Laufe dieses Jahres erkannt werden wird, wenn die Seismographen Kinderkrippe, Kindergarten, Schule und auch Kinderärzte wieder im vollen Umfang unser Netzwerk ,Frühe Hilfen‘ stärken.“

Jugendamtsmitarbeiter Kieweg sieht das ähnlich. Der Stress in den Familien steige, die Corona-Folgen belasteten Eltern und Kinder gleichermaßen. „Vielen Kindern fehlt gleichzeitig der Kontakt zu Gleichaltrigen, ein Raum, um sich auszuprobieren, Dinge zu tun, die sie daheim nicht machen würden.“ Manche dieser Kinder zögen sich zurück und verlören sich in einer Traumwelt aus Netflix und Computerspielen. „Sie gehen in die innere Migration.“

Corona belastet Eltern und Kinder

Doch auch hier kommt es darauf an. Ein Anruf im Sozialpsychiatrischen Zentrum Kijupsy für Kinder und Jugendliche. „Bei den Patienten, die wir sehen, gibt es keine dramatische Verschlechterung“, sagt Dr. Thomas Manthey, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie: leichte Schlafprobleme, leichtere Reizbarkeit, das sei alles. Allerdings sehe er auch nur diejenigen Kinder, deren Eltern genügend Motivation aufbrächten. „Die Kinder, die durch beengte Wohnverhältnisse oder häusliche Gewalt besonders schwer belastet sind, schaffen es gar nicht bis hierher.“

Sie kommen eher zu Daniel Schröder. Er leitet das Hilfswerk "Arche", das an seinen drei Standorten in Griesheim und der Nordweststadt Kinder betreut, deren Familien am Rand der Gesellschaft stehen. "Die Zündschnur der Kinder ist sehr kurz geworden", sagt er. Seit der Pandemie seien viele der jungen Besucher verunsichert und fühlten sich sofort angegriffen. Anders als beim ersten Lockdown, bei dem zunächst das Gefühl überwog, zusätzliche Ferien zu haben, hätten benachteiligte Kinder auf den zweiten überhaupt keine Lust mehr. "Eigentlich wären sie gerne außerhalb der Familie unterwegs, weil sie sich zu Hause nicht willkommen fühlen. Ein Junge hat zu mir gesagt: Du kannst jetzt nichts mehr machen außer Netflix gucken, also beamst du dich weg."

Schröders Beobachtungen bestätigt die sogenannte COPSY-Studie, für die Anfang Mai knapp 2000 Kinder und Eltern befragt wurden. 43 Prozent der benachteiligten Kinder und Jugendlichen gaben an, dass die Pandemie sie stark belaste, etwa durch Angstgefühle oder geminderte Lebensqualität. Bei den übrigen Kindern waren es nur 27 Prozent. Und das Problem werde sich noch verschärfen, glaubt Schröder. „Im ersten Lockdown war in den Familien noch viel Pufferzone da. Mittlerweile spüre ich bei den meisten Erschöpfung, die gefühlte Kraft hat abgenommen.“ Er hofft deshalb, dass der neue Lockdown nicht noch weiter verlängert wird. „Ich mache mir große Sorgen, dass dann etwas herauskommt, das bisher noch unter der Oberfläche lag.“ (Sarah Bernhard)

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