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Frankfurt: Wird Wasserkraftwerk der Zufluss abgedreht?

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Von: Holger Vonhof

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Die drei Walzen des Wehrs an der Griesheimer Staustufe sind jeweils 40 Meter breit; die maximale Fallhöhe des Wassers beträgt knapp 4,50 Meter. Die dabei entstehende Energie treibt die drei Turbinen des Laufwasserkraftwerks an.
Die drei Walzen des Wehrs an der Griesheimer Staustufe sind jeweils 40 Meter breit; die maximale Fallhöhe des Wassers beträgt knapp 4,50 Meter. Die dabei entstehende Energie treibt die drei Turbinen des Laufwasserkraftwerks an. © Holger Vonhof

Die Stromerzeugung in der Staustufe Frankfurt-Griesheim ist gefährdet. Jetzt könnte die Anlage abgeschaltet werden.

Frankfurt – Die Stromerzeugung in der Staustufe Griesheim ist durch Auflagen der Genehmigungsbehörde bedroht - das hat der Magistrat eher in einem Nebensatz in einer Stellungnahme an den Ortsbeirat 1 (Altstadt, Bahnhofsviertel, Europaviertel, Gallus, Innenstadt) mitgeteilt. Der dortige Ortsbeirat hatte angefragt, welche Möglichkeiten zur Nutzung von Wasserkraft im Innenstadt-Bereich des Mains bestehen. Die Antwort: keine, denn die Fließgeschwindigkeit in diesem Abschnitt ist wegen des von den Staustufen Offenbach und Griesheim aufgestauten Wassers mit unter einem Meter in der Sekunde zu gering.

Aufhorchen lässt aber ein Nebensatz in dieser Stellungnahme: "Die Stromerzeugung in der Staustufe Griesheim ist durch Auflagen der Genehmigungsbehörden bedroht." Gegebenenfalls müsse damit gerechnet werden, dass die Anlage wegen der Auflagen "abgeschaltet oder der Betrieb stark eingeschränkt werden muss", teilt die Stadt mit. Und rechnet vor: "Für Frankfurt würde das die Erhöhung der CO2-Emissionen um etwa 11 000 Tonnen bedeuten." Zum Vergleich: Ein Berufspendler verursacht im Schnitt bei einer Gesamt-Pendelstrecke von 40 Kilometern rund 1,5 Tonnen CO2 pro Jahr. 40 Kilometer hin und zurück, das fahren Pendler aus dem Rodgau, aus Hofheim, Rüsselsheim oder Hanau im Tagesschnitt.

Staustufe Frankfurt-Griesheim: Das Problem mit dem Mindestwassererlass

Das Problem, das die Stadt in ihrer Stellungnahme anspricht, trifft alle Betreiber von Wasserkraftwerken - das sind in Hessen mehr als 600. Sie wehren sich dagegen, den 2017 in Kraft getretenen "Mindestwassererlass" der hessischen Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) umzusetzen. Dieser Erlass soll die Fische schützen: Fischtreppen und Umgehungsgewässer brauchen gerade jetzt im Sommer genügend Wasser, um das Überleben der Fische zu gewährleisten. Gegenüber der alten Erlasslage verdrei- bis vervierfacht der jüngste Erlass die an Fischtreppen und Umgehungsgewässer abzugebende Mindestwassermenge - Wasser, das nicht mehr zur Stromerzeugung zur Verfügung steht.

Die Arbeitsgemeinschaft Hessischer Wasserkraftwerke (AHW) spricht von einem Erzeugungsverlust von etwa 20 Prozent; in Hessen käme so der Stromverbrauch von Privathaushalten einer Stadt in der Größenordnung von Gießen, Marburg oder Hanau zusammen. Die Arbeitsgemeinschaft befürchtet, dass damit die Rentabilität von zwei Dritteln aller hessischen Wasserkraftwerken nicht mehr gegeben sei.

Naturschützer fordern Abschaltung der Wasseranlage in Frankfurt-Griesheim

Das Gegenargument führt der Gewässerexperte des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschlands (BUND), Dr. Hans-Joachim Grommelt, an: Rund 10 bis 50 Prozent aller flussabwärts schwimmenden Fische verendeten in der Turbine einer Wasserkraftanlage. Wenn an einem Fluss mehrere Wasserkraftanlagen bestünden, führe dies dazu, dass praktisch keine Wanderfische - etwa Aale - den Unterlauf des Flusses erreichten. Der BUND hält das Abschalten der Wasserkraftwerke für vertretbar: Die rund 600 hessischen Wasserkraftwerke erzeugten nur etwa 1 Prozent des Strombedarfs im Land. Die AHW spricht von 3 Prozent.

Das Wasserkraftwerk Griesheim, betrieben vom Wasser- und Schifffahrtsamt Aschaffenburg und im Besitz des Bundes, ist mit einer Nennleistung von 6,8 Megawatt das größte Laufwasserkraftwerk in ganz Hessen; den erzeugten Strom vertreibt die Mainova unter dem Öko-Tarif Novanatur. In Eddersheim wird gerade ein Pilotprojekt mit fischfreundlichen Turbinen durchgeführt. Insgesamt erzeugen die 621 hessischen Wasserkraftwerke etwa 92 Megawatt. Zum Vergleich: Die beiden Wasserkraftwerke am Edersee produzieren etwa 625 Megawatt.

Staustufe in Frankfurt-Griesheim: Negative Auswirkungen der Wasserkraft überwiegen

Der Mindestwassererlass ist derzeit außer Kraft gesetzt und wird überarbeitet; eine Neufassung soll jetzt im 3. Quartal 2022 vorgelegt werden. Allerdings: Wasserkraft könne für die nachhaltige Stromerzeugung sowie den Klima-, Emissions- und Ressourcenschutz nur dann positiv sein, wenn die negativen Auswirkungen auf die Gewässerökologie die positiven Effekte nicht überwiegten, gibt das hessische Umweltministerium vor.

Das Dilemma: Die Nutzung der Atomkraft soll in diesem Jahr komplett auslaufen; Grünen-Chefin Ricarda Lang hat gerade in einem ZDF-Interview betont, dass es mit ihr keine Verlängerung geben werde. Strom aus Kohle soll bis 2038 nicht mehr produziert werden. Für große Windparks in Nord- oder Ostdeutschland müssen neue Hochspannungsleitungen durch die Republik gebaut werden - dagegen gibt es Widerstand. Existieren Alternativen, etwa in der Nutzung von Wasser, in dem keine Fische leben? Stromgewinnung aus Abwasserleitungen ist aufgrund des Verschmutzungsgrades und der fehlenden Fallhöhe technisch nicht leicht umzusetzen. In Frankfurt gibt es eine einzige Anlage, und zwar im Industriepark Höchst. Sie wird allerdings mit zuvor geklärtem Abwasser betrieben.

Umweltschützer waren empört: In der Vergangenheit sorgte Anglermüll für Ärger an der Staustufe in Frankfurt-Griesheim.

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