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Frankfurt: Große Literatur im Schatten des Industrieparks

  • Holger Vonhof
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Der Debüt-Roman "Streulicht" spielt in Sindlingen. Das Buch hat es auf die " Shortlist" geschafft und ist damit für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert.

"Die Luft verändert sich, wenn man über die Schwelle des Ortes tritt. Eine feine Säure liegt darin, etwas dicker ist sie, als könnte man den Mund öffnen und sie kauen wie Watte. Niemandem hier fällt das mehr auf, und auch mir wird es nach ein paar Stunden wieder vorkommen wie die einzig mögliche Konsistenz, die Luft haben kann. Jede andere wäre eine fremde. Auch mein Gesicht verändert sich am Ortsschild, versteinert zu dem Ausdruck, den mein Vater mir beigebracht hat und mit dem er noch immer selbst durch die Straßen geht." So beginnt Deniz Ohdes Debüt-Roman "Streulicht". Das Buch hat es gerade auf die "Shortlist" geschafft, ist zusammen mit fünf anderen Titeln für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert. Die Autorin, 1988 in Höchst geboren, ist in Sindlingen aufgewachsen. Und obwohl der Name des Stadtteils niemals auf den 288 Seiten fällt, erkennt man ihn.

Hinter allem die Industriepark-Schlote

Da ist die Rede von der "Endhaltestelle, wo die Busse eine Schleife fahren und dann vor dem Haupteingang des Friedhofs eine Pause einlegen". Von den Dächern "der neben dem Weg zur Großen Eiche aufgereihten Einfamilienhäuser". Vom "Zeitschriftenladen mit der zwanzig Jahre alten Schaufensterdekoration". Vom Mainberg, vom Reitstall. Und von den Schornsteinen des Industrieparks, die im Hintergrund rauchen.

Die Autorin Deniz Ohde lebt jetzt in Leipzig; sie weiß vielleicht nicht, dass die große Eiche inzwischen gefällt ist. Aber das Sindlingen ihrer Jugendtage, in das die Erzählerin zu Beginn des Romans für einen Besuch zurückkehrt, ist ohnehin eher exemplarisch. Es steht für eine Arbeiter-Vorstadt, in der Lebensgeschichten wie die ihre entstehen, und in der Menschen ihren Weg gehen auch über Widerstände hinweg. Die Ich-Erzählerin ist Kind einer türkischen Mutter und eines deutschen Vaters, der 40 Jahre lang im Industriepark Aluminiumbleche in Laugen getunkt hat. Die Mutter ist vor Armut und Eintönigkeit aus einem 500-Seelen-Dorf an der Schwarzmeerküste geflohen, in eine andere Eintönigkeit, aus der heraus der Vater zu trinken beginnt. Der Industriepark mit seinen Schloten prägt das Umfeld der Erzählerin. Weht der Wind ungünstig, riecht es streng. Wenn etwas vom Himmel rieselt, "bekommen die Bewohner Gutscheine für die Autowäsche", liest man. Im Haus wohnt nicht nur ein "Mann mit Vokuhila und zwei Hunden", sondern auch der Großvater der Ich-Erzählerin, der zwar kaum noch etwas sieht, aber die Bombennächte des letzten Weltkriegs immer wieder zu durchleben scheint. Jeder ist für sich; man trifft sich nicht einmal mehr zu den Mahlzeiten. "Es gab nichts zu erleben bei mir zu Hause", lässt Deniz Ohde ihre Ich-Erzählerin berichten.

Es sind Traumata, die zur Sprache kommen - Traumata, über die nicht gerne geredet wird. Immer wieder geht es auch um das Handgranaten-Attentat von 1996, bei dem sich eine Frau in der Christmette mit zwei Handgranaten in die Luft sprengte und zwei unbeteiligte Frauen mit in den Tod riss. Verdrängte Realität.

Es geht um den "gutbürgerlichen Teil" des Orts - und den anderen. Und es geht um Fremdenfeindlichkeit, mit der auch sie immer wieder zu tun hat, obwohl sie die Sprache ihrer Mutter nicht einmal spricht und den Vorzug zweier Vornamen nutzt, indem sie den türkischen nicht verwendet. Fremdheit ist ein zentrales Thema, das Nicht-Dazugehören, unter dem Menschen mit Migrationshintergrund oder nicht privilegierter Herkunft leiden.

Kein Vertrauen in die Stärken

Der Vater ist bildungsfern, deshalb traut man ihr nichts zu. Weil die Mutter Türkin ist, wird die Tochter rassistisch angegangen. Als sie dann aufs Gymnasium darf, dient sie dem Lehrer dort als Beispiel für die "ausländischen Kinder". Sie wird nicht in die Oberstufe versetzt, holt die 10. Klasse auf der Abendschule nach, macht deutlich früher als ihre bessergestellten deutschen Freunde ein hervorragendes Abitur und studiert. Es ist auch eine Abrechnung mit dem Bildungssystem, das dem Mädchen aus einfachem Hause die Schuld gibt an ihrem abgebrochenen Bildungsweg.

Deniz Ohdes "Streulicht", erschienen bei Suhrkamp, ist bereits der Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung 2020 zugesprochen worden. Jetzt ist er für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert. Am 12. Oktober wird der Preis verliehen - an einen der Nominierten. Holger Vonhof

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