+
Ist Griesheim ein sozialer Brennpunkt? Der Bürgerverein wehrt sich dagegen. Auch, weil die Vorsitzende in einem Faltblatt angegriffen wurde. 

Ist Griesheim ein sozialer Brennpunkt?

Frankfurter Stadtteil leidet unter schlechtem Image

Ist Griesheim ein sozialer Brennpunkt? Der Bürgerverein wehrt sich dagegen. Auch, weil die Vorsitzende in einem Faltblatt angegriffen wurde. 

Frankfurt -  "Unser Stadtteil ist kein ,sozialer Brennpunkt' und auch nicht der ,ärmste Stadtteil der Stadt Frankfurt' ", heißt es in dem Faltblatt. Auf zwei Seiten wird der früheren Leiterin der Berthold-Otto-Schule, Ingrid König, und der Vorsitzenden des Vereinsrings Griesheim, Ursula Schmidt, vorgeworfen, falsche Behauptungen über Griesheim zu verbreiten und den Stadtteil schlecht zu reden.

Ingrid König, langjährige Leiterin der Grundschule in einem der sozial schwächsten Bezirke Griesheims und Vorsitzende des Interessenverbands Frankfurter Schulleiter, hatte zu ihrer Pensionierung das Buch "Schule vor dem Kollaps" veröffentlicht und darin die Probleme beschrieben, mit denen Schulen heute zu kämpfen haben. 

Die Griesheimer "Brennpunktschule"

Dabei hatte sie ihre eigene Schule als "Brennpunktschule" bezeichnet; die Schulleiter fühlten sich im Stich gelassen. Wegen ihres Engagements war Ingrid König zwei Mal von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Diskussionen nach Berlin eingeladen worden.

"Die ehemalige Leiterin der Berthold-Otto-Schule (...) hat unseren Stadtteil Griesheim mit einer bundesweiten Pressekampagne in einer nicht hinnehmbaren Berichterstattung skandalisiert", heißt es nun in dem Faltblatt, das mit "Bürgerverein Griesheim informiert!" überschrieben ist. Die Vorsitzende des Bürgervereins, Marita Seifarth, hatte vor der Verteilung des Faltblatts gegenüber unserer Zeitung die gleichen Vorwürfe erhoben und angekündigt, strafrechtlich und mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Ingrid König vorzugehen.

Frankfurt Griesheim: Persönliche Angriffe

Außerdem wolle sie auch Ursula Schmidts "Aktivitäten, den Stadtteil zu diskreditieren", rechtlich einen Riegel vorschieben. Mit dem Faltblatt, das seit Donnerstag tausendfach in Griesheim verteilt worden ist, hat sich der Bürgerverein nun selbst einen juristischen Fauxpas geliefert. Darin enthalten sind persönliche Angriffe gegen Ursula Schmidt, der angeraten wird, "sich mit ihrer Insolvenz zu befassen und die angebliche Armut in Griesheim nicht zu kommentieren".

Dagegen wird sich die Vorsitzende des Vereinsrings Griesheim, die im vergangenen Jahr erst für ihr vielfältiges Engagement mit der Bürgermedaille der Stadt Frankfurt ausgezeichnet worden ist, nun rechtlich zur Wehr setzen: 

"Ich habe den Verein angeschrieben und einen Verteilungsstopp gefordert. Außerdem werde ich eine einstweilige Verfügung gegen alle Vorstandsmitglieder des Bürgervereins erwirken." Ihr Ziel sei eine öffentliche Richtigstellung - in mindestens derselben Auflage und Verbreitung wie das Flugblatt

Die Veröffentlichung habe seit Donnerstag dazu geführt, dass sie unentwegt angerufen, auf der Straße beim Einkaufen angesprochen und regelrecht mit E-Mails überflutet werde: "Das werde ich nicht auf mir sitzen lassen", sagt Ursula Schmidt, "das kann ich gar nicht."

Skandale in Griesheim: "Ich bin Realist"

Schmidt ist nicht nur langjährige Vorsitzende des Vereinsrings Griesheim, sondern auch Vorsitzende des regionalen Präventionsrats Griesheim, der sich mit Missständen im Stadtteil befasst und sie offen anspricht. Sie sagt: "Ich engagiere mich seit Jahrzehnten für Griesheim, weil ich diesen Stadtteil liebe, aber ich bin Realist." Vor den zum Teil "immensen Problemen" könne man nicht die Augen verschließen.

Anfangs habe sie mit Marita Seifarth und dem Bürgerverein zusammengearbeitet, erläutert Ursula Schmidt. Aber seit Jahren gehe man "getrennte Wege".

Seit Jahren gebe es immer wieder Angriffe gegen ihre Person. Der Bürgerverein, in dessen Impressum Marita Seifarth als rechtlich Verantwortliche genannt wird, stehe mit seiner Einschätzung, dass Griesheim eine gute Sozialstruktur aufweise, "ziemlich isoliert".

Von Holger Vonhof

Lesen Sie auch:

Griesheim: Viel schöner, als viele denken

Griesheim blickt auf eine bald 1200-jährige Geschichte zurück und besticht mit eigenem Yachthafen. Aber dem Stadtteil hängt auch der Ruf der „Bronx von Frankfurt“ nach. Zu Unrecht, wie der Gästeführer Sascha André Mahl in seinen Touren zu veranschaulichen sucht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare